Klassenkampf is back

Édouard Louis‘ erzählerischer Text, der explizit auch inszeniert werden könnte, ist einerseits eine Geschichte, in der ein Sohn an Vaters statt dessen Geschichte erzählt, andererseits eine Abrechnung.
Die ersten beiden Teile des kurzen Textes erzählen von den Widersprüchen zwischen den patriachalen Vorstellungen von Männlichkeit und dem Wesen des Vaters. Sein ganzes Leben lang war es ihm nicht möglich gewesen, einen konstruktiven Umgang damit zu finden. Sobald als möglich hatte der Vater von der Schule abgehen wollen. Bildung und Schulwesen waren assoziiert mit Weiblichkeit und Homosexualität. Bis er ungefähr dreissig Jahre alt war, tanzte der Vater. Der Mutter des Erzählers zu Folge tanzte er bei jeder Gelegenheit und war ein guter Tänzer. Viele Jahre später von seinem Sohn darauf oder auf Photographien aus dieser Zeit angesprochen, verweigert er Auskünfte.
Aufgrund eines Arbeitsunfalls erleidet der Vater starke Verletzungen am Rücken, von denen er nie mehr gänzlich genesen wird. Er ist auf staatliche Unterstützung angewiesen und sieht sich gezwungen – nachdem diese gestrichen worden ist –, in einer anderen Stadt als Strassenkehrer zu arbeiten.
Im Finale zählt der Sohn Präsident um Präsident die Verantwortlichen auf, die Kürzungen im Sozialbereich durchgeboxt haben und so die Gesundheit des Vaters ruiniert haben, bis er zueletzt am Entzug der Unterstützung gestorben ist.
Berührend erzählt der Sohn den Wandel des Vaters, der, auch wenn er für diese Sicht keine Sprache findet, nun mehr nicht Homosexuelle und Ausländer*innen zu Sündenböcken für die gesellschaftlichen Probleme macht, sondern gemerkt hat, wer für seine Misere verantwortlich ist.
Das letzte Wort der Erzählung ist Revolution.

Édouard Louis: Wer hat meinen Vater umgebracht. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Frankfurt am Main 2019.
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