One Cut of the Dead

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One Cut of the Dead ist ein kleines Meisterwerk. Und einer jener Filme, die umso besser wirken, je weniger man darüber weiss. (Es hilft auch, wenn man billige Zombiefilme mag — oder hasst, je nachdem.) Meine Empfehlung wär also, diese Kritik gar nicht erst zu lesen, sondern direkt die DVD zu bestellen oder wahlweise den nächstbesten Streaming-Dienst anzuwerfen.
Wer mir aber nicht einfach so glauben will, der kann weiterlesen. Keine Angst, ich verrate nichts Wesentliches, auch wenn ich schlecht mehr über One Cut of the Dead schreiben kann, ohne die eine oder andere Andeutung zu machen.

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Les granges brûlées (1973)

Im Grunde ist Les granges brûlées ein simpler Krimi — zwei Männer vom Winterdienst finden eines Morgens die Leiche einer jungen Frau. Ganz in der Nähe steht ein Hof, genannt „les granges brûlées“ (Die abgebrannten Scheunen). Dort hat die Mutter Rose (Simone Signoret) ihre Familie fest im Griff. Ein Untersuchungsrichter (Alain Delon) schaut sich die Sache näher an — und kommt zum Schluss, dass der Sohn von Rose etwas mit der Sache zu tun hat.

So weit, so fein. Fokus des Films ist das Katz-und-Maus-Spiel zwischen der Mutter und dem Untersuchungsrichter. Alain Delon und Simone Signoret beweisen sich in den Hauptrollen als Grössen der französischen Schauspielerei — fesselnd zum Beispiel, wie der Richter Rose gegenüber immer wieder ein leicht falsches Lächeln aufsetzt, während sie ihn mit kühlem Schweigen abstraft. Les granges brûlées ist, nicht nur im Bezug auf die beiden, ein Film der vielsagenden Blicke und der ausgefeilten Mimik. Signoret und Delon waren übrigens schon 1971 in der Georgese-Simenon-Verfilmung La Veuve Couderc aufeinandergetroffen.

Apropos Schauspieler: Das hier schreibt das Filmpodium:

Der Fernsehregisseur Jean Chapot erwies sich als ausserstande, bei seinem ersten grossen Kinofilm einen Star wie Alain Delon in den Griff zu kriegen, sodass Delon in den letzten Wochen zusammen mit dem Regieassistenten Philippe Monnier selbst die Inszenierung übernahm. Als Roses Tochter Françoise ist Signorets eigene Tochter Catherine Allégret zu sehen.

Nebenbei ist Les granges brûlées ein faszinierender Einblick in die französische Provinz der 70er. Soweit ich das sehe, wurde der Film weitgehend an Originalschauplätzen gedreht: Grandiose Bilder der Winterlandschaft, eine stickige Beiz, ein halb-vornehmes Hotel — der heruntergekommene Hof von Roses Familie.
Das Team drehte auf einem damals verlassenen Bauernhof (meint Wikipedia), und der Ort wirkt in der Tat sehr real. Falls die Innenaufnahmen des Bauernhauses im Studio entstanden, dann ein grosses Lob an den Dekorateur: Der Schmutz in der Uhrenwerkstatt von Roses Mann. Die Küche, in der nur ein kleiner Teil geplättelt ist. Die knarrenden Böden, das alte Bett im engen Gästezimmer. Ich bin selbst auf dem Land aufgewachsen und kenne das, zumindest noch aus meinen Kindertagen. Dass die junge Generation sich mit einem solchen Leben nicht mehr abfinden mag, ist ein Thema des Films.

Was Les granges brûlées letztendlich von anderen Krimis abhebt, ist die Tonspur, denn beim Soundtrack handelt es sich um eine frühe Arbeit von Jean-Michel Jarre, einem Spezialisten für elektronische Musik. Dieser wurde etwas später mit dem Album Oxygène (1976) welberühmt. So werden in Les granges brûlées die Krimihandlung und die naturalistischen Aufnahmen durch die elektronische, fremdartig anzuhörende Musik konterkariert. Sie scheint mehr zu einem Science-fiction-Film zu passen, aber gerade dieser Kontrast ist äusserst reizvoll — und natürlich passt die verstörende Musik zur verstörenden Wahrheit, die unter der Oberfläche der friedlichen Dorfwelt lauert.
Besonders schön kommt der Kontrast im Titelstück hervor, wo die harten Elektroklänge auf eine sanfte Frauenstimme treffen. Wundervoll.

Les granges brûlées
Frankreich/Italien 1973, 95 Min.
Regie: Jean Chapot
Drehbuch: Jean Chapot, Sébastien Roulet
Musik: Jean-Michel Jarre
Mit Simone Signoret, Alain Delon, Bernard Le Coq et al.