„Motherless Brooklyn“ und die Karriere von Edward Norton

© 2019 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved.

Der Film noir Motherless Brooklyn kommt diese Woche ins Kino; es ist das neue Werk von Edward Norton — wobei er nicht nur die Hauptrolle übernahm, sondern auch das Drehbuch schrieb und Regie führte. Viel mehr Norton geht nicht. Grund genug, um auf die Karriere des 50-jährigen Schauspielers zurückzublicken. Und am Ende sag ich, was der neue Film taugt.
Vorbemerkung: Das ist die ausführlichere Version einer Liste, die ich usprünglich für eine Filmkritik im Züritipp machte. Diese Kritik ist hier zu finden.
 

Primal Fear
Von Gregory Hoblit, USA 1996; 125 min.
Der Bostoner Norton war ein völlig unbekannter Theaterschauspieler, als er für dieses Gerichtsdrama besetzt wurde — seine erste Filmrolle überhaupt. (Zuvor war er bloss in einem Sprachlehr-Video aufgetreten.) Er spielt einen schüchternen, stotternden Messdiener, der wegen dem Mord an einem Bischof angeklagt ist. Ein Anwalt (Richard Gere) versucht ihn freizubekommen, indem er beweist, dass der junge Mann eine gespaltene Persönlichkeit hat.
Norton wurde mit einem Schlag ein berühmter Charakterdarsteller; er gewann einen Golden Globe und war für einen Oscar nominiert.

 

American History X
Von Tony Kaye, USA 1998; 114 min.
Eine Oscarnominierung brachte ihm auch dieser Film ein: Ein Neonazi (Edward Norton) kommt nach dem Mord an zwei Schwarzen ins Gefängnis, wo bei ihm ein Umdenken einsetzt. Nach der Entlassung versucht er, seinen kleinen Bruder von seiner rechtsradikalen Gang wegzuholen.
Die berüchtigte Bordstein-Szene hat sich ins kollektive Gedächtnis eingeprägt. In der Postproduktion arbeitete Norton am Filmschnitt mit, wobei er sich mit Regisseur Tony Kaye heftig überwarf und in der Folge den Ruf erhielt, ein schwieriger Schauspieler zu sein.

 

Fight Club
Von David Fincher, USA 1999; 139 min.
Ein Durchschnittsangestellter (Edward Norton) lernt einen Seifenverkäufer (Brad Pitt) kennen und gründet mit ihm einen Club, in dem sich frustrierte Männer gegenseitig verprügeln. Das dürfte bis heute Nortons wichtigste Rolle sein.
Übrigens: «Fight Club» läuft demnächst in einer Reprise im Filmpodium: Freitag 20.12., 18.15 Uhr.

 

Keeping the Faith
Von Edward Norton, USA 2000; 128 min.
Ein katholischer Priester (Edward Norton) und ein Rabbi (Ben Stiller) verlieben sich in dieselbe Frau (Jenna Elfman).
Im Grunde ist das einfach eine harmlose, nicht wahnsinnig memorable Liebeskomödie — allerdings war das der erste Film, bei dem Norton auch Regie führte. Er feierte damit einen Achtungserfolg, dennoch übernahm er erst jetzt bei «Motherless Brooklyn» wieder den Regiestuhl, fast zwanzig Jahre später.

 

The Incredible Hulk
Von Louis Leterrier, USA 2008; 112 min.
Nach «Iron Man» der zweite Film des Marvel Cinematic Universe: Nach einem missglückten Experiment verwandelt sich ein Wissenschaftler jeweils in einen gigantischen grünen Koloss, wenn er wütend wird.
Norton stieg im Anschluss wieder aus dem Marveluniversum aus — weshalb genau, ist nicht ganz klar, aber es scheint, dass er schlicht mehr Mitspracherecht forderte, als das Studio ihm geben wollte. So hatte er, wie bei vielen seiner Filme, am Drehbuch mitgearbeitet und einige Szenen geschrieben; Marvel warf am Ende allerdings die meisten dieser Szenen wieder raus.
War ursprünglich vorgesehen, dass Norton den Hulk auch in «Avengers» spielen würde, so übernahm stattdessen Mark Ruffalo die Rolle.

 

Birdman
Von Alejandro González Iñárritu, USA 2014; 119 min.
Ein ehemaliger Superheldendarsteller (Michael Keaton) will als Theaterschauspieler am Broadway durchstarten. Unter anderem kommt ihm sein selbstherrlicher Co-Star dazwischen, der sich überall einmischt — mit dieser Figur nimmt Norton nicht zuletzt sich selbst auf die Schippe. Die Rivalität der beiden gehört zu den lustigsten Elementen dieser Satire, die sich über die Unterhaltungsindustrie und den gehobenen Kunstbetrieb gleichermassen lustig macht.

 

Motherless Brooklyn
Von Edward Norton, USA 2019; 144 min.
Im New York der Fünfziger: Lionel (Edward Norton) leidet unter dem Tourettesyndrom und fällt deswegen immer wieder negativ auf, dennoch vertraut sein Chef, der Privatdetektiv Frank (Bruce Willis), ganz auf ihn — denn Lionel ist schlau und hat ein fotografisches Gedächtnis. Als nun der alte Detektiv erschossen wird, versucht sein Protegé, die Mörder zu finden. Dabei kommt er einer Verschwörung auf die Spur, in die der mächtigste Mann der Stadt (Alec Baldwin) verwickelt ist.
Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Jonathan Lethem, der 1999 rauskam. Allerdings hat Norton für sein Drehbuch das Setting von der Gegenwart in die Fünfziger versetzt und die Geschichte, von der Ausgangslage abgesehen, stark geändert.
Inszeniert hat er das als Hommage an den Film noir, allerdings mit einem modernen Touch, der sich unter anderem an der Filmmusik festmachen lässt — was Daniel Pemberton (Spider-Man: Into the Spider-Verse) komponiert hat, hört sich zunächst an wie ein x-beliebiger Film-noir-Soundtrack, geht aber immer wieder in experimentelle Gefielde über. Im Übrigen spielt ein Jazzclub eine zentrale Rolle im Film.
Wie zu erwarten war, spielt Norton fantastisch; die Ticks seines Lionel wirken tatsächlich glaubwürdig (mit ein wenig Glück wird ihm dieser Film den lang ersehnten Oscar einbringen). Und Alec Baldwin ist als Bösewicht nicht minder beeindruckend — wobei seine Figur des ebenso rassistischen wie skrupellosen Populisten natürlich auch ein Seitenhieb auf Trump ist.

 
Die Buchbesprechung zu Motherless Brooklyn gibts hier.

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