Mailand 2020: Kampf gegen den Faschismus. Fressen und Saufen.

Reisebericht | Ulla M. Brella wohnt vorübergehend in Mailand. Die Gruppe Konverter besucht sie dort um das Wochenende vom 11./12. Januar 2020. Ein Protokoll aus der Sicht von Armada und Rogerg.

Armada und Rogerg kommen am Busbahnhof Lampugnano an. Dank extensivem Sonnenschein erscheint ihnen die Station nicht ganz so traurig wie letztes Mal.

Die zwei fahren mit der M1 ins Zentrum. Raus aus der Metro, rauf an die Sonne. Auf der einen Seite das Castello Sforzesco. Auf der anderen Seite ein Reiterdenkmal von Guiseppe Garibaldi – sein Pferd streckt Armada und Rogerg den Hintern entgegen.

Zmittag in der Vecchia Brera, einem alten verwinkelten Restaurant. Es herrscht feuchte Wärme. Die Besucher nehmen auf roten Ledersitzen Platz. An den Wänden Täfelung mit eingelassenen Spiegeln. Ein Oberlicht aus Bleiglasfenstern. In der hintersten Ecke eine enge Wendeltreppe.
Risotto mit Scampi und Limette für Armada. Ein Cotoletta alla milanese für Rogerg. Nicht überragend, aber okay.

Auf dem Weg zum Hotel Ornato im Stadtteil Niguarda: Ein Wandgemälde. Niguarda antifascista, entstanden 2014 im Auftrag der Associazione Nazionale Partigiani d’Italia (ANPI), also der Nationalen Vereinigung der Partisanen von Italien. Das Werk ist insbesondere Gina Galeotti Bianchi (1913–1945) gewidmet. Die Frau war zusammen mit ihrem Mann, Bruno Bianchi, im antifaschistischen Widerstand engagiert (Kampfname Lia) und wurde am 25. April 1945 in der Nähe des Hospital Niguarda von deutschen Soldaten niedergeschossen. Sie war auf dem Fahrrad unterwegs, zusammen mit Stellina Vecchio (1921–2011, Kampfname Lalla). Vecchio engagiert sich auch nach dem Krieg noch jahrzehntelang in der Politik, unter anderem in der ANPI. Galeotti Bianchi war zum Zeitpunkt ihres Todes schwanger.
In Nigaurda liegt auch der Giardino Gina Galeotti Bianchi, ein kleiner Park, der 2005 nach ihr benannt wurde.
Dort, wo Gina Galeotti Bianchi erschossen wurde, hängt eine Plakette zu ihrer Erinnerung – man findet dies Plakette an der Via Imperatore Graziano, 32, gegenüber dem Ristorante Auto Club.
Das Wandgemälde wurde schon mehrmals mit Hakenkreuzen besprayt, die Gedenktafel am Giardino Gina Galeotti Bianchi wurde mindestens einmal zerstört. Umso wichtiger ist es, sich an die Frau zu erinnern.

Znacht. Un posto a Milano war früher ein Bauernhof – heute ists ein Kulturort mit Hotel und Restaurant. Letzteres: Ein hoher Raum mit Backsteinwänden. Neben den KellnerInnen kümmert sich ein Sommelier um die Gäste. Er schenkt regelmässig nach, was einerseits gastfreundlich ist, andererseits ständig das Gespräch am Tisch unterbricht. Eine unnötige Marotte besserer Restaurants.
Chefkoch: Nicola Cavallaro. Highlights unter den Esswaren:

  • Stracciatella di bufala mit Sardellen
  • Längliche Ravioli mit Kürbiskernfüllung, Scampi und Tomaten
  • Faraona-Roulade mit Kastanien (Faraona = Perlhuhn)
  • Semifreddo (Eisparfait) mit Nuss und Salz

Danach: Ein sogenannter caffè cuccagna für Rogerg. Es kommt eine Tasse mit einem Filter, darin Kaffeepulver, dazu eine Kanne mit heissem Wasser. Also ein Filterkaffee zum Selbermachen am Platz. Rogerg passt nicht auf, die Tasse überläuft.
Im Sommer ist der Ort sicher noch etwas schöner, wenn der Garten in Blüte ist und Tische draussen stehen.

Gleich um die Ecke des Posto liegt das Centro sociale autogestito Vittoria (CSA Vittoria): Ein autonomes Zentrum. Die Türen sind zu, aber man hört eine Band bei der Probe. Der Plastikschutz an den Fenstern ist teils weggeschmolzen. (Im folgenden Bild rechts.)

Zurück im Hotel. Hotelbadzimmerlicht kennt kein Mitleid. Es sagt: „Mach ein paar Liegestütze, du fettes Stück Scheisse.“

Morgens. Dieses strahlende Frühlingswetter im Januar ist angenehm, aber besorgniserregend. Im Fernsehen Berichte über Waldbrände in Australien.

Panificio Di Vita. Eine herzige kleine Bäckerei/Konditorei beim Hotel. Es gibt Croissants mit Füllung: Honig und Pistaziencreme.

Treffen der Gruppe Konverter beim Milano Centrale, genauer gesagt, beim Mela Reintegrata – einer grossen Apfelstatue. Wurde 2015 im Zusammenhang mit der Weltausstellung aufgestellt. Künstler: Michelangelo Pistoletto.
Das Zusammenkommen der Gruppe verzögert sich – Verspätung im Zugverkehr. Nicht etwa die Trenitalia trägt Schuld, sondern die SBB.

Piadine und Sandwiches im Nico Quick Bite. Die Letzten treffen ein, die Gruppe Konverter (plus 1) ist vollzählig.

  • Ulla M. Brella
  • Sally
  • Al Brecht
  • Inadina
  • Orpheus Izot
  • Barry Bernhard
  • A. Nutella
  • Armada Limmat
  • Rogerg

Angeführt von Ulla M. Brella gehts zum Palazzo di Brera. Jenerwelcher war einst ein Jesuitenkolleg, enthält heute aber unter anderem die Accademia di Belle Arti di Brera – die Kunstakademie.
In der Mitte des Innenhofs steht eine Statue Napoleons als friedensbringender Mars (von Antonio Canova, 1811). Er ist nackt, nur ein Blatt bedeckt seine Scham. Der Kaiser trägt keine Kleider.
Zwischen den Säulen: Standbilder wichtiger Mailänder Gelehrter (im Gegensatz zu Napoleon sind sie angezogen). Unter anderem ist da eine Skulptur des Sprachforschers und Münzkundlers Graf Carlo Ottavio Castiglioni (1784–1849). Sein Spezialgebiet waren arabische Münzen, ausserdem gab er Teile von Wulfilas gotischer Bibel heraus. Die Skulptur (von Antonio Galli, 1855) zeigt den Grafen beim Checken seiner Whatsapp-Nachrichten.

Die Gruppe Konverter lässt das Kunstmuseum (Pinacoteca di Brera) links liegen, sie wirft aber einen Blick durch eine grosse Glasscheibe in die Biblioteca Nazionale Braidense. Bücher. So viele Bücher.
Hinter dem Palazzo liegt der Orto botanico di Brera, also ein botanischer Garten. In zwei Beton-Teichen halten Fische Winterschlaf. Seltsam geformte Gartenstühle zwischen den Beeten. Eine schwarze Katze schleicht herum und wird von Touristinnen und Touristen zigfach abfotografiert.

Die Gruppe Konverter geht weiter. Ein Strassenmusiker spielt auf einem Theremin.

Teatro alla Scala. Galleria Vittorio Emanuele II. Der Duomo. Das Übliche halt.

Als die Kirche Santa Maria presso San Satiro Ende des 15. Jahrhunderts gebaut wurde, gabs ein Problem – weil die Via Falcone im Weg war, konnte der Chor (der hintere Teil der Kirche mit dem Altar) nicht so weit ausgebaut werden wie nötig. Um zumindest den Anschein eines grossen Chors zu erwecken, arbeitete der Renaissance-Künstler Donato Bramante (1444–1514) mit relief-artigen Wandvorlagen und einem perspektivischen Wandgemälde. Kommt man von vorne ins Kirchenschiff hinein, ist die optische Illusion ziemlich perfekt. Von der Seite her weniger.
An das linke Seitenschiff ist eine kleine Kapelle herangebaut, die Sacello di San Satiro. Diese enthält eine Pietà – eine Darstellung der Maria mit dem Leichnam Jesu in den Armen (von Agostino de Fondulis, 15. Jh.). Die Pietà liegt im Dunkeln. Aber man kann eine Münze einwerfen, dann wird sie von den Seiten beleuchtet. Das kostet einen Euro.

Ulla führt die Gruppe weiter zum Castello Sforzesco und dem dahinter liegenden Parco Sempione. Armada und Rogerg kennen das schon, deswegen seilen sie sich zwecks Shoppingtour ab.

Speiseeis aus der Gelateria Casa infante: Nocciola mit Pistaziencreme sowie Fior di latte mit salziger Caramelcreme. Armada und Rogerg essen ihre Glacé auf der Treppe der Chiesa die San Giorgio al Palazzo. Als die zwei merken, dass sie den Besuchern der Abendmesse im Weg sind, rücken sie zur Seite.

Das Navigli-Viertel heisst so wegen seiner Kanäle. Der Abend ist schon dunkel, aber klar. Das elektrische Licht spiegelt sich im Wasser. Man guckt romantisch.

Grosse Wiedervereinigung im Cape Town Cafè. Für eine anständige italienische Bar gehört es sich, heisst es, dass sie gratis Snacks bereitstellt. Unter anderem gibts Schinkenbrötchen, Salami, Brot und Ricotta mit Trüffelöl. Das Bier und die Drinks sind gottgefällig.

In der Bar entsteht das Bild Das letzte Abendmahl von Sally:


Für die volle Grösse anklicken

Übrigens, in Mailand ist anscheinend das Gemälde eines gewissen da Vinci zu finden, das ebenfalls Das letzte Abendmahl heisst.

Nur ein paar Schritte vom Cape Town Cafès entfernt: Die Pizzaria Sabbia d’oro. Auf der Karte steht unter anderem Spaghetti al Cartoccio – Spaghetti im Pizzateig. Im Nachhinein wünscht sich Rogerg, er hätte das bestellt. Er lässt sich stattdessen eine ganz normale Pizza bringen, die nicht sonderlich toll ist. (Die genaue Sorte weiss er später nicht mehr, denn bis zu dem Zeitpunkt hat er bereits einen Old Fashioned, Moretti-Bier und Rotwein intus.)

Die Bar Sacrestia bezeichnet sich als Farmacia Alcolica. Auf der Website ist zu lesen, dass das Gebäude einst ein Bordell und später eine Apotheke war. Eingerichtet ist die Sacrestia jedenfalls wie ein Puff aus dem Harry-Potter-Universum. Rote Wände, schwere Vorhänge, alte Möbel, Sofas zum Versinken, Schaukästen mit Flaschen. Eine Treppe führt zu einer Galerie mit niedriger Decke.
Gute Drinks. Der Hemingway Special ist zu empfehlen.
Ernest Hemingway und Mailand verbindet eine Geschichte: 1918, als er während des Ersten Weltkriegs fürs Rote Kreuz arbeitete, war er in der Stadt stationiert. Und verbrachte nach einem Fronteinsatz, schwer verletzt durch eine Granate, ein halbes Jahr in Mailand im Krankenhaus – wo er sich unglücklich in eine Krankenschwester verliebte. Das verarbeitete er in A Very Short Story (1924). „When they had to say good-bye, in the station at Milan, they kissed good-bye, but were not finished with the quarrel.“ Auch der Roman A Farewell to Arms (1929) ist inspiriert von Hemingways Zeit in Mailand. Und schliesslich nimmt er in seinem Stierkampfbuch Death in the Afternoon (1932) an einer Stelle darauf Bezug.
Die Geschichte des Drinks kommt allerdings später – in den 30ern in Kuba soll Hemingway zufällig hinzugekommen sein, als ein Barkeeper in der Bar La Florida Daiquiris zubereitete. Hemingway probierte und sagte, er hätte den Drink lieber ohne Zucker und dafür mit der doppelten Menge Rum. Damit war der Hemingway Daiquiri geboren, der dem Vernehmen nach allerdings nicht sonderlich geniessbar ist (ausser für Alkoholiker). Nach ein paar Abwandlungen wurde der Hemingway Special daraus.

Sonnig-blauer Morgen in Niguarda. Das Artis ist eine gemeinnützige Mischung aus Café und Gelateria. Alte, Randständige, junge Familien. Leute mit Hunden. Ein Bücherregal mit linkspolitischer Literatur. Frisch gemachte Fruchtsäfte.

Armada und Rogerg verabschieden sich vom Rest der Gruppe Konverter.

Die Enotheken Mailands sind am Sonntag geschlossen – geöffnet ist nur das Eataly Milano Smeraldo, ein Fresskaufhaus in der Nähe vom Bahnhof Milano Porta Garibaldi. Wein, Salami, Käse, Pasta, Kaffeepulver etc. Das Gebäude brummt vor lauter Menschen.

Gegenüber dem Bahnhof Porto Garibaldi liegt die Piazza Gae Aulenti, die dominiert wird vom UniCredit Tower – ein extrem modernes Hochhaus. Dahinter sieht man die beiden Hochhäuser des Bosco Verticale. So ähnlich hat man sich das in den 80ern und 90ern in Science-Fiction-Filmen vorgestellt.
Armada und Rogerg suchen den Sandwichladen Panini Durini. Im Gebäudekomplex kreischt ein Feueralarm. Ein Wächter bekräftigt, dass es ein Fehlalarm sei. Während der Alarm kreischt und kreischt, sitzen und flanieren die Menschen, als wäre nichts.
Im Panini Durini gibts Sandwiches mit Speck und Mozzarella oder mit Schinken und Brie.
Ein paar Wochen später berichtet Sally, dass sie und Al Brecht ein, zwei Stunden nach Armada und Rogerg ebenfalls an den modernen Hausklötzen vorbeikamen – der Alarm quäkte noch immer.

Vom Bahnhof Garibaldi aus gehts mit der Metro zum Bussbahnhof Lampugnano. Armada und Rogerg gegenüber sitzt ein alter Mann, der beinahe verschwindet in seiner riesigen Winterjacke. Er lässt vor Müdigkeit den Kopf hängen. Schläft er? In seinen Händen hält er sein Handy und seine Brille. Er lässt weder das eine noch das andere fallen.

Hinter dem Busbahnhof liegt ein kleines Pärkchen. Armada und Rogerg setzen sich auf eine Bank und geniessen den Sonnenschein, bis der Bus kommt.

 
Der Bericht erschien zuerst auf dem Blog der Gruppe Konverter.

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