Kinorückschau 2019, Teil 1: Pfui, bäh!

Die Spielregeln dürften inzwischen bekannt sein: Zum Jahresende blicke ich zurück auf all die Filme, die ich im Kino gesehen habe, und überlege mir, welche ich am schlechtesten fand und welche am besten.
Zuerst das Zeug, das zusammen mit dem Geschenkpapier und den explodierten Tischbomben in den Abfall wandert:

 
8. Green Book
Der grosse Oscargewinner ist toll gespielt, herzerwärmend und lustig – und ziemlich verlogen.
Drehbuchautor Nick Vallelonga hat die Geschichte seines Vaters Tony Lip aufgeschrieben, der in den 60ern als Chauffeur für den schwarzen Jazzpianisten Don Shirley arbeitete. Das ist progressiv gemeint, zementiert aber in erster Linie Vorurteile. So bringt Tony Dr. Shirley die Freude an Brathähnchen bei, wodurch dieser zu den Wurzeln seiner (schwarzen) Kultur zurückfindet. Um das auf die Art erzählen zu können, wird Don Shirley grob verfälscht dargestellt — seine Angehörigen haben den Film als „Symphonie von Lügen“ bezeichnet.
Green Book interessiert sich nie wirklich für Rassismus, sondern ist gedacht als Wohlfühlgeschichte für Weisse und bewegt sich damit in der unrühmlichen Tradition von Crash (2004), The Blind Side (2009) oder The Help (2011).

 
7. Bruno Manser: Die Stimme des Regenwaldes
Das Biopic erzählt vom Basler Bruno Manser, der sich für die Indigenen in Malaysia einsetzte und am Ende im Dschungel verschwand. Ähnlich wie Green Book ist auch Bruno Manser gut gemeint, aber unreflektiert. So lassen die Filmemacher das Volk der Penan von Manser erzählen, als sei er einer ihrer Götter, und reproduzieren darüber hinaus ein romantisiertes, verkitschtes Bild von den Indigenen und dem Regenwald.

 
6. Hellboy
Nach Hellboy (2004) und Hellboy II: The Golden Army (2008) hatten sich Regisseur Guillermo del Toro und der Urheber der Comicvorlage, Mike Mignola, zerstritten. Das Reboot von 2019 sollte einen Neubeginn bieten, der näher an der Vorlage dran ist. Herausgekommen ist eine wirre, lieblose Story voller Pennäler-Humor. Grösste Krux aber: Der neue Hellboy-Darsteller, David Harbour, hat nicht einmal ansatzweise das Charisma seines Vorgängers Ron Perlman.

 
5. Echo/Bergmal
Island zwischen Weihnachten und Neujahr: Ein Hotel brennt ab. Ein Kind wird geboren. Polizisten verhaften einen Flüchtling. Sozialarbeiterinnen versorgen einen Junkie. Und so weiter.
Regisseur Rúnar Rúnarsson reiht kurze Episoden aneinander, deren Handlung sich in unbewegten Einstellungen abspielt. Es ist also wie bei den des Schweden Roy Andersson. Bloss ohne Witz, Subtilität oder Ideen.
Von den 59 Vignetten in Echo sind vielleicht drei oder vier halbwegs interessant.

 
4. No. 7 Cherry Lane
Eigentlich wäre das ein Film zum Gernhaben: No. 7 Cherry Lane ist ein unabhängig produzierter Animationsfilm aus Hongkong; erzählt wird von einem Studenten, der sich in den 60ern in die Mutter seiner Nachhilfeschülerin verliebt. Das Setting ist spannend; unter anderem erinnern die Studentenproteste von damals an die Rebellion im gegenwärtigen Hongkong.
Aber ach: Die Figuren sind derart steif, emotionslos und schleppend langsam animiert, dass sich die 125 Minuten Laufzeit bis ins Unendliche und darüber hinaus dehnen. Nach der Vorführung waren alle meine Haare grau, und ich bin über meinen Bart gestolpert.

 
3. Life Itself
Ein einzelner Unfall prägt das Leben einer ganzen Reihe von Menschen. Für diese Geschichte zitiert Regisseur Dan Fogelman Pulp Fiction, spielt mit verschiedenen Erzählmitteln und versucht, das Publikum zu rühren – kommt dabei aber nie über das Niveau einer billigen Seifenoper hinaus und quält uns nebenbei mit der unerträglichsten Figur des Jahres: Isabel Durant als Shari Dickstein (sic!).
Besonders stolz ist Fogelman auf die zentrale These seines Films: „Das Leben selbst ist der ultimative unzuverlässige Erzähler“ (daher der Titel). Das Problem daran: Fogelman hat nicht verstanden, was ein unzuverlässiger Erzähler ist.

 
2a. Aladdin/2b. The Lion King
Der schlimmste Kinotrend der Gegenwart sind sicherlich die Realfilmremakes von Disneyklassikern. Ähnlich wie The Jungle Book (2016) und Beauty and the Beast (2017), so scheiterten dieses Jahr auch Aladdin und The Lion King daran, dass sich die Eigenschaften des Zeichentricks nicht einfach 1:1 in einen Realimus (oder im Fall von The Lion King in einen Pseudo-Realismus) übertragen lassen.
Was in der Zeichentrickversion lebendig und bunt war, ist in der Realfilmvariante steif und grotesk. Es sind Zombiefilme. Man siehe sich nur Will Smith als Riesenschlumpf oder die ausdruckslosen Tiergesichter aus dem Löwenfilm an.
Immerhin hatte ich das Glück, dass ich um Tim Burtons Dumbo herumgekommen bin.

 
1. Cats
Diese Verfilmung von Andrew Lloyd Webbers Musical hat knapp 100 Millionen Dollar gekostet (das Werbebudget nicht eingerechnet). Bisher hat er weltweit 40 Millionen eingespielt. Soll heissen: Nicht einmal in einer Epoche, in der Aladdin und The Lion King Milliarden einbringen, wollen sich die Menschen Cats antun. Die Entscheidung der Filmemacher, die Schauspieler nicht in Kostüme zu stecken, sondern ihnen nachträglich am Computer digitales Fell überzuziehen, war desaströs. Daraus resultieren Figuren, die auf eine tiefgreifende Art unangenehm anzuschauen sind, die etwas grundsätzlich Abstossendes an sich haben.
Es ist aber nicht so, als wäre der Film davon abgesehen geniessbar. James Corden und Rebel Wilson treten als Nebenfiguren auf, und einmal mehr sind die beiden komplett unkomisch. Überhaupt tendiert Cats zum Deppenhumor: Da werden die Katzen-Wortspiele aneinandergehängt, als würde es morgen verboten, und die Filmemacher finden einen Schlag in die Eier derart lustig, dass sie den Witz gleich zweimal bringen.
Und dann treten auch noch die Schwächen der Vorlage zu Tage: Die Synthesizer-Klänge vom Soundtrack wirkten 1981 vielleicht modern, hören sich inzwischen aber vorgestrig an. Und der zentrale Song des Ganzen, „Memory“, erweist sich bei genauer Betrachtung als arg sentimental und schwerfällig. Wobei Jennifer Hudson als Grizabella keine Hilfe ist: Sie singt „Memory“ derart verheult und emotional übersteuert, dass mir selbst die digitalen Katzenfelle noch lieber waren.

 
 
Die Bestenliste gibts hier.

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