The Deadly Affair (1966): The Royal Shakespeare Company und der Flughafen Zürich

Geheimagent Charles Dobbs (James Mason) führt in einem Park ein Gespräch mit einem hohen Regierungsbeamten, Samuel Fennan (Robert Flemyng) — anscheinend gabs einen anonymen Brief, der Fennan als sowjetischen Spion anschwärzt. Tatsächlich war er in den 30ern Kommunist, kann Dobbs aber glaubhaft versichern, dass er diese Jugendsünde hinter sich gelassen hat. Der Agent glaubt ihm, die beiden gehen in gutem Einvernehmen auseinander.
Tags drauf schrillt bei Dobbs das Telefon. Fennan ist tot. Selbstmord.

Selbstmord? Sehr verwunderlich, findet Dobbs. Als er mit Fennans Witwe Elsa (Simone Signoret) spricht, erhält sie per Telefon einen Weckruf — obwohl sie angeblich unter chronischer Schlaflosigkeit leidet. Eine kleine Recherche ergibt, dass in Wirklichkeit ihr Ehemann besagten Weckruf am Abend seines Selbstmordes in Auftrag gab. Da ist was faul.

The Deadly Affair ist eine Verfilmung von John le Carrés Debütroman Call for the Dead (1961) durch Sidney Lumet (12 Angry Men). Der Spionagethriller wurde seinerzeit zweifellos mit dem Ziel gedreht, sich an den enormen Erfolg von The Spy Who Came in from the Cold (1965) ranzuhängen — sie hatte le Carré als grossen Namen etabliert.
Beide Buchvorlagen haben George Smiley zur Hauptfigur; für The Deadly Affair musste er freilich unbenannt werden in Charles Dobbs, weil das Paramount-Studio sich die Filmrechte am Originalnamen gesichert hatte. Blöde Sache.

Nun, The Spy Who Came in from the Cold ist ein bekannter Klassiker, The Deadly Affair ging weitgehend vergessen. Und das hat gute Gründe.
Zugegeben, die Kameraführung hat einige interessante Schwenks zu bieten; James Mason, Simone Signoret und Maximilian Schell spielen gut, und Harry Andrews ist richtig witzig als Dobbs Kollege Mendel: Ein Schrank von einem Mann, der zum Hobby Tiere züchtet und ständig einschläft.
Quincy Jones hat einen coolen Bossa-Nova-Soundtrack komponiert, der allerdings nicht immer zur Szene passt, die er begleiten soll.

Endgültig Käse ist dann die Story: Während Dobbs mithilfe zweier Kollegen den Spionagering auszuheben versucht, den Fennans Tod ans Licht brachte, besucht ihn aus heiterem Himmel ein alter Freund, den er aus den Tagen des Zweiten Weltkriegs kennt: Dieter Frey (Maximilian Schell). Der eine Affäre mit Dobbs junger Frau Ann (Harriet Andersson) beginnt. Na, wer wird wohl der böse Chefspion sein?
Apropos Ann: Charles leidet darunter, dass sie eine „nymphomanische Schlampe“ ist (so beschreibt sie sich selbst) und jede Menge Affären hat. Ein ziemlich bizarrer, ziemlich mühsamer Nebenplot. Der am Ende dadurch gelöst wird, dass Dobbs den Bösewicht tötet und damit seine Männlichkeit beweist. Uffza.

Zwei Dinge haben mein Interesse geweckt:

Royal Shakespeare Company | Die feindlichen Spione treffen sich jeweils in einem Theater. Bei diesem handelt es sich um das Aldwych Theatre, das damals die Londoner Spielstätte der Royal Shakespeare Company war (ihr Hauptquartier war und ist das Royal Shakespeare Theatre in Stratford).
Während seiner Recherche schaut Dobbs einmal bei den Proben rein; die Kompanie studiert grad die Hexenszene aus Macbeth ein. Und ein Teil des Finales spielt während einer Aufführung von Marlowes Edward II. Den König spielt ein blutjunger, 25-jähriger David Warner — einer jener ewigen Nebendarsteller, deren Gesicht man weitaus besser kennt als ihren Namen. Seine grösste Kinorolle war unbestreitbar die des Kanzler Gorkon in Star Trek VI: The Undiscovered Country (1991) — der shakespearigste aller Star-Trek-Filme. Beschäftigt ist Warner bis heute: In Mary Poppins Returns war er Admiral Boom.
Die Royal Shakespeare Company weckt vor allem mein Interesse, weil ich mal eine ihrer Aufführungen gesehen hab. Zufälligerweise war das ebenfalls ein Marlowe-Stück.
Mir war aber bisher nicht bewusst, dass die Truppe erst 1961 gegründet wurde — es gab sie also noch nicht lange, als sie in The Deadly Affair zu sehen war.
(Das Royal Shakespeare Theatre in Stratford selbst hat übrigens eine viel längere Geschichte, aber das ist an dieser Stelle nicht so wichtig.)

Flughafen Zürich | Bösewicht Dieter Frey lebt in Zürich. Dorthin will er mit Dodds Frau Ann abreisen; sie fliegt schon mal vor. Dort spielt die allerletzte Szene: Doods fliegt nach Zürich, um seine Frau zurückzuholen. Freilich: Das ist nie und nimmer der echte Flughafen Zürich, der sah auch 1966 ganz anders aus. Nur weiss ich nicht, ob da irgendein Londoner Ort als Zürich-Double herhalten musste, oder ob das Studiobauten sind. (Meine Vermutung ist, dass die Produktion auf bestehende Kulissen zurückgriff.)

So viel zu The Deadly Affair.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s