„Er erzählte mir von Planetenbüros und vom Todesacker“

Lukas Marxt über seinen Dokumentarfilm Ralfs Farben

Wenn die Superstars in der Formel 1 auch noch
Planetenchefs sind, dann gibt’s hinten dran halt
auch das Bedürfnis, diese Führungspositionen bei
Sieg der Weltmeisterschaft im Bereich der Planeten
durchzusetzen.

Ralf Lüddemann (Libretto)

Mein Lieblingsfilm am vergangenen Locarno Film Festival war Ralfs Farben: Das Porträt eines Einsiedlers und Künstlers auf Lanzarote. Regisseur Lukas Marxt lässt ihn ausführlich zu Wort kommen. Einerseits merkt man, dass der Mann unter Schizophrenie leidet, zumindest fällt es schwer, seinen Gedanken zu folgen – andererseits sind diese Gedanken immer wieder philosophisch verblüffend und in ihrer poetischen Sprache sehr faszinierend. Man denkt an Martin Heidegger oder an den Dramaturgen Werner Schwab. Regisseur Marxt findet dazu karge, aber wunderschöne Bilder, in denen man sich verlieren kann: Wüsten, bienenstock-artige Häuserzeilen, eine Bananenplantage, ein Fallschirm, der von einem Hund verfolgt wird.

Filmwebsite

Im Interview schildert Marxt, wie es war, mit Lüddemann zu drehen, was es mit dem Hund auf sich hat – und wo man Ralf Lüddemanns Kunst erleben kann.

 
Wie bist du auf Ralf Lüddemann gestossen?

Ich traf Ralf Lüddemann 2012 auf Lanzarote, während der Recherchearbeit für meine Diplomarbeit: It Seems to Be Loneliness But It Is Not. Ich versuchte, mich vier Wochen zu isolieren, um eine Art von Einsamkeit zu erzeugen. Man kann natürlich nicht von Einsamkeit sprechen bei so einer kurzen Zeit; ich wollte einfach so wenig Kontakt mit anderen Menschen wie möglich haben. Ungefähr nach einer Woche lernte ich Ralf Lüddemann kennen, einen der zurückgezogensten Menschen dort in der Region. Wir trafen uns zufällig der Strasse und kamen ins Gespräch; er erzählte mir von Maschinen und Planetenbüros, die er gerade baut, und vom Todesacker, auf dem er arbeitet. Ich war fasziniert von seiner Sprache und seiner Gedankenwelt. Es liess mich nicht los, und in der restlichen Drehzeit besuchte ich ihn jeden Tag. Wir machten Audioaufnahmen, die ich dann transkribierte; das erschien in einem gleichnamigen Buch, das den Film begleitete.

Lukas Marxt

Der Künstler und Filmemacher wurde 1983 in Österreich geboren. Er studierte erst Geografie und Umweltsystem-wissenschaften, wechselte dann aber ins Kunstfach. Heute lebt er in Köln und Graz.
Website von Lukas Marxt

In dem Film war er aber noch nicht drin?

Nein, noch nicht. Aber im Buch waren Texte von ihm, über siebzig Seiten. Damals gabs schon die Idee, einen Film mit ihm zu machen. Aber die Umsetzung von Ralfs Farben begann erst 2014, 2015.

Die Dreharbeiten dauerten also mehrere Jahre?

Es gab mehrere Perioden, in denen ich ihn besuchte, insgesamt sieben oder acht Mal. Bereits 2015 holte ich Michael Petri mit an Bord, weil die Zusammenarbeit mit Ralf Lüddemann nicht ganz so einfach war. Da waren immer nur er und ich, und ich sehnte mich nach mehr Austausch. Also fragte ich Michael, ob er die Kamera macht. Auch in der Postproduktion arbeitete ich eng mit ihm zusammen.

Über die Jahre muss viel Material zusammengekommen sein. Wie habt ihr am Ende die Passagen für den Film ausgewählt?

Es war wirklich ein langes Sammeln. Die Entscheidung kam relativ früh, keine Interviewsituationen oder talking heads zu machen, sondern Ralfs Innenwelt nach aussen zu projizieren. Mit Ideen von Michael und mir, aber auch von Ralf. Wir sammelten dafür viel visuelles Material, vor allem im Umkreis der Hütte, in der er lebt. Wir filmten aber nicht jeden Tag, sondern sassen oft nur bei ihm und unterhielten uns mit ihm. Dadurch entstanden an einem Tag manchmal sechs, sieben Stunden Audioaufnahmen. Die mussten wir alle transkribieren, um dann die Auswahl zu treffen. Alles in allem hatten wir 150 Seiten transkribiertes Material; davon fanden ungefähr fünf Seiten Einzug in den Film.
Zum Auswahlverfahren: Es gab ein paar Themen, die immer wieder auftauchten, wie das mit der Halbphantasy oder der Phantasynahrung. Es sind gesellschaftskritische Ansätze, in denen immer auch eine poetische Komponente mitschwingt. Zwei, drei fixe Themenkomplexe sollten immer wieder kommen, damit es für das Publikum leichter ist, den Faden nicht zu verlieren. Wobei man den Faden natürlich trotzdem ständig verliert. Das liegt auch Ralfs Krankheitsbild, daran, wie Schizophrenie funktioniert. Aus gewissen Themen kommt er nicht mehr heraus. Zum Beispiel ist er sehr fasziniert von der Formel 1 und dem MotoGP, der Motorrad-Weltmeisterschaft. Das manifestiert sich grandiosen Wortkombinationen wie Heiratsboxenstrafe, in dem seine Wünsche nach einer Beziehung mit dem Rennsport verschmelzen.

Seine Art, sich auszudrücken, hat auch viel Witz.

Es war uns wichtig, auch die humoristische Seite von Ralf reinzubringen, da die einen grossen Teil seines Charakters ausmacht. Aber wir wollten den Fokus nicht nur darauf legen und etwas daraus machen, das ihm nicht gerecht wird.
Es gab zum Beispiel Phasen während der Dreharbeiten, in denen wir Tableau-vivant-Einstellungen ausprobierten, das heisst, der Protagonist steht für ein oder zwei Minute reglos vor der Kamera. Da kann man schön mit Sprache arbeiten und sie drüberlegen. Aber Ralf sagte beim dritten Mal oder so: „Das interessiert mich überhaupt nicht, das bin nicht ich.“ Er ist eher ein aktiver Mensch; wir filmten ihn stattdessen beim Gehen oder dabei, wie er etwas macht. Wir achteten stets darauf, ihm auf Augenhöhe zu begegnen und ihn nicht in ein Licht zu rücken, das nichts mit ihm zu tun hat.

Das gefällt mir am Film, dass er sich nie über seinen Protagonisten erhebt oder sich von ihm distanziert, sondern sich einlässt auf seine Erzählungen.

Wenn der Film so aufgenommen wird, bin ich sehr erleichtert. Im Dokumentarfilm ist die Ausbeutung der Protagonisten immer ein Thema. Wir versuchten, mit Ralf so ehrlich wie möglich zusammenzuarbeiten.

Wie ist er eigentlich ursprünglich auf Lanzarote gelandet?

Ralf Lüddemann war in Deutschland ein Gleitschirmflieger und hatte eine Gleitschirmschule. Und er hatte versucht, auf Lanzarote eine Gleitschirmschule aufzumachen, daher kannte er die Insel ganz gut.

War er wegen seiner Schizophrenie auch in Behandlung?

Ralf erzählte mir, dass er vor Jahren in der Psychiatrie war, noch in Deutschland. Aber seine letzte Behandlung liegt meines Wissens mehr als fünfzehn Jahre zurück.

Eine der schönsten Szenen ist die, in der er unter einer Strassenlampe tanzt. Wie kam das zustande?

Der Tanz unter der Strassenlaterne war auch für uns alle, also für Ralf, Michael und mich, ein wahnsinniger Moment. Wir hatten den ganzen Tag im Steinbruch gedreht, und auf dem Heimweg sahen wir eine Strassenlaterne, die flackerte. Wir hatten Ralf schon oft darum gebeten, für uns zu tanzen – er hatte in seinen Zwanzigern Rock’n’Roll getanzt. Aber wir hatten uns schon damit abgefunden, dass er das nicht machen will. Wir wollten also bloss diese Laterne und die Palmen bei diesem stroboskopischen Licht filmen – und dann stellte er sich plötzlich von selbst direkt unter die Laterne und fing diesen Tanz an. Zufällig hatten wir es kurz vorher geschafft, unser Autoradio mit dem mp3-Player auf dem Telefon zu verbinden. Der war auf Shuffle eingestellt, und in dem Moment, als Ralf tanzte, spielte Leaf in the Wind von Robbie Basho. Und nachdem Ralf das Bild verlassen hatte, wechselte auf einmal die stroboskopische Strassenlampe wieder zu normalem Licht. Wir waren komplett aufgelöst, sind uns in die Arme gefallen und gingen das feiern.

Eine weitere, wiederkehrende Figur im Film ist ein Hund. Wie kam er hinzu?

Der Hund war Ralf zugelaufen; beim zweiten oder dritten Besuch war er einfach dabei und begleitete die Dreharbeiten. Er erinnerte uns an Anubis, den Totengott, und so tauften wir ihn Anuba. Der Hund inszenierte sich auf magische Art und Weise von selbst, da mussten wir gar nicht viel machen.
Beim letzten Besuch, als die Dreharbeiten eigentlich schon abgeschlossen waren und wir nur für einige technische Details nochmal nach Lanzarote flogen, da fanden wir bei einem nicht fertiggestellten Museum, neben einer Müllhalde, einen mumifizierten Hund, der genau von derselben Rasse war wie Anuba. Da lags auf der Hand, dass wir diese Mumie mitnehmen und schauen, wie wir sie noch in den Film einbringen können. Es bestand ja sowieso immer die Frage: Was ist dieser Hund? Ist der Hund selber Ralf, oder ist Ralf der Hund? Wofür steht er? In einer Passage gehts um die Welt der Pharaonen und die Totenwelt, und da passte Anuba als Sinnbild perfekt hinein.

Aber ich bin beruhigt, dass es sich bei der Mumie nicht um Anuba selbst handelt.

Wenn die Assoziation da ist, ist das gut, aber es ist tatsächlich nicht derselbe Hund.

Anuba hat einen wunderbaren Moment im Film, als sie einem Gleitschirm nachrennt, der etwas über den Boden schleift.

Einen Betonpfeiler, ja. Aus seiner früheren Profession als Gleitschirmflieger hatte Ralf noch einen Rettungsschirm, und er zeigte uns, wie er damit Betonpfeiler bewegt. Vor seinem Haus liegen nämlich zwei Betonpfeiler; die verwendet er als Auflagefläche zum Holzsägen. Und die Pfeiler bewegte er mit Windkraft in Richtung seines Hauses. Wir machten ein paar Aufnahmen davon, und Anuba inszenierte sich wieder von selbst, ohne unser Zutun.

Im Film finden sich auch Beispiele von MS-Paint-Kunst. Was hat es damit auf sich?

Ralf Lüddemann ist auch bildender Künstler – er malt auf seinem Computer diese MS-Paint-Bilder, sogenannte Tagesschlüssel; kleine Ausschnitte davon gibts auch in den Illustrationen im Libretto, das wir zum Film austeilen. Er hat schon mehrere hundert Tagesschlüssel gemalt. Ich habe diese an die Galerie Delmes & Zander in Köln weitervermittelt. Die Leute waren davon sehr angetan, fanden sie ganz grossartig und haben Ralf Lüddemann jetzt in ihr Programm aufgenommen. Anfang 2020 hat er dort seine erste Ausstellung.
Für uns war es eine Überraschung, als er uns die Tagesschlüssel zeigte. Wir waren eben auch begeisterten und dachten, das muss in den Film rein. Aber sie haben lange nicht reingepasst – das kam erst ganz am Schluss, als wir diese Black-MIDI-Sequenz einbauten. Black MIDI ist ein Verfahren, bei dem blackers versuchen, MIDI-Controller mit so viel Information wie möglich zu füttern, ohne dass das Programm abstürzt. Die spielen 30 Millionen Noten in fünf Minuten. Und dann gibt es lags, wenn das Programm stecken bleibt und die Informationen eben nicht mehr verarbeiten kann. Das ist eine Referenz an die Schizophrenie, diese Überflutung mit Informationen, die man nicht mehr verarbeiten kann. Und von der Ästhetik des Black MIDI her war klar: Jetzt können wir Ralfs Bilder integrieren.

Du hast das Libretto erwähnt. Ich hab auch so eins mitgenommen, und ich finds fantastisch, dass man Ralfs Texte dort nachlesen kann. War euch früh klar, dass es so ein Begleitheft braucht?

Nein, das kam auch erst am Ende. Während des Schneideprozesses stellte sich die Frage, wie man die englischen Untertitel zeigt. Die gehen teilweise über zwei Zeilen, was überhaupt nicht der Norm entspricht, wir wollten aber den ganzen Satzbau von Ralf zeigen. Anderswo im Film spielten wir mit der Idee des speed reading, bei dem jedes Wort einzeln eingeblendet wird. Damit wollten wir Ralfs Sprache auf verschiedenen visuellen Ebenen zeigen. Die deutsche Version gibts auch mit deutschen Untertiteln.
Aus diesen Ideen heraus kam der Einfall, den Leuten das Gesprochene in gedruckter Form mitzugeben. Wobei ich ja schon 2012 zu It Seems to Be Loneliness But It Is Not siebzig Seiten seiner Gedanken publiziert hatte, die Idee war also nicht neu.
Jedenfalls sind wir mit dem Libretto sehr glücklich. Uns wars wichtig, diese Gedanken, diese Faszination seiner Sprache, diese Poesie zu vermitteln. Wenn Ralf Lüdemann erklärt, was Ist-Zeit ist und wie Ist-Zeit verschlossen werden kann, geht das auch in eine philosophische Richtung. Das Libretto ist ein Versuch sich intensiver mit Ralf Lüddemanns Gedankenwelt auseinanderzusetzen und sich auf diese einzulassen.

 
Bilder vom Locarno Film Festival

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