Wien 2019, Teil 5: Die Präsidentinnen

Für den Samstagabend haben wir Theaterkarten gebucht: Die Präsidentinnen im Akademietheater.

Mit der U-Bahn gelangen wir zum Karlsplatz. Dieser ist weitgehend menschenleer, der kleine Teich noch ohne Wasser, aber die Karlskirche hell beleuchtet. 1739 wurde sie fertiggestellt, nachdem Kaiser Karl VI. während der letzten Wiener Pestepidemie von 1713 gelobt hatte, dem Pestheiligen Karl Borromäus eine Kirche zu bauen. Seither gabs keinen grossen Pestausbruch mehr, scheint also funktioniert zu haben. Aber was sagt das über den heiligen Karl aus, dass man ihm erst eine Kirche bauen muss, bevor er seine Aufgabe erfüllt?

Vor der Aufführung gehen wir Burritos essen ins Gorilla Kitchen. Die Nachos als Beilage sind zu viel des Guten, ich hab mich überfressen.

Beim Akademietheater handelt es sich um die kleine Spielstätte des Burgtheaters. Im Gegensatz zu jenem werden in der Akademie vor allem zeitgenössische Stücke gespielt. Zum Vergleich: Im Burgtheater läuft am selben Abend Ödön von Horváths Glaube Liebe Hoffnung (1932). Im Akademietheater eben Die Präsidentinnen (1990) von Werner Schwab. Am Zürcher Schauspielhaus ist es ja ähnlich, mit dem alten Pfauen und dem jungen Schiffbau.

Die Sessel im Akademietheater – wir sitzen auf dem Balkon – sind sehr eng, nicht gemacht für Leute meiner Körpergrösse. Am Ende tun mir die Knie und der Rücken weh, wie immer in diesen alten Theaterhäusern. (Im ebenso beengten Pfauen in Zürich wird zurzeit eine Bühnenversion von Dürrenmatts Justiz gespielt, die fünfeinhalb Stunden läuft. Gott im Himmel.)

Schwabs Stück in der Inszenierung von David Bösch hatte im Oktober 2015 Premiere; wir haben versehentlich die allerletzte Vorstellung erwischt (allfällige künftige Wiederaufnahmen nicht eingerechnet). Werner Schwab (1958–1994) ist mir ein Begriff, weil wir einst im Studierendentheater Zürich sein Stück Mesalliance aber wir ficken uns prächtig spielten. Er wird gern, auch im Begleitheft des Akademietheaters, als Punker des Theaters bezeichnet. Seine Werke sind Österreich pur: Gedärme, Katholizismus, Hitler.

Die Präsidentinnen spielt in einer kleinbürgerlichen Wohnküche, hier kommen drei Frauen zusammen und schauen sich im Fernsehen eine Papstmesse an. „So viele Menschen. So viel Menschen sind zusammengekommen und zusammengeblieben und haben eine Gemeinschaft gemacht bei den Füssen des Heiligen Vaters“, sagt Erna (Regina Fritsch), die Rentnerin. Ihr gehört die Wohnküche. Die Sendung ist zu Ende, das Tratschen beginnt. Erna beklagt sich über ihr „abtrünniges Kind“, ihren Sohn Herrmann, der ihr keine Enkelkinder macht. „Dabei könnte er so leicht Verkehr haben in der heutigen Zeit. Heute haben die Menschen ja den ganzen Tag einen Verkehr.“
Die zweite Frau heisst Grete (Barbara Petritsch), ist ebenfalls Rentnerin. Ihre Tochter hat sich die Eierstöcke rausnehmen lassen und ist nach Australien ausgewandert. So bleibt Grete nur noch ihr Hund, die Lydia. „Wenn sie einmal bei einem fremden Scheissdreck nascht, dann sag ich immer: Lydi, tu nix Scheissdreck fressen. Und schon hebt sie das Köpferl und nickt. Das hat sie einmal bei einem Holzdackel angeschaut und sofort gelernt.“
Mariedl (Stefanie Dvorak), um einiges jünger als die anderen beiden und noch berufstätig, ist stolz darauf und erzählt schwärmerisch davon, dass ihr grosses Talent darin besteht, verstopfte Toiletten freizumachen. „Die Menschen sagen immer: Oje, das Klo ist verstopft, schnell, geht zur Mariedl und holt sie her, die macht es auch ohne. Weil, die Leute wissen schon, dass die Mariedl keine Gummihandschuhe annimmt, wenn sie hinuntergreift in den Abort.“

Eigentlich ist Erna angeekelt vom Gerede, denn: „Ich kann meinen Glauben einfach nicht mit einem Sex und den Hauferln vereinigen.“ Aber verzeihen kann sie: „Da hat es aber schon wirklich einen guten Sinn gehabt, wie der Bundespräsident bei der letzten Ansprache gesagt hat, dass er sich für den Frieden und für das Verzeihen einsetzen will. Verzeihen ist das erste auf der Welt, sage ich immer.“ Schon klar, dass der Bundespräsident vom Verzeihen spricht: Gemeint ist Kurt Waldheim, bei dessen Wahlkampf 1986 Fragen um seine NS-Vergangenheit aufkam. Nachgewiesen wurde ihm, dass er zumindest seine Biografie beschönigt hatte, und wahrscheinlich wusste er seinerzeit von Kriegsverbrechen. Zum Bundespräsidenten gewählt wurde er trotzdem. „In Wirklichkeit war niemand ein Nazi in unserem Land, höchstens eine Handvoll. In unserem Land nie, das war Hitler, der verführerische Mensch, der schlechte. So ähnlich hat das sogar der Herr Bundespräsident gesagt, oder?“
An der Wand hängt ein Bild von Waldheim, daneben ein Graffiti: „Fuck Mother“. Das „k“ in „Fuck“ ist zu einem Kreuz erweitert.

Gedärme, Katholizismus, Hitler. Dass das nie billig wird, liegt in erster Linie an Schwabs Sprache, dieser eigentümlichen Kunstsprache Schwabs, die Goethe und Alltagsösterreichisch mit eigenen Schöpfungen mixt. „Jetzt ist die Nächstenliebe wieder aufgebaut. So, jetzt gebts euch ein Busserl und es ist alles gut.“

Werner Schwab selbst hat sich ja seinerzeit schon gewundert, zum Beispiel 1992 bei der Uraufführung von Mesalliance aber wir ficken uns prächtig in Graz, dass seine Stücke keine grossen Skandale auslösen. Da war er schon längst ein Star am deutschsprachigen Theater. 2019 bei Die Präsidentinnen ist erst recht keiner mehr betupft, das Publikum lacht wie bei einem Comedy-Abend oder einem Poetry Slam. Kollege Barry regt sich auf, dass die Leute während der Vorstellung quatschen. „Das ist in Wien halt so“, sagt ihm ein Zuschauer.

Schwab starb an Silvester von 1993 auf 1994, gerade mal 35-jährig, an einer Alkoholvergiftung. Geblieben ist seine Sprache.

Nach der Aufführung nehmen wir einen Schlummertrunk im Hostel, und am nächsten Morgen fliege ich zurück nach Zürich.

 

Die Präsidentinnen
Von Werner Schwab, 1990
Regie: David Bösch
Premiere: 3.10.2015 am Akademietheater Wien
Mit Regina Fritsch, Barbara Petritsch und Stefanie Dvorak

Wien 2017: Teil 1
Wien 2017: Teil 2
Wien 2019, Teil 1: Meeting SpongeBob
Wien 2019, Teil 2: MuseumsQuartier
Wien 2019, Teil 3: Naschmarkt, Oberes Belvedere
Wien 2019, Teil 4: Schönbrunn
Wien 2019, Teil 5: Die Präsidentinnen
Wien 2019, Anhang: Fotoshow

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