Amsterdam, Teil 1: Kiffen, Pommes, Chemtrails

Amsterdam ist eine schöne Stadt, aber keine, in der ich leben könnte. Es wird dort einfach zu viel gekifft.
Zur Erläuterung: Ich selbst kiffe nicht, störe mich aber auch nicht daran, wenn andere Leute es tun. Alles friedlich. Die Allerliebste hat ungefähr dieselbe Einstellung zum Thema. Bevor wir nach Holland fliegen, vereinbaren wir gar, einen jener berühmten Coffeeshops auszuprobieren. Aber dann vor Ort dann: Wenn wir uns einem Shop nähern, kommt uns jeweils eine derartige Cannabis-Wolke entgegen, dass uns schlecht davon wird. Also lassen wir es bleiben. Kein Gras für uns Bünzlis.
Allerdings muss man nicht in einen Coffeeshop, um eingenebelt zu werden. Ganz Amsterdam ist ein Cannabis-Freigehege, und besonders in den Ausgangsvierteln hat man keine Chance, der grünen Wolke zu entkommen. Damit muss man leben können.
Einmal spazieren wir durch den Vondelpark. Die Anlage erinnert an den Zürcher Platzspitz der 80er und 90er, aber in der Disney-Version: Überall friedliche Grüppchen von Kiffern. Dazu Lachgas-Schnüffler, die untereinander ihre Luftballons herumgehen lassen.

Am Kiffen und Schnüffeln mag es auch liegen, dass sämtliche Amsterdamer mit dem Fahrrad unterwegs sind, aber niemand einen Helm trägt.

Wenn wir schon bei den Klischees sind: Die Schaufenster des Rotlichtviertels schauen wir uns ebenfalls an. Im Kopf haben wir die Vorstellung von einem lockeren und unverkrampften Umgang mit Sexualität, es erweist sich dann aber als eine eher traurige Angelegenheit: Nackte Osteuropäerinnen, die sich von Touristen blöd angaffen lassen, und Horden von besoffenen Mundatmern, die sich für wahnsinnig geistreich halten, indem sie die Frauen danach fragen, ob sie Rabatt kriegen.

So viel zum allgemeinen Eindruck.

 
Der Hinflug

Wir fliegen im April 2018. Manchmal hat man einfach Pech, und dann teilt man den Flug mit einem schreienden Baby. Nur Doofe regen sich darüber auf. Von Zürich zum Amsterdamer Flughafen Schiphol erleben wir das schlimmste Schreikind, das uns bisher untergekommen ist. Es brüllt derart aus vollem Halse, dass es sich immer wieder verschluckt und ausser Atem gerät. Den ganzen Flug über. Man muss eine derartige Ausdauer bewundern.

Nach der Landung steuert der Pilot das Flugzeug eine Weile über das Flughafengelände. Schliesslich parken wir. Und warten. Der Pilot: „Wir stehen hier noch etwas im Gemüsegarten nach unserer kleinen Flughafentour, da unser Standplatz noch besetzt ist.“

 
Bazar

Beim Restaurant Bazar handelt es sich um eine umgebaute Kirche, die nun ein Restaurant für Spezialitäten aus Nordafrika und dem Nahen Osten ist. Die Tische sind mit farbenfrohen Mosaiksteinchen besetzt – dass die Tischplatten zur Hälfte kaputt sind, macht gerade den Charme aus –, die Lampen könnten von einem türkischen Basar stammen. Hat das etwas Orientalistisches an sich? Fühlt man sich wie in einem schlechten Brocki? Ja, durchaus. Das gebratene Lammfleisch und der Rotwein schmecken trotzdem.

 
Panierte Avocados

Gegenüber unserem Hotel, dem Easyhotel Amsterdam City (kleinräumig, aber okay), liegt das G’s de Pijp. In Amsterdam hat das G’s drei Standorte; das sind alles Brunch-Restaurants. Bekannt sind sie für ihre Bloody Marys, was uns zum Frühstück dann aber doch zu krass ist. Wir bleiben bei Kaffee und Tee. Kein Gras, kein Alkohol in der Frühe — das Altersheim ruft.
Neben den Bloody Marys hat das G’s aber auch grandiose Eggs Benedict – und bei unserem Besuch ein Special, das mir eine ganz neue Welt eröffnet: Panierte Avocado-Schnitzen. Man kann Avocados panieren! Das hat mich beeindruckt, und so paniere ich seit dem Amsterdamtrip alle möglichen Gemüse – Avocados, Auberginen, Zucchetti, Kohlrabi, Knollensellerie etc. Ganz zu schweigen von Pouletgeschnetzeltem oder Fisch. Randen muss man allerdings vorkochen, die werden vom Braten allein nicht weich. Und es braucht immer einen Dip oder eine Sosse, denn Paniertes allein ist ein wenig trocken. Jedenfalls: Ein Hoch aufs Panieren.

 
Imagine Film Festival

In einem kleinen Lokal namens Dim Sum Now – inzwischen ist es geschlossen – holen wir ein Esspaket für unterwegs. Vom Hauptbahnhof aus geht eine Fähre über das Ij, den Meeresarm, der die Innenstadt von Amsterdam Nord trennt. Die Überfahrt dauert nicht lange; wir haben gerade genug Zeit, um die Dim Sum zu essen.
Auf der anderen Seite spazieren wir rüber zum Eye-Film-Museum. Ein topmoderner Bau von 2012, ein kleines architektonisches Wunder. Wir erwischen die Closing Night, also den Abschlussfilm — Ghost Stories — mit vorhergehender Preisverleihung. Aber davon erzähle ich in einem eigenen Artikel. Und zwar hier.

 
Rijksmuseum

Auch das Rijksmuseum bekommt einen eigenen Artikel. Aber wo? Na, hier!

 
Pommes

Ich hab schon auf der ganzen Welt Pommes frites gehabt, aber nirgends so gute wie in Amsterdam. Wir holen welche beim High Snack, einer kleinen Imbissbude im Schatten der Oude Kerk. Ich bestell meine mit Erdnusssosse. Kann ich unbedingt weiterempfehlen.
Und wir bekommen Pommes zu den Burgern, die wir beim Cannibale Royale an der Handboogstraat essen. Die sind ebenfalls fantastisch, wie übrigens auch die Burger. Nur, dass diese auf Holzbrettern serviert werden. Dieser elende Blödsinn hat also auch in Holland Einzug gehalten.

 
Jagd nach der Jacke

Weg von der Oude Kerk, hin zur Nieuwe Kerk. Wir essen Waffeln in einem sympathischen kleinen Waffelladen. Leider hab ich mir den Namen nicht aufgeschrieben, aber wenn Google-Maps richtig liegt, gibts den eh nicht mehr. Wie den Dim-Sum-Now-Laden. Die Gastro-Welt ist brutal.
Übrigens heisst die Nieuwe Kerk zwar Nieuwe Kerk, wurde aber doch schon um 1400 erbaut. Seit 1814 werden dort die Königinnen und Könige von Holland gekrönt.
Mit Waffeln gestärkt, bewegen wir uns gen Süden, der Kalverstraat entlang, der teuersten Einkaufsstrasse des Landes. Haufenweise Kleidergeschäfte. Aber auch solche für Windbeutel, Rahmcroissants und Stroopwafeln.

Am Ende der Kalverstraat überqueren wir eine Brücke und finden uns am Bloemenmarkt wieder. Speziell an diesem ist, dass die Blumen- und Pflanzenstände auf dem Wasser schwimmen.
Am Bloemenmarkt begegnen wir einem kleinen Demonstrationszug. Wir verstehen nicht, was die Leute rufen, aber auf ihren Schildern steht was von „Chemtrails“ und „Geological Engeneeering“ — wenn ich das richtig verstanden habe, meinen diese Leute mit Letzterem nicht geological engeneering in der offiziellen Bedeutung (Tunnelbau, Erdwärmenutzung und so), sondern Wetterexperimente. Oh, und ein weiteres Schild fordert „Boycot Israel“.
Auch das schiebe ich auf Cannabis und Lachgas. Keine Macht den Drogen.

Während wir noch über die Demo staunen, kommt es mir siedendheiss in den Sinn, dass ich meine Jacke habe liegen lassen. Da ich keine Ahnung habe, wo ich sie hab liegen lassen, ist das grosse Backtracking angesagt – wir gehen rückwärts jedes einzelne Geschäft ab, das wir zuvor besucht haben.
Am Ende finden wir die Jacke im Waffelladen, der bei der Nieuwe Kerk, in dem wir ganz am Anfang waren; der Besitzer hat sie beiseite gelegt. Um so trauriger, dass es den Laden nicht mehr gibt.

 
Die Katze im Sexshop

Amsterdam hat fast so viele Sexshops wie Coffeeshops. Im Rotlichtviertel betreten wir so einen kleinen, sympathischen Sexzeug-Laden. Hinter der Kasse sitzt ein Schrank von Mann mit Glatze. An den Wänden hängen Peitschen, Ledermasken oder Butt-Plugs – und dazwischen streicht eine kleine Katze herum. Der glatzköpfige Riese steht auf und stellt dem Tierchen eine Schale mit Milch hin.

 
Dank sei Uber

Wir stehen am frühen Sonntagmorgen an der Haltestelle. Unser Plan war, den Flughafenbus zu nehmen – aber der hat inzwischen eine halbe Stunde Verspätung. Keine Erklärung nirgends, weder auf der elektrischen Anzeigetafel noch im Internet. Und es kann nicht bloss an uns liegen, denn wir sind nicht die einzigen, die hier stehen und sich allmählich Sorgen machen. Schliesslich tun wir uns mit den anderen zusammen. Einer hat die Uber-App auf seinem Handy. Wir teilen uns zu viert ein Auto und schaffen es noch rechtzeitig an den Flughafen. Der Fahrpreis wird aufgeteilt. Wir fliegen zurück nach Zürich. Tschüss, Amsterdam.



Ach ja: Stroopwafels kann ich nicht leiden.

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