Französische Miniaturen aus Russland

Als ich vergangenen Sommer mit der Allerliebsten in Helsinki war, besuchten wir auch ein Antiquariat: Das Laterna Magica. Da kaufte ich unter anderem das Bildkarten-Set Fourteenth-Century French Miniatures: Le Roman d’Athis et Prophilias ou le Siège d’Athènes by Alexandre de Bernay.

Der französische Autor Alexandre de Bernay (ca. 1150–ca. 1190) verfasste um 1180 das Versepos Li romans d’Alixandre – eine Biografie Alexander des Grossen in der Form eines höfischen Romans. Das Werk war ungeheuer erfolgreich – wenn wir heute vom Versamass des Alexandriners sprechen, so geht das auf dieses Buch zurück.

Li romanz d’Athis et Prophilias nun war ein früheres Werk des Autors.

Dieser lange und verworrene Roman in Versen ist der Freundschaft des Atheners Athis mit dem Römer Prophilias gewidmet. Athis tritt seine Frau dem Prophilias ab, der diese liebgewonnen hat. Prophilias rettet bald darauf seinem Freund das Leben. Darauf verliebt sich Athis in Gaiete, die Schwester des Prophilias, die ehedem Bilas, dem König von Sizilien, als Frau zugesprochen war. Die Heirat von Athis und Gaiete wird zum „casus belli“ zwischen Theseus, dem Herzog von Athen, einerseits und dem König Bilas sowie Telamon, der Herzog von Korinth, andererseits. Der Verfasser beschreibt ausführlich und malerisch die Kriegshandlungen und die Belagerung Athens. Während eines Waffenstillstands begegnet Bilas Sabina, der Schwester von Athis, die bei ihm eine starke Zuneigung erweckt. Ihre Liebe und Heirat versöhnt die sich befehdenden Parteien. Der Roman endet mit der Aufhebung der Belagerung von Athen und mit einem Fest zu Ehren der Neuvermählten.
Westeuropäische Buchmalerei des 8. bis 16. Jahrhunderts. Tamara Woronowa/Andrej Sterligov. Parkstone International 2019, S. 123

Eine Handschrift dieses Romans aus dem 12. Jahrhundert entstand Anfang des 15. Jahrhunderts und wurde in die Sammlung von Philip dem Kühnen, dem Herzog von Burgund, aufgenommen. Diese Handschrift enthält 26 Miniaturen, also Buchillustrationen.

Die Illustrationen des Leningrader Codex […] werden einem Illuminator zugeschrieben, den Meiss als „Meister der Krönung der Jungfrau Maria“ nach einem Frontispiz mit diesem Sujet im Exemplar der „Legenda aurea“ von 1403 […] bezeichnet. Dieser Maler, gebürtig aus Flandern (vielleicht auch Brügge), kam Ende des 14. Jahrhunderts nach Paris. Er wurde zu einem der glänzendsten Vertreter der Pariser Schule, arbeitete aber offensichtlich nicht lange, denn alle von ihm bekannten Werke werden vor 1404 datiert, wobei er in der letzten Periode (1402 bis 1404) die Handschriften nicht nur für den Herzog von Berry, sondern auch für Philipp den Kühnen ausschmückte. In diese Jahre ist allem Anschein nach auch der Leningrader Codex zu datieren, der für den Herzog von Burgund angefertigt wurde […].
Westeuropäische Buchmalerei des 8. bis 16. Jahrhunderts. Tamara Woronowa/Andrej Sterligov. Parkstone International 2019, S. 123f.

Ende des 18. Jahrhunderts gelangte die Handschrift in die Hände des russischen Diplomaten und Sammlers Peter Petrrowitsch Dubrowski (1754–1816), weswegen sie schliesslich nach Sankt Petersburg kam und heute in der Russischen Nationalbibliothek liegt.

Das Kartenset gab die Wissenschaftlerin Tamara Woronowa 1983 heraus – damals war Petersburg noch Leningrad, und die Russische Nationalbibliothek war noch die Michael-Saltykow-Schtschedrin-Bibliothek. Von den 26 Miniaturen in der Handschrift sind 17 im Kartenset zu finden; es handelt sich um jene, die nie zuvor veröffentlicht wurden. Dass man die restlichen 9 Miniaturen weggelassen hat, halte ich dennoch für einigermassen kurios.

Das Set besteht aus 16 Bilderkarten (das Format und die Machart entspricht der von Postkarten) sowie einem faltbaren Umschlag.
Auf der Innenseite des Umschlags gibts eine allgemeine Erläuterung zu den französischen Miniaturen und ein paar Sätze zur Athis-und-Prophilias-Handschrift. Auf der Rückseite jeder Bildkarte ist kurz beschrieben, was in der Illustration zu sehen ist, auf welcher Seite im Codex sich das Original befindet und wie gross das Bild im Original ist.
Die Erläuterungen sind auf Russisch und Englisch geschrieben.

Das englische Titelblatt zeigt ein Bild von Gaiete auf der Reise zu König Bilas. Das Motiv hat auch eine eigene Karte.
Keine eigene Karte hat dagegen das russische Titelblatt. Das Bild zeigt die Rückkehr von Athis nach Athen. (Das ist neben den 16 Karten die 17. Illustration insgesamt.)

Die Bilder zeigen jeweils eine Episode aus dem Roman. Dazu sind immer etwas umliegender Text und Dekoelemente aus der Handschrift zu sehen.

Wenn ich das richtig sehe, sind die Reproduktionen leicht grösser als im Original. Auf der Rückseite der ersten Karte (Romans Merry-making Before the Abduction of the Sabine Women) zum Beispiel sind die Masse mit 7.8×6 cm angegeben; auf der Karte misst die Illustration allerdings 8.7×6.8 cm.
Die genauen Grössenverhältnisse unterscheiden sich von Bild zu Bild ein wenig.

Diese Art der Kunstpublikation erinnert entfernt an japanische Holzschnitte, die ja oft auch in Sets verkauft wurden, die man in Umschlägen, Mappen oder Kistchen sammelte. Eine schöne Alternative zum üblichen Buchformat.

Ich habe eine Schwäche für mittelalterliche Illustrationen, vor allem dort, wo die Bildsprache ins Cartooneske abdriftet. So sind auf zwei Bildern im vorliegenden Set Menschen an Bord von Schiffen zu sehen, wobei die Leute viel grösser (oder die Schiffe viel kleiner) als normal gemalt sind.
Oder da gibt es eine Darstellung der Belagerung von Athen, auf der die Leute über Häuser und Mauern hinausragen.
Was Grössenverhältnisse und Perspektiven anbelangt, nehmen sich mittelalterliche Maler oft so einige Freiheiten – aber genau diese Freiheiten faszinieren mich immer wieder.

Fourteenth-Century French Miniatures: Le Roman d’Athis et Prophilias ou le Siège d’Athènes by Alexandre de Bernay.
16 Bildkarten, 1 Umschlag. Ca. 15×10.5 Zentimeter.
Herausgeberin: Tamara Woronowa
Aurora Art Publishers, Leningrad 1983
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