Erschlagen wir die Armen!

Die namenlose Ich-Erzählerin hat einem ebenfalls farbigen Mann, Asylsuchender, eine Flasche über den Kopf gezogen, woran dieser gestorben ist. Die Aufarbeitung des Falles, bzw. ihr Verhör bildet den losen roten Faden von Shumona Sinhas Roman Assomons les pauvres.
Die Erzählerin arbeitet als Übersetzerin für die Asylbürokratie des französischen Staates; „Sprachgymnastik“ nennt sie, was sie dort betreibt.

Der Titel von Sinhas Roman bezieht sich auf das gleichnamige Prosagedicht Charles Baudelaires. Darin – die Handlung ereignet sich ungefähr 1848 – liest das lyrische Ich Bücher der „Unternehmer für die öffentliche Wohlfahrt“, Proudhon etc., von denen es bald genug hat. Es begibt sich auf die Strasse; einen alten Bettler erblickend, flüstert ihm eine Engelsstimme ein, gleich sei nur, wer es beweise, frei sei nur, wer sich die Freiheit erobere. Das lyrische Ich verprügelt den Bettler, dieser reisst sich aus seiner Passivität und schlägt zurück. Das lyrische Ich erkennt ihn als ebenbürtig an.

Der Roman besteht hauptsächlich aus Szenen des monotonen Alltags, den die Erzählerin beschreibt. So schildert sie im Kapitel De l’autre côté des choses, wie sie durch ein Quartier der margnialisierten, verdrängten, nicht-willkommenen Migrant_innen geht. Alle sind einander fremd: Die Übersetzer_innen und jene, die auf Übersetzung angewiesen sind, die sich schwören, niemals Speichellecker des globalen Nordens zu werden.

Ici les interprètes des pays mutants et ambitieux, des pays orphelins et rancuniers, tous ensemble ont juré craché de ne pas devenir les lèches bottes des pays du Nord. De ne pas oublier. De mettre toujours une bougie dans l’autel secret de leur mémoire. La mémoire est une religion. Une guerre. Ici elle est bonne. Pour défoncer les portes, détruire les hautes murailles et laisser entrer.*

* Hier haben sich die Übersetzer_innen der im Wandel begriffenen und ehrgeizigen Länder, der verwaisten Länder, voller Ranküne, alle zusammen haben sich ausspuckend geschworen, nicht die Speichellecker der Länder des Nordens zu werden. Nicht zu vergessen. Stets eine Kerze auf den geheimen Altar ihrer Erinnerung zu stellen. Die Erinnerung ist eine Religion. Ein Krieg. Hier ist er gut. Um Türen einzuschlagen, hohe Mauern zu zerstören und eintreten zu lassen.

Weiterlesen