Werther – Reden rettet Leben

Ja, man könnte sich leicht verlieben in diesen Werther (Ilja Baumeier): Blaue Augen, blonde Mähne, Dreitagebart und eine coole gelbe Jacke mit einem „W“ auf dem Rücken. Er selbst wirft aber ein Aug auf eine junge Frau, Charlotte (Lua Leirner), genannt Lotte. Obwohl sie gehörlos ist, versteht er sich bestens mit ihr. Die beiden tanzen bei wummernder Clubmusik miteinander, und dabei verfällt Werther der jungen Frau völlig – doch sie ist bereits verlobt mit Albert (Yannick Frich).

Diese Bühnenfassung von Goethes Die Leiden des jungen Werthers behält zwar die Sprache von 1774 bei, versetzt die Geschichte aber in die Gegenwart. Gegenüber dem Briefroman ist sie stark gekürzt und dauert nur ungefähr eine Stunde – der Fokus liegt nun zum einen auf dem Thema Suizid, zum anderen gehts um Gehörlosigkeit.
So sehen wir das Stück dann auch im forum98 vom Gehörlosenzentrum Zürich. Dort wird das Stück unter anderem Leuten von den Gesundheits- und Bildungsinstitutionen vorgestellt; deswegen gibts vorher eine erklärende Einführung und im Anschluss ein Q&A.

So erfahren wir, dass die Idee ursprünglich vom Basler Psychotherapeuten Friedrich Kaiser stammt. Mit seiner Agentur Psy-Promotion fördert er Projekte zur Integration psychisch beeinträchtigter Menschen. Wie er sagt – und das liegt durchaus auf der Hand –, bietet sich der Roman dazu an, über Suizid zu sprechen. Daher der Untertitel: Reden rettet Leben. Eine Partnerin des Projekts ist die Stiftung Pro Mente Sana; das Theaterstück ist Teil ihrer Kampagne „Wie geht’s dir?“

Okay, Werther und Suizid, das klingt logisch. Aber Gehörlosigkeit? Wie Kaiser erklärt, dreht sich Goethes Briefroman immer wieder um die Frage des Verstehens und Verstandenwerdens. Da sei schnell die Verbindung zum Hören und Gehörtwerden gezogen. Tatjana Binggeli, die Präsidentin des Schweizerischen Gehörlosenbunds (SGB-FSS) – ein weiterer Partner des Projekts –, weist zudem darauf hin, dass sich die Frage der Suizidprävention unter den Gehörlosen verschärft stellt. Klar: Wenn man jemanden zum Reden braucht, stellt die Gehörlosigkeit eine zusätzliche Barriere dar.
(An dieser Stelle sei kurz erwähnt, dass das Sorgentelefon auch über Mail oder Chat erreichbar ist.)

So viel also zu den Hintergründen. Werther – Reden rettet Leben hat eine explizit aufklärerische Zielsetzung, umso mehr muss man bewundern, dass dabei kein trockenes Lehrstück, sondern eine lebendige Produktion herausgekommen ist. Das Basler Theater-Trio Flex Colectivo und die schwerhörige Schauspielerin Lua Leirner stellen eine sehr dichte und konzentrierte, aber auch verspielte Version auf die Bühne. Die kurze Laufzeit find ich sowieso begrüssenswert. (Textfassung und Regie: Kaija Ledergerber.*)
* Transparenz-Hinweis: Mit Kaija Ledergerber war ich früher im Zürcher Studierendentheater.

Die MacherInnen verstehen Werther – Reden rettet Leben als „multimediales Schauspiel“. Soll heissen, dass Livemusik und Video in die Inszenierung integriert sind. So sitzt Yannick Frich jeweils an einem Mischpult am Bühnenrand, wenn er grad nicht den Albert spielt.
Und es gibt Einspieler auf einer Leinwand. Da werden zum Beispiel die gesprochenen Texte fürs gehörlose Publikum verschriftet (wenn sie nicht gerade Lua Leirner in Gebärdensprache übersetzten kann), oder man sieht Aufnahmen von einem Sonntagsausflug, den Werther, Lotte und Albert gemeinsam unternehmen.
Einmal schnappt sich Werther eine Kamera, deren Bilder live auf die Leinwand übertragen werden, setzt sich damit Selfie-Style in die Zuschauerränge und macht zufällig ausgewählte ZuschauerInnen zu Nebenfiguren. Unter anderem wird ein Bekannter von mir zum Grafen C.

Die Briefform hat in dieser multimedialen Form etwas von einem Vlog. Und tatsächlich, einer wie Werther würde heutzutage bestimmt einen YouTube-Kanal unterhalten, und es ist ja nichts Neues, dass unterschiedlichste Leute auf solchen Videokanälen ihre Probleme verhandeln.

Werther ist eine schwierige Figur – als Vorbereitung für diese Kritik hab ich wieder einmal das Buch gelesen, und wieder einmal fiel es mir schwer, mich mit ihm anzufreunden.
Zugegeben, dass er sich an einer verknöcherte Gesellschaft und ihren verknöcherten Denkweisen reibt, macht ihn sympathisch. Aber sein Gefühlsüberschwang geht immer wieder weit in die Weinerlichkeit hinein, und er hat eine skrupellose Selbstzentriertheit – so scheint ihn nur am Rande zu interessieren, was er Lotte und Albert mit seiner Schwärmerei aufbürdet. Er ist eine Drama Queen. Das ist er auch in der vorliegenden Bühnenfassung.
Eine Szene, die mir geblieben ist: Einmal nähert sich Werther Lotte von hinten und überrascht sie. Ein recht rücksichtslose Aktion bei einer Gehörlosen.

Aber hier, bei Werthers Nervigkeit, liegt auch die Erkenntnis, die ich für mich aus der Inszenierung mitgenommen habe: Dass Menschen mit psychischen Problemen nervtötend sein können. Weil sie nicht normal funktionieren, weil es anspruchsvoll ist, mit ihnen umzugehen.
Handkehrum zögern wohl viele Menschen mit psychischen Problemen, Hilfe in Anspruch zu nehmen, weil sie niemandem zur Last fallen wollen. Weil sie nicht nerven wollen.
Die Kampagne „Wie geht’s dir?“ will Menschen dazu anhalten, über psychische Gesundheit zu sprechen. „Gut“ sagen und weitermachen ist einfach. Ehrlich zu antworten, und dieser Antwort zuzuhören – das ist anstrengend.

Lotte und Albert nehmen am Ende den einfachen Weg: Als Werther einen Gesandten schickt und um Alberts Pistolen bittet – vorgeblich als Reiseausrüstung –, übergeben sie besagtem Gesandten die Waffen.
Albert versteht nicht, was in Werther vorgeht.
Lotte versteht es zwar, wagt aber nicht, ihre Befürchtungen auszusprechen.

Viel Stoff zum Nachdenken also. Nicht zuletzt darüber, wie man es besser machen könnte.
In der anschliessenden Podiumsdiskussion sagt Roger Staub von Pro Mente Sana einmal: „Wir sind Analphabeten in psychischer Gesundheit.“ Deswegen bietet die Stiftung Ersthilfekurse für psychische Gesundheit an.

Enden wir mit einer fröhlichen Note: Lua Leirner wird gefragt, wie sie als schwerhörige Schauspielerin die Proben erlebt habe.
„Mit Hörenden sprechen braucht Konzentration und Kraft“, so Leirner. „Ich war froh, dass ich nach Feierabend bei meinen gehörlosen Freunden auftanken konnte.“

Werther – Reden rettet Leben. Ein multimediales Schauspiel
Nach Johann Wolfgang von Goethe
Textfassung und Regie: Kaija Ledergerber
Mit Ilja Baumeier, Lua Leirner und Yannick Frich
Premiere: 20.9.2019 in Dornach (Schweiz)
In Zürich am Donnerstag, 25.10.2019 im Forum 98

 

Bei Suizidgedanken können die Dargebotene Hand oder die Suizidprävention Kanton Zürich helfen, aber auch die Website von Wie geht’s dir?

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