Wien 2019, Teil 3: Naschmarkt, Oberes Belvedere

Kollege Barry ernährt sich seit Neuem vegan, entsprechend wählen wir die Restaurants aus. So gehen wir zum Abendessen in Xu’s Cooking. Vegetarisch-vegane asiatische Küche. Auf der Karte: Rind, Poulet und Co., aber es ist alles Fleischersatz. Ich bestelle knusprige Ente. Sie schmeckt wie panierter Fleischkäse. Dazu ein Kirin-Bier, danach Bambusschnaps und warmer Sake. Wir fangen an, Ärzte-Lieder zu singen. Anscheinend geben wir zu viel Trinkgeld, denn wir bekommen mehrmals Sake nachgeschenkt. Oder die Restaurantbesitzer sind Fans von Deutschpunk. Auf dem Heimweg singen wir noch mehr Ärzte-Lieder.

 
Freitag

Nach dem Frühstücksbuffet im Wombat flanieren wir zum Belvedere. Unser Weg führt über den Naschmarkt. Ich esse ein Zelten mit Kokosfüllung, herrlich. Wir kommen an einem Imbiss vorbei, wo gerade ein Filmteam dreht. Sie filmen einen älteren Schauspieler dabei, wie er etwas bestellt. Wir erkennen ihn nicht.

Am Rande des Naschmarkts liegt das Voodies, ein vegetarischer Burgerladen. Ich nehme einen Burger mit einem Hirse-Erbsen-Patty, dazu Dutch Fries mit Satay-Sauce und eine biologische Limo. Haut mich nicht vom Hocker, aber es ist besser als bei McDonald’s.

Unterwegs trinken wir noch einen Kaffee, dann sind wir endlich am Oberen Belvedere. Ich wollte dorthin, um Gustav Klimt die Ehre zu erweisen. Das Museum ist ein barocker Prachtbau, umgeben von einer grosszügigen Gartenanlage, die freilich noch winterlich-karg daliegt. Dennoch komm ich mir ohne Rüschen und wallende Gewänder underdressed vor. Es gibt auch ein Unteres Belvedere, das wir aus Zeitgründen auslassen.
Hauptstück der Sammlung ist Klimts Der Kuss. Hier konzentriert sich dann auch der Besucheransturm. Das ca. zweimalzwei Meter grosse Gemälde hängt an einem grossen Block, der ein wenig in den Raum hineinragt. Die Leute sind still, aber sie zücken alle das Handy und den Selfiestick. Einzelne fragen gar Fremde danach, sie vor dem Bild zu fotografieren. Es gibt Pärchen, die versuchen, die Pose des gemalten Paares nachzustellen – sieht sehr unbequem aus.
Es erinnert mich an das Amsterdamer Rijksmuseum, wo sich die Aufmerksamkeit ganz ähnlich auf Rembrandts Die Nachtwache bündelt.

Mein besonderes Interesse wecken die unfertigen Gemälde Klimts – er starb 1918 ganz plötzlich an einem Schlaganfall, mit gerade mal 55 Jahren, während er an mehreren Werken arbeitete. Da ist zum Beispiel ein Porträt von Amalie Zuckerkandl – Kopf und Schultern sind ausgearbeitet, das Kleid hingegen besteht noch aus der Unterzeichnung (und ein paar Farbflecken). Das ergibt einen reizvollen Effekt, ähnlich den Gerstl-Gemälden und den Farbtests aus dem Leopold Museum.

Im restlichen Haus: Viele repräsentative Gemälde von Aristokraten und Aristokratenfamilien. Tote Augen, gefrorene Mimik und steife Körperhaltung. Besonders die Familienporträts aus dem Barock haben etwas Groteskes an sich. Beispiel: Die Familie des Grafen Nikolaus Pálffy von Erdöd (Martin van Meytens d. J., 1760). Ein Teenager in ziervoller Jägerausrüstung streckt den rechten Ellenbogen auf eine Art und Weise dem Betrachter entgegen, die weder Barry noch ich nachstellen können, ohne dass es uns schmerzen würde.

Der Pathos in der Darstellung wichtiger Leute geht einem schnell auf die Nerven. Im Oberen Belvedere hängt unter andere das berühmte Gemälde von Napoleon auf einem Pferd: Bonaparte beim Überschreiten der Alpen am Grossen Sankt Bernhard. Genauer gesagt, es ist die vierte von fünf Versionen, die der Historienmaler Jacques-Louis David 1800 bis 1802 herstellte. Fürchterlich aufgeblasen.
Und immer wieder: Sissi und Franz Joseph.
Richtiggehend erfrischend ist dagegen das Bild Kaiser Franz II. (I.) in seinem Arbeitszimmer (Johann Stephan Decker, 1821). Beschreibung: „Kaiser Franz II. (I.) wird hier als erster Diener seines Staates beim Lesen von Akten dargestellt.“ Das ist einem näher als der aristokratische Pomp.

In der Abteilung der Mittelalter-Kunst zischt es von Zeit zu Zeit: Über den hohen Türen sind Dampfzerstäuber angebracht, die das Raumklima regulieren. Geringe oder schwankende Luftfeuchtigkeit ist schädlich für die Gemälde.
An einigen Bilder hat die Zeit bereits ihr Werk getan. Beispiel: Josef wird in den Brunnen geworfen (Michael Pacher, vor 1497/98). Beschreibung: „Bei der alttestamentarlichen Josefszene ist die Malschicht weitgehend zerstört. Zu sehen ist die Unterzeichnung: Sie offenbart den Entwurfprozess der Tafelgemälde und Pachers ausserordentlich qualitätsvolle Zeichentechnik.“ Man denke zurück an die unvollendeten Klimt-Gemälde.

Drei kleine Bischoffiguren erregen mein Interesse: Thronender hl. Blasius mit den hll. Rupert und Maximilian (Andreas Lackner, 1518). Die Holzfiguren entstanden einst für den Abtenauer Hochaltar; in der Beschreibung heissts, sie markierten „einen letzten Höhepunkt gotischer Schnitzkunst in Österreich“. Tatsächlich sind sie wunderbar gefertigt. Mich fasziniert aber in erster Linie der Kontrast zwischen den wallenden, goldenen Gewändern und Schmuck einerseits – und andererseits den aufgedunsenen alten Hackfressen der Bischöfe.

Eine Sonderausstellung beschäftigt sich mit der Statuengruppe Mars und Venus mit Amor (Leopold Kiesling, 1809). Man sieht den Kriegsgott und die Liebesgöttin in Umarmung, zu Mars‘ Füssen steht Amor. Die Gruppe entstand zu einer Zeit, als Marie-Louise mit Napoleon verheiratet wurde, um den Frieden zwischen Österreich und Frankreich zu sichern. Die Ehe wurde 1810 geschlossen (nachdem sich der französische Kaiser von Joséphine scheiden liess). Die Parallelen zwischen dem Weltereignis und den Statuen machten letztere äusserst populär.
Aber ach, wie man weiss: Der Frieden in Europa war keineswegs gewährleistet, Napoleon hatte noch einiges vor – und auch Kieslings Mars hat dem Anschein nach anderes im Kopf als die Liebe: Sein Penis ist vollständig schlaff.

Wien 2017: Teil 1
Wien 2017: Teil 2
Wien 2019, Teil 1: Meeting SpongeBob
Wien 2019, Teil 2: MuseumsQuartier
Wien 2019, Teil 3: Naschmarkt, Oberes Belvedere
Wien 2019, Teil 4: Schönbrunn
Wien 2019, Teil 5: Die Präsidentinnen
Wien 2019, Anhang: Fotoshow

2 Gedanken zu “Wien 2019, Teil 3: Naschmarkt, Oberes Belvedere

    • Klar, er tourte schliesslich in seiner Freizeit mit einer Mozart-Coverband. Deswegen war er auch sehr beliebt beim Volk, nicht nur, weil er Akten gelesen hat.

      Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s