Wien 2019, Teil 2: MuseumsQuartier

Nach dem Mittagessen verschwindet Barry zu seinem Verlag (bahoe books), ich dagegen geh ins Leopold Museum. Im Erdgeschoss die Ausstellung Klimt – Moser – Gerstl. Da haben wir den unvermeidlichen Gustav Klimt sowie Koloman Moser und Richard Gerstl. Klimt kennt man; Moser war Teil von dessen Wiener Jugendstil, Gerstl dagegen wandte sich explizit gegen Klimt und Co. (War aber dennoch wie die anderen beiden in der Wiener Secession.)
Moser war nicht nur von Klimt, sondern auch vom Schweizer Ferdinand Hodler beeinflusst. Das sieht man seinen Bildern an. Liebespaar gefiel mir.
Gerstls Bilder bedienen in ihrer Hässlichkeit und Amateurhaftigkeit eine Punk-Attitüde, bevor es Punk gab. Darunter einige Gemälde, an deren Rändern man noch die Leinwand sieht, die quasi gar nicht fertig sind.

Das Unfertige, Grobschlächtige von Gerstls Werk hat ein unerwartetes Echo im untersten Kellergeschoss, in der Ausstellung Wege ins Freie. Österreichische Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts. Zum Grossteil nicht besonders interessant für mich, aber unter den Gemälden befanden sich auch einige Studien – also Entwürfe für Komposition oder Farbgebung. Auch hier: Teils sieht man an den Rändern die Leinwand.
Die Farbstudien erinnern mich darüber hinaus an die Avantgarde der Moderne, an die Impressionisten und Expressionisten. Bös gesagt: Die Modernen haben einfach ihre Bilder nicht fertiggemalt – ich wundere mich darüber, dass Maler jahrhundertelang Studien gemalt und nie gemerkt haben, dass die einen eigenen Wert haben.

Eigentlich aber bin ich ins Leopold Museum, um mir Egon Schieles Werke anzusehen – es ist sein Stamm-Museum, kein anderes hat so viel von ihm. Zu verdanken ist das dem Augenarzt Rudolf Leopold, dessen Kunstsammlung Grundstock des Museums ist. Im Übrigen finde ich es sehr sinnig, dass sich ein Augenarzt für Gemälde einsetzt.
Wie dem auch sei, Schiele starb im Oktober 1918, und deswegen macht das Museum eine „Jubiläumsschau“ zu seinem hundertsten Todestag: Reloaded. (Wer ist sich eigentlich noch bewusst, dass das Wort „reloaded“ durch den zweiten Matrix-Film populär wurde?)

Die Ausstellung bietet einen umfassenden Überblick über Schieles Leben und Werk und stellt es vereinzelt zeitgenössischen Kunstwerken entgegen, die mehr oder weniger direkt im Bezug dazu stehen. So findet sich in einem Raum, der Schieles Darstellungen nackter Frauen gewidmet ist, das Werk „Tracy“. Es stammt von der amerikanischen Künstlerin Sarah Lucas. Seit 1997 stellt sie sogenannte Bunnys her – Karikaturen des weiblichen Sexobjekts (wie man es aus dem „Playboy“ kennt), bestehend aus ausgestopften fleischfarbenen Nylonstrümpfen. Die Puppen sehen entfernt menschlich aus, haben jedoch keine Köpfe, sondern Hasenohren – diese Ohren könnten allerdings auch Arme sein, und wenn man sich „Tracy“ so anschaut, räkelt sie sich schon sehr ähnlich wie einige von Schieles gezeichneten Damen. Das regt zumindest zum Lachen an.

Frauendarstellungen hin oder her: Reloaded macht einen weitläufigen Eindruck, da scheint keine Phase zu fehlen. Besonders faszinieren mich Schieles Briefe in den Schaukästen. Seine Städtelandschaften oder sein grafisches Werk war mir noch unbekannt.

Fakt am Rande: Neben Schiele starben auch Klimt und Koloman Moser 1918 (während Gerstl sich bereits 1908 das Leben nahm).

Im Museum ists etwas kühl. Unter den Besuchern sehe ich eine junge Frau, die ihren Pullover wie ein Kopftuch trägt.

In der Haupthalle des Museums findet sich die Ausstellung Eine Wiener Garderobe. Der Modedesigner Arthur Arbesser hat eine Kollektion entworfen, inspiriert von der Wiener Moderne um 1900. Im Raum stehen auch einige Ledersessel und Ledersofas herum. Erschöpft vom Museumsbesuch, setze ich mich hin und ruhe mich aus. Und sehe zu, wie Museumsangestellte in einer Ecke eine Bar aufbauen. Sie eilen fleissig hin und her, bringen Gläser und Stehtische. Über die Tischchen breiten sie weisse Tücher aus. Es geht gegen 17 Uhr. Gibts eine Vernissage? Auf dem Programm entdecke ich keine, aber es findet eine Spezialführung zum Valentinstag statt. Das wird es wohl sein.

Im Museumsshop suche ich mir einige Postkarten heraus, die mit Kunstwerken aus der Sammlung bedruckt sind. Als ich zur Kasse will, merke ich, dass ich mein Portemonnaie in der Garderobe vergessen habe. Unauffällig lege ich alle Postkarten zurück; es ist mir zu blöd, später mit Jacke und Rucksack nochmals hinaufzugehen.

Das Leopold Museum liegt im MuseumsQuartier, einem 2001 eröffneten Bezirk; vorher war das der Messepalast. Ich schau mir noch die Kabinettpassage an (offiziell KABINETT comic passage) – ein Durchgang mit Schaukästen und einem Comicautomaten. Ausgestellt werden „Comics und Artverwandtes“. Aktuell ist es Anna Haifisch, sie präsentiert ein Büchlein mit dem Titel „Fuji-San“. Es ist die Geschichte eines alten Hasen, der am Fusse des Fuji als Einsiedler lebt. Unter anderem freundet er sich mit einem Tintenfisch an. Ich stecke Geld in den Automaten und nehme mir eins der Büchlein. In den Schaukästen sind Originalseiten und eine kleine Bastelarbeit ausgestellt.

Ich verlasse das Museumsquartier und gelange zurück zur Mariahilfer Strasse. An deren Ende, auf dem Platz der Menschenrechte, findet eine Frauendemo von One Billion Rising statt. Es ist ja Valentinstag. Als ich hinzukomme, hat die Demo grad angefangen – es handelt sich um eine Performance mit Frauenschuhen. Da ich mit Barry in der Herberge abgemacht habe, gehe ich bald weiter.

Wien 2017: Teil 1
Wien 2017: Teil 2
Wien 2019, Teil 1: Meeting SpongeBob
Wien 2019, Teil 2: MuseumsQuartier
Wien 2019, Teil 3: Naschmarkt, Oberes Belvedere
Wien 2019, Teil 4: Schönbrunn
Wien 2019, Teil 5: Die Präsidentinnen
Wien 2019, Anhang: Fotoshow

Werbung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s