alles wäre gut

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Zuerst muss ich gestehen, dass ich kein objektiver Kritiker von Hansi Hinterseer dem österreichischen Star-Schlager-Sänger bin. Ich habe Vorurteile. Ich wurde nämlich einmal in Reith bei Kitzbühel auf dem Weg zum Mittagessen auf einem Fussgängerstreifen fast von einem Audi-TT-Cabriolet überfahren. Nach dem ersten Schreck erkannte ich den Fahrer, welcher partout nicht hatte anhalten wollen, an seiner Haarpracht: Hansi Hinterseer. Da hab ich eventuell einen Groll, und das gebe ich offen zu. Dabei hat mir eine Freundin aus Kitzbühel auch erzählt, sie hätte mal im Lendenbergtunnel ein auf ihrer Spur schlecht geparktes Baustellenauto überholen müssen, und da sei ein Porsche zurückgefahren, obwohl er nicht hätte müssen, und da habe sie gestaunt, weil so was passiert selten, dass ein Porschefahrer mit KB-Nummernschild Rücksicht nimmt, und der Fahrer diese Wagen war dann ebenfalls der Hansi Hinterseer.

Doch wer ist dieser Hansi Hinterseer überhaupt? Ein ehemaliger Skirennläufer, vom Vater so gedrillt, dass er sich mit ihm für immer verkracht hat, mit 24 Jahren in Europa tritt er zurück, vielleicht weil es für die Weltspitze ganz knapp nicht reicht, und geht in die USA, um dort allerdings erfolgreich Skirennen zu fahren. Danach Sportmoderator, und erst im Alter von knapp 40 Jahren der Durchbruch als Schlagersänger. Parallel zur Schlagerkarriere arbeitet Hinterseer früh mit dem Fernsehen zusammen und macht Sendungen über sich und seine Heimat, verbunden mit Musik. Ich nehme an, dass Hinterseer durch seine Zeit in Amerika einen beachtlichen Vorsprung dahingehend hatte, was Unterhaltung alles sein könnte. Hinterseer lebt vom Brand Kitzbühel und dieser von ihm. Einer seiner besten Freunde ist der ehemalige österreichische Finanzminister und Fpblöd-Politiker Karl-Heinz Grasser, der zur Zeit wegen Korruption vor Gericht steht. Erkundigt man sich in Tirol nach Hansi, so werden besonders seine Massenwanderungen hervorgehoben. Dabei kamen bis zu 10’000 Fans zum Wandern mit Hansi nach Tirol. Diese Fähigkeit zur Mobilisation wird bewundert. Die Wanderungen gibt es aber heuer nicht mehr, weil, so heisst es, Veranstalter und Management sich über Geldfragen nicht einig geworden sind, oder anders gesagt, Kitzbühel wurden Hansis Gagenforderungen zu hoch.

Ich besuche sein Weihnachtskonzert im Congress Haus Innsbruck. Das Publikum ist tendenziell älter als 50, aber es hat auch ein paar junge Leutl. Zwei Bier und eine Butterbrezen kosten 8 Euro 30. Zehnmal mehr hat unser Ticket gekostet. Aber wir sitzen immerhin auch in der dritten Reihe! Vor uns eine Bühne voller Plastikschneepodeste, auf denen ein Schlagzeug, mehrere Mikrofone, Keyboards und Handorgeln stehen. Am rechten Bühnenrand befindet sich eine Holzhüttenwand als Kulisse mit Kachelofen, Ofenbank und Harfe auf der linken Seite. In der Mitte der Hütte hat es eine Tür mit einem Kreuz darüber, rechts ein Fenster, das mit einem gestickten Vorhang zugedeckt ist. Mit der Hütte, welche gleichzeitig eine Stube, also einen Innenansicht, sowie ein Heustadl am Berg oben, also einen Aussenansicht darstellt, werden die Musiker während dem Konzert mehrmals interagieren. Sie spielen dabei zum Teil vot der Hütte und dann wieder in der Hütte. Das zum Teil so gar gleichzeitig. Dieser metaphysische Vorgang ist leider etwas schwierig zu beschreiben und fast so magisch wie die Schneebaumfototapete, mit welcher die Bühne umrahmt wird. Sie zeigt einen schwer zugeschneiten Wintertannenwald vor schwarzem Sternenhimmel. Der nächtliche Sternenhimmel ohne Mond verhindert nicht, dass die weissen Tannen taghell beleuchtet sind. Der Wald wird von einem mächtigen Tor in der Mitte unterbrochen, welches von einem dunkelblauen Vorhang verhüllt ist, auf dem ca. tausend gelbe Lichter brennen. Ich werde mit dem Zählen bis zum Anfang des Konzerts nicht fertig. Dann wird der Vorhang zur Seite gezogen, und hinter dem Vorhang kommt einen Kinoleinwand hervor, die mit einem Beamer bespielt wird.

Es ist ein Sitzplatzkonzert. Beim ersten Lied allerdings springt die ganze erste Reihe, welche nur aus Frauen zwischen 50 und 70 sowie einem männlichen Teenager besteht, auf, als Hansi die Bühne betritt, hinter mir grollt man „Ach, diese blöden Weiber“, und eine Frau in der zweiten Reihe, die eine rote Krücke neben ihrem Stuhl stehen hat, ist sichtlich empört, doch bald setzen sich alle wieder. In der zweiten Reihe ist auch das Paar direkt vor mir aufgesprungen, die beiden halten Schals in den Deutschlandfarben Schwarz-Gelb-Rot hoch, auf denen in altdeutscher Schrift „Freiberg grüsst Hansi“ geschrieben steht.

Während des Konzert kommt sich diese Mitte-40-Paar immer näher. Die beiden schreien „bärig“ auf Sächsisch, wenn Hansi dazu auffordert. Als es in einem Song um ein Sorgenkind geht, dessen Hand Hansi festhält, streicht die Frau dem Mann leicht über den Kopf, er lehnt sich zu ihr, und dann drücken sie einander ganz fest die Hände. Hinterseer erzählt von seiner Kindheit und wie da die Bauern in einem Fackelzug zur Kirchen gingen an Weihnachten, „heit foahns mit dem Auto“, und wie das einfach „schen“ war damals, einfach nur „schen“, so ein Fackelzug, dann ist Weihnachten, und der Mann mit Schal nickt eifrig und ist ergriffen vom folgenden Lied, wo im Hintergrund Bilder von Fackelzügen durch das verschneite nächtliche Kitzbühel zu sehen sind.

Kitzbühel gehört zum Tiroler Unterland. Die Fackelzüge in Kitzbühel zu Weihnachten sind daher keine Tradition, so was gab es von altersher nur im Oberland, und wenn es sie gibt, dann sind sie eher eine neues Phänomen für die Touristen. Die Nazis zogen in den 30ern und 40ern fackelzugmässig gerne, dann aber zu jeder Jahreszeit und nicht speziell zur Weihnacht, durch Kitzbühel, sonst ist historisch wenig verbrieft. Was es gibt im Unterland, ist das Räuchern der Bauernhäuser um Weihnachten mit Weihrauch und ähnlichem. Da geht man mit Fackeln oder Laternen ums Haus, heute eher mit Taschenlampen. Da scheint der Hansi, Jahrgang 1954, etwas zu verwechseln. Fackeln scheinen es Hinterseer eh angetan zu haben, in einer anderen Videosequenz fährt er mit den Ski im Dunkeln mit zwei Fackeln in der Hand einen Berg hinunter. Macht Drehungen und Sprünge, und das sieht natürlich schon super aus.

Die Filme, welche auf der Leinwand laufen, passen mal mehr mal weniger zu den Hits von Hinterseer. Diese klingen für meine Ohren alle gleich. Die Tontechniker haben heute wohl eher einen schlechten Tag eingezogen, denn vorne in der Halle dröhnt die Musik fast überschlagend, während sie gegen hinten unangenehm nachhallt wie kalter Kaffee. Angenehmer sind da die traditionellen Volksmusikstücke, welche seine Band ohne Hinterseer und auf echten Instrumenten spielt. Zu diesen können sich meine Ohren fairerweise immer mal wieder erholen. Trotzdem werde ich nach dem Konzert Kopfweh haben.

Inhaltlich drehen sich die Songs natürlich natürlich Weihnachten, aber auch um Berge, Heimat, Kindheit, Liebe, Gott und Freundschaft. In seinen Zwischenansagen ruft Hinterseer immer wieder zur Besinnlichkeit und zum Entschleunigen sowie dem Rückbesinnen auf das einfache Leben, welches er als Bergbauernsohn noch hat kennenlernen dürfen, auf.

Er begrüsst eine Gruppe aus Dänermark, deren Mitglieder, mit kleinen Fähnchen ausgestattet, das ganze Konzert lang winken, und gibt sich gerührt darüber, dass sogar eine Reisegruppe aus Honolulu für sieben Tage nach Innsbruck angereist ist, nur um ihn mal live zu sehen. Der Hansi hat schon viel Erfolg gehabt, so scheint es, aber das ist auch für ihn was Spezielles. Es ist allgemein schwer zu sagen, ob das über 2 ½ Stunden anhaltende Grinsen von ihm falsch ist, weil, wer kann so etwas schon durchziehen, Showman hin oder her, oder eben ganz besonders authentisch, weil, wer könnte so lange grinsen, wenn er nicht ganz besonders und gerne grinsen würde? Seine Ausstrahlung tendiert überraschenderweise gegen Null. Ich kenne Schauspieler oder Musiker, die können durch ihre Präsenz Hallen füllen. Hinterseer gehört nicht zu dieser Art Mensch.

Nun ist Pause und ich brauche dringend eine Zigarette. Draussen vor dem Kongresshaus die üblichen Rauchergrüppchen. Eine ältere Dame mit Dänemarkfähnchen bittet einen Mann mit Vokuhila um Feuer und fragt in die Runde, wie lange die Pause noch geht. Der Mann gibt ihr Feuer und will wissen, ob sie die Texte vom Hinterseer überhaupt verstehe. Er selbst spricht Hochdeutsch und nicht den Tiroler Dialekt vom Hansi oder Innsbruckerisch. Die Frau antwortet dänisch angehaucht, aber gut verständlich, sie würde die Sprache besser verstehen als sprechen. Das Hinterseer viele Fans in Dänemark hat, ist spätestens seit einem Best-Of-Album klar, welches dort die Spitze der Charts stürmte. Der Vokuhila meint: „Ihr Dänen, ihr habt ja kein deutsches Blut. Nicht wie zum Beispiel die Hölländer, Oranje, kennen Sie?“ Die Frau schaut zu Boden, murmelt leise, als hätte sie nicht verstanden: „Ja, ja …“ Ich gehe wieder rein, das Konzert geht weiter.

Im zweiten Teil baut Hinterseer mehr Show-Elemente ein. Er trägt mal einen dicken Bauch oder fährt mit einem Schlitten über die Bühne. Der Mann, der hier seit zwei Stunden das einfache Leben der Bergbauern als Ideal predigt, wird bei seiner Botschaft von Bühnen-Equipment unterstützt, das nur in mehreren 40-Tönner-LKWs Platz findet. Einige Konzertbesucher bringen ihm Geschenke nach vorne, darunter auch solche im Rollstuhl oder mit anderen Behinderungen. Hinterseer, ganz Vollprofi, widmet sich jedem, der sich zur Bühne traut, für einige Sekunden. Das wirkt echt und sympathisch. Er zwinkert auch immer wieder verschiedenen Leuten im Publikum zu, die winken zurück und es entsteht dieses Gefühl, als würden sich hier alle kennen. Das Schunkeln zu einem seiner Hits verstärkt diesen Eindruck noch. Und ich schunkle halt mir, weil das sonst für die ganze Reihen sehr blockierend wäre.

Die Musik selbst aber kriegt mich nie, nicht einen Moment lang. Obwohl Hinterseer immer wieder betont, wie wichtig es sei, was im Herzen sich abspiele, und ich mich wirklich versuche zu öffnen, bleibt da, in meinem Herzen zumindest, nur Stille, und zwar nicht die schöne Stille einer Lichtung im Winterwald am Kitzbühler Horn, sondern die Stille eines Abstellkellers einer Mietwohnung im Innsbrucker O-Dorf. Mir will es keine Sekunde gelingen, den Hype um und die fast religiöse Verehrung von Hansi Hinterseer nachzuvollziehen. Ich finde keinen Zugang. Die Texte ergeben für mich keinen Sinn. Etwas scheint immer schon da gewesen zu sein, jetzt aber abwesend zu sein, obwohl die Qualität dieses Etwas sein soll, dass es unveränderbar ist und deshalb immer da, darum scheint es vermisst zu werden, weil es eigentlich da sein müsste, obwohl es ja immer da war und noch ist, oder doch nicht, gefühlt wohl doch nicht. Eine gleichzeitiges An- und Abwesenheit. Evtl. ist die Holzhütte mit ihrer gleichzeitig vor und in ihr spielenden Kapelle eine Metapher für das, wer weiss.

Und dazu Filme von Bergen und Hinterseer beim Skifahren. Ab und zu eine Anekdote von ihm, wie er in Los Angeles im Pool sitzend den Winterbeginn als Schneefall verpasst hatte und dies tiefe weltphilosophische Verwirbelungen in ihm zurückgelassen hatte. Hinterseer erzählt einmal auch, wie die Kinder kurz vor dem Nikolaus brav werden. Es ist ja der 2. Dezember. Ha, ha, das sei doch lustig. Mancher im Publikum lacht nach einigem Zögern kurz laut auf. Darauf folgt eine historische Filmaufnahme mit Nikoklaus und Krampussen. In Grossaufnahme ist zu sehen, wie ein Krampus einem Kind den Arsch versohlt. Die dargestellte Welt ist schön, einfach, konservativ und vor allem sterbenslangweilig. Ich dachte, ich verstehe besser, warum dieser Mann seit Jahren so viele Menschen begeistert, wenn ich ihn mal live gesehen habe. Vielleicht ist aber ganz einfach die Langweile der Grund für seinen Erfolg. Für einmal werden die Leute nicht beansprucht. Man muss wirklich rein gar nichts können, kennen oder müssen für diese Musik. Ich nenne diesen Zustand normalerweise Schlaf.

Doch da plötzlich beginnt Hansi zu schweben. Er schwebt über den Zuschauern, aber auch neben den Zuschauern, es ist gar nicht so leicht zu erklären, und fliegt um und über uns und singt wie ein Engel, und der ganze Saal erstrahlt in heiligem Weisslicht. Als Hansi wieder gelandet ist, betont er, den letzten Teil seiner Show dürfe man zwar mit dem Smartphone filmen, aber es sei nicht möglich, die Filme zu veröffentlichen. Und tatsächlich, obwohl Hansi rumgeflogen ist, steht er in meinen Aufnahmen felsenfest auf dem Bretterboden vor dem Tiroler Häusle.

Er lächelt nochmal, spielt noch eine Zugabe, sammelt die Geschenke der Fans ein und verlässt dann die Bühne, als wäre nichts gewesen.

 

 

Nachtrag: Kein Text über österreichischen Schlager kann ohne eine Empfehlung für das Hypephänomen Hyäne Fischer und ihren Jahrhundertsong „Im Rausch der Zeit“ auskommen, voraussichtliche Gewinnerin des nächstes Eurovision Songcontestes: 

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