Amsterdam, Teil 3: Rembrandt und Vermeer im Rijksmuseum

Ich war schon in Kunstmuseen auf der ganzen Welt, und wenn mir eins aufgefallen ist, dann das: Keine Institution, die was auf sich hält, kommt ohne die alten holländischen Meister aus, und die Krönung besteht natürlich darin, einen Rembrandt in der Sammlung zu haben.
Sehr süss find ich zum Beispiel das Kunst Museum Winterthur – als die Leute dort überraschend herausgefunden haben, dass eins ihrer Bilder dem Meister zugeordnet werden kann, waren sie prompt so stolz, dass sie dem kleinen Gemälde einen ganzen Saal gewidmet haben.
Jedenfalls: Das Epizentrum dieser holländischen Kunst-Hegemonie ist das Rijksmuseum in Amsterdam.

Am Eingang erscheint es uns seltsam leer; wir hätten mehr Leute erwartet. Was es damit auf sich hat, klärt sich, als wir die Haupthalle betreten: Die ganzen Besucher haben sich vor der Nachtwache versammelt. Ganz ähnlich ists ja mit Klimts Der Kuss in Wien — der restliche Tand, der an den Wänden hängt, ist halt nicht so instagrammable.

Weshalb dieses Gemälde von 1642 so gefeiert wird, ist vielleicht nicht spontan ersichtlich – aber wer Rembrandts Werk mit dem seiner Vorgänger und Zeitgenossen vergleicht, dürfte den Unterschied schnell erkennen. So ist Die Nachtwache ein Gruppenporträt (nämlich der Amsterdamer Büchsenschützengilde) – Kunstmuseen sind voll von solchen, in denen die Porträtierten steif wie Schaufensterpuppen rumstehen, schön brav und langweilig aufgereiht. Rembrandts Version dagegen ist voller Kraft; die Porträtierten sind in Aktion und stehen nicht einfach so da, es herrscht ein Gewusel. Der Blick wird dynamisch gelenkt – durch die Lichtführung etwa (die durchaus nicht natürlich ist, sondern den Ansprüchen des gewünschten Effekts gehorcht). Oder durch die unterschiedlich genaue Ausführung der Einzelheiten. So sind die beiden zentralen Figuren aufs Genaueste gemalt, während der Hund links von ihnen kaum mehr als angedeutet wird.

Fun Fact 1: Aktuell wird die Nachtwache aufwändig restauriert. Es wird spannend sein, das Ergebnis zu sehen. Dass die Nachtwache zum Beispiel so genannt wird, basiert ja auf einem Missverständnis – das Bild ist nicht so düster, weil Rembrandt eine nächtliche Szene gemalt hätte, sondern weil es über die Jahrhunderte nachdunkelte. Erst um 1800 erhielt die Nachtwache ihre aktuelle Bezeichnung.

Fun Fact 2: Das Gemälde ist heutzutage nicht nur dunkler als zu seiner Entstehung, sondern auch kleiner – als es 1715 an einen neuen Ort gebracht wurde, wurde es zur Einpassung beschnitten. Hier sieht man die Schnitte, übertragen auf eine Kopie des Gemäldes (17. Jahrhundert) von Gerrit Lundens.
Aus heutiger Sicht kann man sich ob derartigem Banausentum nur noch die Haare raufen.

Fun Fact 3: Interessant ist da die Ausstellung Discover Rembrandt, die Nachbildungen von Rembrandts Werken – und eben auch der Nachtwache – präsentiert, die dem jeweiligen Originalzustand genau entsprechen sollen.

Fun Fact 4: Zwei bemerkenswerte Filme über das Gemälde drehte Peter Greenaway: Nightwatching (2007) und Rembrandt’s J’Accuse…! (2008). Das eine ein Spielfilm, das andere eine Doku. Greenaway argumentiert darin, dass Rembrandt in Die Nachtwache eine Mordanklage eingemalt habe — seine Beweisführung ist hochgradig spekulativ (man kann auch „hirnverbrannt“ sagen), aber extrem unterhaltsam.

In derselben Halle wie die Nachtwache hängen einige von Vermeers Werken — Das Milchmädchen zum Beispiel, oder Der Liebesbrief. An diesen fällt mir vor allem auf, wie klein sie sind.
Das Milchmädchen: 45.5cm/41cm.
Der Liebesbrief: 44cm/38.5cm.
Zum Vergleich: Die Nachtwache misst 379.5cm/453.5cm.

Apropos Vermeer: Um sich das Das Mädchen mit dem Perlenohrring anzuschauen, muss man nach Den Haag ins Mauritshuis. Aber von Google Arts & Culture gibt es auch das Projekt Meet Vermeer: Alle seine Werke sind hier in einer digitalen Ausstellung versammelt.

Lernen wir jetzt mal ein neues Wort: Diaphanorama. Diaphanoramen sind mit Dioramen verwandt, funktionieren aber ein wenig anders: Ein Diaphanorama ist ein Schaukasten mit mehreren bemalten Glasscheiben, die zusammen eine Szene ergeben. Durch die verschiedenen Ebenen ergibt sich ein 3-D-Effekt; hinzu kommen leuchtende Farben und eine Lichtquelle, die das Bild von hinten beleuchtet. So erhält man spektakuläre Darstellungen von Schlachten auf hoher See oder vom brennenden Rom.
Interessanterweise sind die ausgestellten Diaphanoramen alle anonym, und soweit ich das sehe, ist die Technik marginal geblieben – der fantastischen Resultate zum Trotz.
Wer ins Rijksmuseum geht, sollte unbedingt danach Ausschau halten (im Erdgeschoss, Raum 0.9).

Im Rijksmuseum gibts auch eine Abteilung für moderne Kunst – die befindet sich, verschämt versteckt, unterm Dachstuhl.
Mich beeindrucken die Zeichnungen von Johan Briedé, in denen er Gezeichnetes und Geschriebenes vereint – wie hier in Siegesallee, wo eine Strasse aus Kreuzen in die Ferne führt – und am Horizont ist, schwach, sehr fern, der Schriftzug „Stalingrad“ zu lesen.
Jan Veths gespenstisches Porträt von Cornelia, Clara und Johanna Veth (1885) wird mich nicht mehr so schnell loslassen. Ebensowenig wie die explodierenden Farben von Jan Sluijters Strasse durch den Wald.
Besonders toll aber: Diese Skulptur von Karel Appel. Das Ding könnte gut und gern aus einem Hellraiser-Film stammen.



So viel zu Amsterdam. Mal sehen, wann wirs das nächste Mal nach Holland schaffen.

 
Nachtrag 16.7.2020
Die WOZ hat einen Artikel über das touristische Amsterdam in der Coronakrise. Wir haben noch das „Disneyland an der Gracht“ erlebt, aber die Stadt könnte sich nun ändern.

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