Die Edda: Götter raunen und witzeln in Wien

Pomp und Prunk im Burgtheater in Wien: Gemälde von ehemaligen SchauspielerInnen und IntendantInnen an den Wänden. Strahlende Kronleuchter. Marmor und Gold. Das Publikum steckt in Abendkleidern und Smoking.

Ins Burgtheater wollte ich immer schon mal – beim diesmaligen Wien-Besuch hats endlich geklappt. Ich buche das erstbeste Stück, das zeitlich reinpasst: Die Edda.
Die Edda, das ist die isländische Niederschrift skandinavischer Götter- und Heldensagen in zwei Versionen: der Prosa-Edda und der Lieder-Edda. Ein gewisser Snorri Sturluson hielt die mündlich überlieferte Geschichten im 13. Jahrhundert fest. Es geht in der Edda um den Anfang und den Untergang der Welt (Ragnarök), um Odin, Thor, Loki und Konsorten – man kennt das aus den Superheldenfilmen von Marvel.

Zwei Isländer haben nun diese Sammlung auf die Bühne gebracht, ursprünglich für das Schauspiel Hannover. Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson erhielt dafür 2018 den Deutschen Theaterpreis Der Faust. Im Burgtheater läuft die sogenannte Wiener Fassung, „mit zahlreichen neuen Texten und Szenen“, wies im Programm heisst. Quasi eine extended version. Das dauert dann auch drei Stunden.

Es beginnt mit mythischem Geraune: Die Bühne liegt im Halbdunkel und im Nebel. Eine durchsichtige Wand verhindert, dass sich dieser Nebel in den Zuschauerraum verflüchtigt. Wir hören die Völuspa, ein Gedicht, dass eine Art Zusammenfassung der nordischen Mythologie darstellt. Sinnig, das an den Anfang zu stellen und damit alles Folgende in einen Kontext zu setzen. Blöderweise wird das Gedicht gleichzeitig von zwei Sprecherinnen gelesen – einmal auf Isländisch, einmal auf Deutsch –, so dass man kein Wort versteht. Ich muss es nach der Vorstellung im Programmheft nachlesen. Und stelle fest, dass manches tatsächlich nachvollziehbarer gewesen wäre.

Nachdem die Völuspa zuende geht, hebt sich die erwähnte durchsichtige Wand. Vom Balkon aus beobachten wir, wie der Kunstnebel sich langsam im Zuschauerraum verteilt. Wir können ihn riechen, bevor er schliesslich bei uns auf dem Balkon ankommt.

Mit der Wand lichtet sich auch das Geraune, von nun an übernehmen ironische Brechung und die Mittel des Schwanks. Das ist zwar begrüssenswert, denn das Pathos des Beginns wäre mit der Zeit unerträglich geworden. Allerdings ist der Humor der Inszenierung noch unerträglicher.

Beispiel:
Erzählt wird die Episode, in der Loki (Florian Teichtmeister) der Frau von Thor – Sif – (beide: Marie-Luise Stockinger) die Haare klaut. Nachdem er das gemacht hat, wird er von Thor dazu gezwungen, zu den Zwergen zu gehen. Diese soll Loki dazu bringen, für Sif neue Haare aus Gold zu spinnen.
Die Zwergendarsteller tragen Spitzhüte und rutschen auf den Knien herum; ihre Mikrofone sind so eingestellt, dass ihre Stimmen hochgepeitscht werden.
Es kommt ein political correctness joke: Die Zwerge empören sich darüber, dass sie als Zwerge angesprochen werden. Man soll sie bitte als „Andershohe“ bezeichnen. Ha ha ha ha!
Mich nervt nicht einmal die Geisteshaltung hinter solchen Witzen – es ist vor allem die totale Abgedroschenheit der Pointe.

So zieht sich das in der ersten Hälfte durch: Vorgestrige Gags, simpler Slapstick, viel Gebrüll und Geschrei. Was halt in hochkulturellen Kreisen gemeinhin als witzig gilt.

Das Bühnenbild (Wolfgang Menardi): In der Mitte schwebt der Stamm von Yggdrasil, dem Weltenbaum. Darüber eine Decke aus einer Reihe von Leuchtstoffröhren – eine Decke aus Licht, beweglich wie eine Welle. Darunter dreht sich mitunter die Drehbühne. Alles schön anzusehen, aber kaum von Belang. Was dem Hollywoodfilm die CGI-Effekte sind, sind dem deutschsprachigen Regietheater die Bühnenbilder. Man muss dem Publikum was bieten fürs Geld.

Pause.

Danach Stimmungswechsel: Die Welt geht unter.

Einerseits Ragnarök: Das Bühnenbild ist nun eine Mischung aus Spielgerüst und apokalyptischer Müllhalde. Alles dreht sich auf der Drehbühne. (Wenn man schon eine Drehbühne hat …) Das Ende der Welt ist vollbracht, als besagtes Bühnenbild vollständig abgetragen ist. Überaus postmodern. Zwischendurch schlafe ich ein. (Zur Erinnerung: Das alles dauert drei Stunden.)

Andererseits Autobiografie: Odin-Darsteller Markus Hering spielt den Dramenautor Mikael Torfason, der von seinem Vater erzählt. Dieser war Lutheraner, Zeuge Jehovas und schliesslich Anhänger der isländischen Sagenwelt. Und er war Alkoholiker; er starb an einer kaputten Leber. Der zugänglichste Teil des Abends: Ein Mensch steht da und erzählt eine Geschichte.

Das Publikum ist entlassen.

Die Edda
Buch: Mikael Torfason
Regie: Thorleifur Örn Arnarsson
Mit Dorothee Hartinger, Andrea Wenzl, Marie-Luise Stockinger, Markus Hering, Jan Bülow et al.

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