Kinorückschau 2018: Das Gelumpe

Ein Jahr ist um, viele Filme sind ins Kino gekommen. Dies ist mein Rückblick auf das ganze Zeug, das ich gesehen habe. Auf jene Werke, die mir in Erinnerung geblieben sind – die einen positiv, die anderen weniger positiv. Bei den Filmen, über die ich schon mal schrob, gibts jeweils einen Link. Hier nun aber: Der cineastische Ausschuss von 2018.

10. Fantastic Beasts: The Crimes of Grindelwald
Von David Yates, GB/USA 2018; 134 min.
Mit den Harry-Potter-Filmen hab ich noch nie viel anfangen können, und den ersten Fantastic-Beasts-Film fand ich bestenfalls knapp tolerabel. The Crimes of Grindelwald ist immerhin nicht ganz so mühsam im Humor und etwas weniger verlogen, aber die Story ist ein sinnloses Durcheinander, bei dem schon die meisten Fans den Faden verlieren, geschweige denn ich. Darüber hinaus find ich J. K. Rowlings Rumreiten auf der Nazi-Metapher (Pure-blood und so) nicht nur ermüdend (das hatten wir alles schon mit Voldemort), sondern allmählich absolut fehlplatziert (das ist Fantasy, keine Holocaust-Doku).

9. Sicario: Day of the Soldado
Von Stefano Sollima, USA 2018; 122 min.
Im Grunde schafft es Sefano Sollima (Suburra) ganz gut, die Atmosphäre totaler Hoffnungslosigkeit einzufangen, die Denis Villeneuves ersten Teil so spannend machte. Aber schon dieser Film bediente ein reaktionäres Weltbild (Mexiko = Höllenloch), bei Day of the Soldado ists noch schlimmer. Und vor allem leistet sich diese Fortsetzung einen Fall erzählerischer Feigheit, wie zumindest mir noch kein schlimmerer untergekommen ist.

8. I Feel Good
Von Benoît Delépine und Gustave Kervern, Frankreich 2018; 103 min.
Ein Typ (Jean Dujardin) macht eine Lebenskrise durch und sucht deswegen bei seiner Schwester (Yolande Moreau) Unterschlupf. Mit einer bescheuerten Geschäftsidee bringt er deren Leben durcheinander. I Feel Good war der letzte Film, den Carlo Chatrian als Leiter des Filmfestivals Locarno für die Piazza Grande auswählte. Was für ein Abschied! Ich hasse Komödien, die ihren Möchtegern-Humor daraus ziehen, dass eine Nervensäge normalen Leuten auf den Sack geht, und I Feel Good ist ein besonders penetrantes Beispiel dafür.

7. Die beste aller Welten
Von Adrian Goiginger, Österreich 2017; 100 min.
Adrian Goiginger hat hier seine Kindheit verarbeitet – er wuchs bei einer drogensüchtigen Mutter auf. Dafür hat er sich nach eigenen Aussagen von Beasts of the Southern Wild inspirieren lassen, was auch unübersehbar ist. Aber wo Benh Zeitlins Science-Fiction-Märchen ein kreatives Meisterwerk ist, ist Die beste aller Welten ein 08/15-Problemfilm, der sämtliche Klischees der Gattung durchdekliniert, von der Wackelkamera bis zu den Schauspielerleistungen, die in erster Linie aus Geschrei besteht (weil, das ist intensiv). In Österreich wurde der Film gefeiert, wie viele miserable Filme gefeiert werden, bloss weil sie ein sozial relevantes Thema beackern. (Siehe auch Tell it to the Bees.)

6. So was von da
Von Jakob Lass, D 2018; 100 min.
Tino Hanekamps Roman So was von da war das schlechteste Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe: Der sauglatte Ton des Erzählers geht mir unsagbar auf die Nerven, die Story besteht nur aus Klischees, echte Einsichten über die Hamburger Clubszene, in der die Handlung spielt, gibts keine (obwohl der Autor sich mit dieser auskennen soll). Im Vergleich dazu kommt Jakob Lass‘ Verfilmung immerhin besser weg, denn der German-Mumblecore-Vertreter (siehe Love Steaks, Tiger Girl) improvisiert viele Szenen mit den Schauspielern, entfernt sich also oft von der Vorlage. Und er besetzt Bela B. als abgetakelten Rockstar. Aber der Roman scheint halt trotzdem immer wieder durch und zieht den Film gnadenlos nach unten.

5. Red Sparrow
Von Francis Lawrence, USA 2018; 140 min.
Jennifer Lawrence als russische Agentin, die mithilfe von Sexappeal killt? Ich kann nicht verleugnen, dass so etwas mein Interesse weckt. Aber Red Sparrow ist halt trotzdem ein drittklassiger Agentenfilm mit unangenehm antirussischen Untertönen. Und zudem ist das einer jener Filme, die ernst genommen werden wollen, dann aber Russen präsentieren, die allesamt Englisch mit Akzent sprechen. (Siehe auch Child 44.)

4. Wildhexe (Vildheks)
Von Kaspar Munk, Dänemark/Norwegen/Ungarn/Tschechien 2018; 90 min.
Ein Teenager-Mädchen stellt fest, dass es magische Kräfte hat: Dieser dänische Jugendfilm schielt allzu offensichtlich in Richtung der Harry Potter-Serie. Schwerer wiegt aber, dass die Buchvorlage von Lene Kaaberböl so weit zusammengekürzt wurde, dass die Handlung und die Motivationen der Figuren schlicht nicht mehr nachvollziehbar sind. Was mich aber am meisten genervt hat: Die Aufgabe der Wildhexen besteht darin, die Natur zu schützen, entsprechend viel ist von Tieren, Pflanzen, etc. die Rede. Und da kommt doch tatsächlich der alte Blödsinn, dass Vögel angeblich ihre Jungen verstossen, wenn sie nach Mensch riechen.

3. Grain (Bugday)
Von Semih Kaplanoglu, Türkei 2017; 123 min.
Wunderschöne schwarzweisse Bilder bietet dieser türkische Science-Fiction-Film über eine Zukunft, in der alle Kornfelder absterben. Aber das mythische Geraune, womit diese Bilder unterlegt sind, wird schnell unerträglich. Dass sich Regisseur Kaplanoglu damit zu Erdogans Liebling gemausert hat, macht Grain auch nicht grad sympathischer.

2. Strangers
Von Lorenz Suter, Schweiz 2018; 83 min.
Eine Film-Noir-Hommage aus Zürich? Tönt interessant, aber das Filmteam drehte ohne Drehbuch, und das merkt man dieser sinn- und saftlosen Angelegenheit an. Immerhin gibts ein paar bemerkenswert schlechte Dialogzeilen. („Or I can also give you a blowjob if you like?“)

1. The Extraordinary Journey of the Fakir
Von Ken Scott, Frankreich/USA/Belgien/Singapur/Indien 2018; 92 min.
Nach dem Roman von Romain Puértolas: Ein Inder (Dhanush) reist nach Frankreich, landet versehentlich in einem Ikea-Schrank, wird für einen Flüchtling gehalten und beginnt eine Odysee durch Europa. Witzig, geistreich und berührend ist das gemeint, ist aber so seicht wie ein Kalenderspruch auf Facebook. Ein Feelgood-Movie der besonders biederen Sorte. Eine spielfilmlange Ikea-Werbung, die sich ausgerechnet die Flüchtlingskrise zum Thema macht, damit aber konsequent auf die Fresse fliegt. Und das süffisante Schmunzeln der Hauptfigur ist so richtig, richtig hassenswert.

 
Hier gehts zum feinen Textil des Kinojahres 2018.

10 Gedanken zu “Kinorückschau 2018: Das Gelumpe

  1. „Schrob.“

    Wenn Du noch einmal über Filme schrobst wirst Du getötet gehabt würden.
    (Die Tagesanzeigerisierung von Gregors Schreibe nimmt erschreckende Ausmasse an.)

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      • Pff, Du bist derjenige, der behauptet, seiner Leserschaft alle Witze erklären zu müssen. Und eine Anspielung ist nur eine Anspielung, wenn sie kontextuell als solche erkennbar ist. Bei mir wird das sonst als elitärer Intellektuellismus abgetan – und es gibt auch einen Intellektualismus der Popkultur!

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  2. Übrigens zu: Fantastic Beasts: The Crimes of Grindelwald

    Wie Marc-Uwe treffend bemerkt hat, werden in Fantasy-Welten Kriege entlang ethnischer Kategorien geführt. (Orks per se böse, weil sind hässlich und kommen aus dem Osten.) Nicht zuletzt World of Warcraft ist dafür ein gutes Beispiel, wobei mensch bemerken darf, dass die Schaffer_innen dieses Universums es auf die Reihe gekriegt haben, diesem wenigstens ein paar Figuren mit antirassistischem Gedankengut zu gönnen. (Womit WoW jetzt nicht zu einer AntiRa-Bugfigur stilisiert werden soll, das es nicht ist – aber es jibt sone und solche und dann jibts noch janz andere, aber det sind die schlimmsten!)

    Wenn Du die Verhandlung ethnischer / „rassischer“ Konflikte in Fantasy deplatziert findest, dann bist Du der Nazi! Fantasy ist multikulturell! Das findest Du doch nur deplatziert, weil Du die Orks und Trolle webgomben willst, weil deren Elendsquartiere Dir die Sicht vermiesen!

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    • Ich muss mich da Gregor anschliessen. Dieser Handgriff, die Antagonisten zusätzlich abstossender machen zu wollen durch den Rückgriff auf Variationen von Euthanasie-Phantasien, die den Figuren unterjubelt werden, zeigt weniger die Sensibilität für Rassistische Strukturen als die Ideenlosigkeit der verantwortlichen Schreiberlinge. „Wie können wir unseren Antagonisten verachtenswerter machen?“ -. „Hm, wie wäre es, wenn wir ihn zu einem Nazi machen?“
      Kulturhistorisch betrachtet erstaunt es aber auch nicht, dass dieses Phänomen in den Blockbustern der letzten Jahre wieder gehäuft auftritt. Die Abgrenzung „Dort böse Nazis“ – „Hier liebe Amis“ beschwört den einfachen Dualismus und jene Zeit, als die USA Synonym für Stabilität, Wirtschaftsaufschwung, Demokratie und Chancengleichheit war. Die Häufung im Film bedient den Wunsch, in jene Zeit (und der eigenen) zu entfliehen. Hinter der Häufung solcher „wie die Nazis“-Antagonisten steckt nicht das Bedürfnis nach einem starken Antifaschismus, sondern die Nostalgie nach früheren Zeiten.

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      • Ich seh darin auch den Mechanismus: „Wenn die anderen das absolute Böse sind, sind unsere Fehler nicht so schlimm.“
        Aufs Harry-Potter-Universum bezogen: „Wenn Grindelwald, Voldemort und Co. so böse sind, ist es ja nicht so schlimm, wenn wir Hauselfen versklaven.“

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  3. Wir reden wohl an einander vorbei, sei es weil meine Ironie nicht durchkommt (https://www.youtube.com/watch?v=XdRb0H6hEJ4) oder weil Ihr noch nie von der *ethischen* Schlacht von Gut gegen Böse gehört habt.

    Mir scheint, im Grunde sind wir uns einig: Ihr stört Euch einfach an der schlechten Umsetzung. Einverstanden. Ich bemerkte, dass diese Art von Konflikten ein Wesensmerkmal von Fantasy ist. Wenn’s Euch nicht passt, müsstet ihr konsequent sein, die Kritik durchziehen und alles durchs Band bis Tolkien kritisieren, weil dessen Gut-vs-Böse-Schema ist ja bitte sehr grad so platt. (Und wenn Ihr dann schon dabei wärt, bitte auch die Star Wars-Kritik nicht vergessen.)

    Der Grund, dass ich mich an dieser Art von Konflikten nicht grundsätzlich störe, muss wohl darin liegen, dass ich mir Fantasy mit Anspruch gewohnt bin (The Witcher), in der Schwarz-Weiss-Schemata ihre Gültigkeit verlieren und es keine absolute Moral gibt. Ja, ich stehe dazu, dass ich zu meiner Fantasy-Lektüre Cognac, mindestens aber Portwein trinke!

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    • Eine so simpel gestrickte Dramaturgie von Gut vs Böse ist ja nicht abzulehnen. Insbesondere bei Krankheit, einem Kater oder wenn man ein Kind ist, gibt man sich dem liebend gerne hin. Es ist toll, leicht bekömmlich, schnell konsumiert und rasch vergessen. Dafür braucht man sich auch nicht zu schämen, und schon gar nicht muss man solche Dinge überhöhen, um den eigenen Konsum posteriorem zu rechtfertigen. Diese Dinge SIND platt, sie SIND eine vereinfachte Darstellung mit nichts anderem als dem Ziel, zu unterhalten. Der Standard, mit welchem man an sie heran treten kann und darf ist jener, den sie sich selbst setzen: Sind sie unterhaltsam, genügen sie ihren eigenen Anspruch? – Wenn sie aber bloss die eigene Formel zu Tode reiten, so dass selbst das kindliche Gemüt, das nach der Unterhaltung giert, zu mäkeln beginnen wird, dann erkläre man das nicht zum genrebedingten Leckerbissen, das nur der Fan zu wertschätzen weiss.
      Im Übrigen 1: Gerade der Erfolg des Fantasy-Genres in den letzten Jahrzehnten sollte die Frage aufwerfen, warum eigentlich? – anstatt sich im üblichen popdiskursiven Disktintionsgewäsch zu üben.
      Im Übrigen 2: War nicht Skyrim die bessere Version der „Open-World“-Fantasy? (man verzeihe, ich bin kein Laie, mir ist das unbekannt, ich bin Dilettant)

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