Theater Spektakel 2019: The Palestinian Circus

Auf der Seebühne liegen acht Holzkisten, und ein Trapez hängt von der Decke. Was wird sich hier wohl abspielen? Wir warten auf das Stück Sarab des Palestinian Circus. Der Name der Kompanie habe ich sofort gewisse Bilder im Kopf — es wird wohl um die Situation in Palästina gehen.
Nach und nach treten sieben AkrobatInnen auf, die Vorstellung beginnt. Wir erleben eine Abfolge von Szenen, in denen die Kisten immer wieder neue Funktionen übernehmen:

  • Einmal bilden sie eine Mauer, auf denen sich die Performer drängen. Sie wollen die Mauer überwinden, haben jedoch Angst vor dem Sprung.
  • Ein andermal dienen sie als eine Art Treppe, die zum Trapez führt. Eine Akrobatin wird ins Trapez gehängt, die Treppe wird abgebaut – sie muss oben bleiben, hilflos.
  • Und wiederum ein andermal stehen die Kisten für die Aussenwand eines Bootes. Die AkrobatInnen stehen darin und wiegen sich hin und her, als wären sie in hohen Wellengang geraten (dass das Stück auf der Seebühne gespielt wird, mit Ausblick auf den Zürisee und einige Schiffe, gibt der Szene eine spezielle Note).

Man merkt, es geht weniger um die palästinensische Sache im Spezifischen, als um die Erfahrungen von Flüchtenden überall auf der Welt. Zugegeben, bei mir brauchte es eine Weile, bis sich die Bilder im Kopf angepasst haben.
Nach der Vorstellung gibt es eine Fragerunde; die AkrobatInnen und ihr Leiter, der Brite Paul Evans, stellen sich dem Publikum. Sie schildern, wie sie mit Geflüchteten sprachen, ihre Geschichten recherchierten. Sarab, das Wort im Titel, das arabische Wort für Fata Morgana, stehe für die Illusion eines besseren Ortes, eines besseren Lebens.
Natürlich flossen auch ihre Erfahrungen als PalästinenserInnen, also quasi als Flüchtlinge im eigenen Land ein. Daraus entwickelten sie Szenen mit akrobatischen Nummern.

Nun darf man von diesen AkrobatInnen keine Leistungen wie beim Zirkus Knie erwarten: Die Palestinian Circus School wurde 2006 in Ramallah gegründet und richtet sich an Kinder und Jugendliche. Ihre Ressourcen sind beschränkt, ihre Akrobatik ist eher einfach: Sie jonglieren, sie zeigen breakdance moves und stellen eine Kletterstange auf, die nicht höher als der durchschnittliche Maibaum ist. Es gibt keine Liveband, sondern Lautsprecher, aus denen Techno mit arabischen Einflüssen kommt. Spezialeffekte: Explosionsgeräusche und Schreie vom Band, eine Nebelmaschine. Sie tragen keine teuren Kostüme mit Pailetten.
Aber wie die Truppe die Mittel des Zirkus anwendet, um Geschichten zu erzählen, macht den Palestinian Circus sofort enorm interessant. Interessanter als den Zirkus Knie.

Hierfür ein weiteres Beispiel: Drei der Performer stehen auf jeweils einer Kiste – Schirmmützen und Körperhaltung machen sie als Autoritätspersonen kenntlich. Sie werfen Gummibälle, die ein Flüchtling einfangen und zurückwerfen muss, was schwieriger und schwieriger wird. Ein eingängliches Bild.

Während der Fragerunde meldet sich auch ein Mann, der offensichtlich völlig betrunken ist. Er schickt vor, dass er das Stück nicht gesehen hat (sich also nach dem Ende der Vorstellung reingeschlichen hat) und fragt die Mitglieder des Palestinian Circus, ob sie sich als Antisemiten verstehen. Leiter Paul Evans antwortet sehr souverän darauf, was mich vermuten lässt, dass das keine Frage ist, die der Zirkus zum ersten Mal hört. So ist das wohl mit den Bildern, die die Leute im Kopf haben.

The Palestinian Circus: Sarab
Künstlerische Leitung: Paul Evans
Theater Spektakel, Seebühne: So 25.8.–Di 27.8.
Premiere: Ramallah, 2018

„Er erzählte mir von Planetenbüros und vom Todesacker“

Lukas Marxt über seinen Dokumentarfilm Ralfs Farben

Wenn die Superstars in der Formel 1 auch noch Planetenchefs sind, dann gibt’s hinten dran halt auch das Bedürfnis, diese Führungspositionen bei Sieg der Weltmeisterschaft im Bereich der Planeten durchzusetzen.
Ralf Lüddemann (Libretto)

Mein Lieblingsfilm am vergangenen Locarno Film Festival war Ralfs Farben: Das Porträt eines Einsiedlers und Künstlers auf Lanzarote. Regisseur Lukas Marxt lässt ihn ausführlich zu Wort kommen. Einerseits merkt man, dass der Mann unter Schizophrenie leidet, zumindest fällt es schwer, seinen Gedanken zu folgen – andererseits sind diese Gedanken immer wieder philosophisch verblüffend und in ihrer poetischen Sprache sehr faszinierend. Man denkt an Martin Heidegger oder an den Dramaturgen Werner Schwab. Regisseur Marxt findet dazu karge, aber wunderschöne Bilder, in denen man sich verlieren kann: Wüsten, bienenstock-artige Häuserzeilen, eine Bananenplantage, ein Fallschirm, der von einem Hund verfolgt wird.

Filmwebsite

Im Interview schildert Marxt, wie es war, mit Lüddemann zu drehen, was es mit dem Hund auf sich hat – und wo man Ralf Lüddemanns Kunst erleben kann.

 
Wie bist du auf Ralf Lüddemann gestossen?

Ich traf Ralf Lüddemann 2012 auf Lanzarote, während der Recherchearbeit für meine Diplomarbeit: It Seems to Be Loneliness But It Is Not. Ich versuchte, mich vier Wochen zu isolieren, um eine Art von Einsamkeit zu erzeugen. Man kann natürlich nicht von Einsamkeit sprechen bei so einer kurzen Zeit; ich wollte einfach so wenig Kontakt mit anderen Menschen wie möglich haben. Ungefähr nach einer Woche lernte ich Ralf Lüddemann kennen, einen der zurückgezogensten Menschen dort in der Region. Wir trafen uns zufällig der Strasse und kamen ins Gespräch; er erzählte mir von Maschinen und Planetenbüros, die er gerade baut, und vom Todesacker, auf dem er arbeitet. Ich war fasziniert von seiner Sprache und seiner Gedankenwelt. Es liess mich nicht los, und in der restlichen Drehzeit besuchte ich ihn jeden Tag. Wir machten Audioaufnahmen, die ich dann transkribierte; das erschien in einem gleichnamigen Buch, das den Film begleitete.

Lukas Marxt

Der Künstler und Filmemacher wurde 1983 in Österreich geboren. Er studierte erst Geografie und Umweltsystem-wissenschaften, wechselte dann aber ins Kunstfach. Heute lebt er in Köln und Graz.
Website von Lukas Marxt

In dem Film war er aber noch nicht drin?

Nein, noch nicht. Aber im Buch waren Texte von ihm, über siebzig Seiten. Damals gabs schon die Idee, einen Film mit ihm zu machen. Aber die Umsetzung von Ralfs Farben begann erst 2014, 2015.

Die Dreharbeiten dauerten also mehrere Jahre?

Es gab mehrere Perioden, in denen ich ihn besuchte, insgesamt sieben oder acht Mal. Bereits 2015 holte ich Michael Petri mit an Bord, weil die Zusammenarbeit mit Ralf Lüddemann nicht ganz so einfach war. Da waren immer nur er und ich, und ich sehnte mich nach mehr Austausch. Also fragte ich Michael, ob er die Kamera macht. Auch in der Postproduktion arbeitete ich eng mit ihm zusammen.

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Locarno Film Festival 2019: Tropenhitze und tote Katzen

Das Locarno Film Festival ist zuende gegangen, und einmal mehr sah ich nur einen Bruchteil der Gewinnerfilme. So verpasste ich das portugiesische Drama Vitalina Varela (Pedro Costa), das den Goldenen Leoparden für den besten Film sowie den Leoparden für die beste Darstellerin (Vitalina Varela) erhielt. Dafür sah ich Maternal, der eine besondere Erwähnung bekam, wobei ich mich frage, was an dem Film erwähnenswert sein soll (schlecht ist er nicht, aber ich würd mich wundern, wenn der irgendwen nachhaltig beschäftigt).

Regis Myrupu gewann den Leoparden als bester Darsteller für seine Leistung in A febre. Der Film begeisterte mich nicht unbedingt, aber den Darstellerpreis find ich interessant: Myrupu trat nie zuvor in einem Film auf, und er spielt weniger eine Rolle, als dass er einen Typ Mensch darstellt. Als brasilianischer Indio zwischen Tradition und Moderne gibt er einen brasilianischen Indio zwischen Tradition und Moderne. Dies mit geringsten Regungen, aber viel körperlicher Präsenz. Der Preis zeichnet ein Schauspielereikonzept in bester neorealistischer Tradition aus, in dem das Dokumentarische im Vordergrund steht. Quasi: Die Leute, um die es geht, spielen sich selbst. Da geht es auch um Fragen der Repräsentation.
Im Anschluss an die Premiere gabs eine Fragerunde auf der Spazio Cinema, wo bald die Sprache auf Bolsonaro und seine Politik kam. Für die indigene Bevölkerung Brasiliens droht diese geradezu apokalyptisch zu werden. Die Probleme, von denen A febre handelt, werden sicher nicht besser.

Ansonsten: Vom Festival insgesamt sind mir die klimatischen Bedingungen im Gedächtnis geblieben. Es regnete ständig, was aber nie für Abkühlung sorgte, sondern dafür, dass es heiss und feucht war. Ich schwitzte beinahe ununterbrochen und lernte die anständig klimatisierten Kinos wie das CineRex oder das PalaCinema schätzen. Das FEVI dagegen, der grosse Saal mit Platz für dreitausend ZuschauerInnen, war eine Tropenhölle. (Was allerdings dazu passte, dass ich dort A febre sah.)
Anscheinend war ich nicht der einzige, dem das Klima aufs Gemüt schlug: Einmal sah ich am Piazza Grande einen jungen Mann, der das Plakat zur Diego-Maradona-Doku wütend von einer Säule riss und laut fluchte (ich verstand allerdings nur „merda“).

Die denkwürdigste Vorführung war sicherlich die Pressevisionierung von Space Dogs, dieses wunderschöne, aber völlig erbarmungslose Porträt der Moskauer Strassenköter. Als einer der Hunde eine Katze erlegte, begannen die Kritiker, reihenweise den Saal zu verlassen.

Hier nun aber sämtliche Filme, die ich sah – von dem, den ich kein bisschen mochte, bis zu dem, der mich haltlos euphorisierte. Die Kurzkritiken erschienen zuerst auf Facebook und Twitter; ich hab sie für diese Zusammenstellung leicht redigiert.

 
Wilcox
Von Denis Côté, Ka 2019, 66 min.
Ausser Konkurrenz

Porträt eines Aussteigers, der im Wald lebt.
Regisseur: „Ha ha, die Tonspur besteht nur aus nervtötendem Rauschen und Tösen!“
Zuschauer: „Ha ha, ich lauf aus dem Film raus!“
Keine Wertung

Tourism Studies
Von Joshua Gen Solondz, USA 2019, 7 min.
Moving Ahead

Ferienaufnahmen, zu einem Filmgewitter zusammengeschnitten. Die Helferinnen geben allen im Saal eine individuelle Epilepsie-Warnung — immerhin das ist interessant daran.
3/10

Bergmál
Von Rúnar Rúnarsson, Is/F/CH 2019, 79 min.
Internationaler Wettbewerb

Weihnachten/Neujahr in Island. Eine Aneinanderreihung kurzer, leicht absurder Alltagsszenen. Unbewegte Kamera. Wie ein Roy-Andersson-Film, aber ohne Witz, Originalität oder Subtilität.
4/10
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Locarno Film Festival 2019: Ein Experiment

Heute hat das Locarno Film Festival angefangen, und ich reise auch für ein paar Tage hin. Normalerweise mache ich zu jedem Film ausführlich Notizen und schreibe später eine Kritik. Dieses Jahr probier ich etwas Neues: Nach jedem Film, den ich sehe, verfasse ich gleich eine Kürzestkritik, die ich auf Facebook und Twitter poste. (Bei den Filmen, die ich in einer Pressevisionierung sehe, warte ich mit der Veröffentlichung bis nach der ersten öffentlichen Vorführung.) Je nachdem gibts auch weitere Berichte über das Festivalgeschehen. Und am Ende trage ich alles auf diesem Blog zusammen. Das ist zumindest der Plan.
Nein, besonders revolutionär ist die Idee nicht, aber ich hab das halt noch nie auf die Art gemacht.

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