Wien 2019, Teil 4: Schönbrunn

Samstag

Frühstücksbuffet im Wombat. Gestern Morgen sass eine Dame im mittleren Alter an der Geschirrausgabe; sie spielte über die Lautsprecher schnulzige Liebesballaden aus den 70ern und 80ern. Heute ist es eine junge Frau; sie spielt schnulzige Popsongs aus den 90ern und den Nullerjahren.

Kollege Barry trifft Buchleute; ich dagegen unternehme einen Ausflug zum Schloss Schönbrunn. Bisher kommt mir Wien ziemlich leer vor – es ist halt Februar, sag ich mir, keine touristische Hochsaison. Allerdings: Je näher ich dem Schloss Schönbrunn komme, desto mehr Leuten begegne ich. Fussgänger, Reisebusse, Privatfahrzeuge: Hier strömen die Menschen zusammen, es ist ein Volksauflauf. Auf dem Schlossplatz tummeln sich die Massen. Mir graut davor, wie es hier im Sommer aussehen mag.

Das Schloss selbst mit seinen Ausstellungen spare ich mir — ich bin nicht interessiert am Kult um Sissi. Stattdessen begebe ich mich in den Schlosspark. Auch hier sind die Hauptalleen voll von Leuten, aber sobald ich auf die Seitenwege ausweiche, hab ich meine Ruhe. Ein Schwarm von Krähen fliegt über mich hinweg; ich höre das Rauschen ihrer Flügel.

Blauer Himmel und Sonne. Es braucht nicht einmal eine Jacke. Ein herrlicher Februar. Dennoch, der Schlosspark steckt noch im Winterschlaf: Die Pflanzen sind kahl, viele der Brunnen noch gefroren. Es gibt einen Platz — das Rosarium –, der im Frühler voller blühender Rosen sein wird. Doch jetzt sind die Rosenstöcke noch alle Jutesäcke eingepackt. Hunderte von Rosenstöcken in Jutesäcken. Ich denke an den Film «Spartacus», denn es sieht aus, als hätte jemand Hunderte, Tausende von winzigen römischen Sklaven geköpft und gekreuzigt (die Jutesäcke erinnern an Tunikas).

Der Schlosspark geht in eine Anhöhe über. Es ist eine rechte Steigung, ich komme ins Schwitzen. Zuoberst steht die Schönbrunn Gloriette; ein luftiger Prachtbau mit Blick über den Schlosspark und über die Stadt hinweg. Zu beiden Seiten eines Hauptgebäudes liegt jeweils ein Säulengang. Von hier aus blicke ich nach oben, und es kommt mir vor, als müsste ich nur einen Schritt nach oben machen, und dann könnte ich in den Himmel hineinfliegen. Die Krähen von vorhin, würden sie mich wohl mitnehmen?
Es gibt ein Café, das jedoch brechend voll ist. Ich mache mich an den Abstieg.

Zu Fusse der Anhöhe stosse ich auf einen verwitterten antiken Tempel. Dieser ist allerdings nicht echt, sondern wurde 1778 gebaut. Im Zuge der Romantik war es nämlich in Mode gekommen, sich eine künstliche Ruine in die Parkanlage zu stellen. Solche Einfälle muss man erst einmal haben.

Ich lasse Schloss Schönbrunn hinter mir, hole mir beim Hofer – wie der Aldi in Österreich heisst – eine Wurst im Semmel; ekelhaft. Bald darauf gelange ich an die Rudolfsheimer Pfarrkirche, ein beeindruckender neogotischer Backsteinbau von 1898; innen stosse ich auf eine Nische mit einem furchtbar schlechten Porträt von Mutter Teresa.

Nicht weit von der Kirche liegt die linke Buchhandlung Libreria Utopia. Dort treffe ich Barry. Während er mit der Verkäuferin fachsimpelt, kauf ich Bücher – eine Biografie von Lewis Carroll sowie ein Buch über den russischen Augustputsch von 1991.

Neben dem Einkaufszentrum Lugner City steht die Stadtbücherei, und auf deren Dach liegt die Beiz Oben. Vom Urban Loritz Platz aus erreicht man das Lokal über eine lange Treppe. Bei Kaffee und Zwetschgenstrudel überblicken wir das südliche Wien.

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Wien 2019, Anhang: Fotoshow

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