Hier kommt Christa

Christa Ruland ist der Abschluss Hedwig Dohms Generationen-Trilogie, erschienen 1902. (Hier gehts zur Besprechung des ersten Teils und hier zu jener des zweiten.) Aus dem Buch weht einem die Jahrhundertwende entgegen, die Moderne ist angebrochen. Im Gegensatz zu den Protagonistinnen der ersten beiden Teile ist Christa Ruland keine tragische Einzelne. Im Gegenteil, sie ist Teil einer freundschaftlich verbundenen Frauengruppe, die mehr oder minder non-konformistisch gesinnt ist. Neben Christa, die eigentlich Volksrednerin werden will, sind da die Schriftstellerin Julia und die Malerin Anselma, aber auch eine professionelle Radfahrerin in Pumphosen steht mit ihnen in Verbindung.

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Kinorückschau 2018: Das feine Textil

Hier gibts das Gelumpe des vergangenen Kinojahres.
Nun aber meine Favoriten von 2018 – jene Filme, die mich wieder mit der Welt versöhnt haben. Wo ich schon mal etwas über ein Werk geschrieben habe, gibts jeweils einen Link.

12. The Florida Project
Von Sean Baker, USA 2017; 111 min.
Einen Steinwurf von Disney World entfernt liegen ein paar farbenfrohe, aber heruntergekommene Hotels. Hier leben allerlei gescheiterte Existenzen, und deren Kinder stellen jede Menge Unsinn an. Während der Film von ihrem Alltag erzählt, bleibt er ganz auf der Augenhöhe der Kleinen – ob sie nun Eiscreme schnorren oder ob der Hauswart (Willem Dafoe) einen Pädophilen verscheucht. Und ganz nebenbei nimmt Sean Baker (Tangerine) den American Dream subtil, aber böse auf die Schippe.

11. A Ghost Story
Von David Lowery, USA 2017; 92 min.
Ein Mann (Casey Affleck) stirbt bei einem Unfall. Danach wandelt er als Gespenst durch die Gegend – ganz klassisch unter einem Leintuch mit ausgeschnittenen Augen. Der Geist beobachtet seine trauernde Frau (Rooney Mara) oder triezt die Leute, die nach ihrem Auszug das Haus übernehmen. Das hätte ganz leicht ein elend sentimentaler Streifen werden können, aber Regisseur und Drehbuchautor David Lowery legt das richtige Mass an Zurückhaltung an den Tag. Ausserdem vertreibt der Trick mit dem Leintuch jeden Hauch von Kitsch.

10. Birds of Passage
Von Cristina Gallego und Ciro Guerra, Kolumbien/Dänemark/Mexiko 2018; 125 min.
Kolumbien in den 60ern: Vor Escobar und dem Kokainkrieg war der Marihuana-Boom. Ein Eingeborenenstamm wird darin verwickelt. Das kolumbianische Drama ist ein Gegenentwurf zu amerikanischen Drogenthrillern; hier werden keine Drogenbarone verherrlicht, sondern wird der Untergang einer Gesellschaft analysiert. Dazu gibts einen zutiefst faszinierenden Einblick in die Gedanken- und Lebenswelt des indigenen Volkes der Wayuu.

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Kinorückschau 2018: Das Gelumpe

Ein Jahr ist um, viele Filme sind ins Kino gekommen. Dies ist mein Rückblick auf das ganze Zeug, das ich gesehen habe. Auf jene Werke, die mir in Erinnerung geblieben sind – die einen positiv, die anderen weniger positiv. Bei den Filmen, über die ich schon mal schrob, gibts jeweils einen Link. Hier nun aber: Der cineastische Ausschuss von 2018.

10. Fantastic Beasts: The Crimes of Grindelwald
Von David Yates, GB/USA 2018; 134 min.
Mit den Harry-Potter-Filmen hab ich noch nie viel anfangen können, und den ersten Fantastic-Beasts-Film fand ich bestenfalls knapp tolerabel. The Crimes of Grindelwald ist immerhin nicht ganz so mühsam im Humor und etwas weniger verlogen, aber die Story ist ein sinnloses Durcheinander, bei dem schon die meisten Fans den Faden verlieren, geschweige denn ich. Darüber hinaus find ich J. K. Rowlings Rumreiten auf der Nazi-Metapher (Pure-blood und so) nicht nur ermüdend (das hatten wir alles schon mit Voldemort), sondern allmählich absolut fehlplatziert (das ist Fantasy, keine Holocaust-Doku).

9. Sicario: Day of the Soldado
Von Stefano Sollima, USA 2018; 122 min.
Im Grunde schafft es Sefano Sollima (Suburra) ganz gut, die Atmosphäre totaler Hoffnungslosigkeit einzufangen, die Denis Villeneuves ersten Teil so spannend machte. Aber schon dieser Film bediente ein reaktionäres Weltbild (Mexiko = Höllenloch), bei Day of the Soldado ists noch schlimmer. Und vor allem leistet sich diese Fortsetzung einen Fall erzählerischer Feigheit, wie zumindest mir noch kein schlimmerer untergekommen ist.

8. I Feel Good
Von Benoît Delépine und Gustave Kervern, Frankreich 2018; 103 min.
Ein Typ (Jean Dujardin) macht eine Lebenskrise durch und sucht deswegen bei seiner Schwester (Yolande Moreau) Unterschlupf. Mit einer bescheuerten Geschäftsidee bringt er deren Leben durcheinander. I Feel Good war der letzte Film, den Carlo Chatrian als Leiter des Filmfestivals Locarno für die Piazza Grande auswählte. Was für ein Abschied! Ich hasse Komödien, die ihren Möchtegern-Humor daraus ziehen, dass eine Nervensäge normalen Leuten auf den Sack geht, und I Feel Good ist ein besonders penetrantes Beispiel dafür.

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alles wäre gut

hansi_05

Zuerst muss ich gestehen, dass ich kein objektiver Kritiker von Hansi Hinterseer dem österreichischen Star-Schlager-Sänger bin. Ich habe Vorurteile. Ich wurde nämlich einmal in Reith bei Kitzbühel auf dem Weg zum Mittagessen auf einem Fussgängerstreifen fast von einem Audi-TT-Cabriolet überfahren. Nach dem ersten Schreck erkannte ich den Fahrer, welcher partout nicht hatte anhalten wollen, an seiner Haarpracht: Hansi Hinterseer. Da hab ich eventuell einen Groll, und das gebe ich offen zu. Dabei hat mir eine Freundin aus Kitzbühel auch erzählt, sie hätte mal im Lendenbergtunnel ein auf ihrer Spur schlecht geparktes Baustellenauto überholen müssen, und da sei ein Porsche zurückgefahren, obwohl er nicht hätte müssen, und da habe sie gestaunt, weil so was passiert selten, dass ein Porschefahrer mit KB-Nummernschild Rücksicht nimmt, und der Fahrer diese Wagen war dann ebenfalls der Hansi Hinterseer.

Doch wer ist dieser Hansi Hinterseer überhaupt? Ein ehemaliger Skirennläufer, vom Vater so gedrillt, dass er sich mit ihm für immer verkracht hat, mit 24 Jahren in Europa tritt er zurück, vielleicht weil es für die Weltspitze ganz knapp nicht reicht, und geht in die USA, um dort allerdings erfolgreich Skirennen zu fahren. Danach Sportmoderator, und erst im Alter von knapp 40 Jahren der Durchbruch als Schlagersänger. Parallel zur Schlagerkarriere arbeitet Hinterseer früh mit dem Fernsehen zusammen und macht Sendungen über sich und seine Heimat, verbunden mit Musik. Ich nehme an, dass Hinterseer durch seine Zeit in Amerika einen beachtlichen Vorsprung dahingehend hatte, was Unterhaltung alles sein könnte. Hinterseer lebt vom Brand Kitzbühel und dieser von ihm. Einer seiner besten Freunde ist der ehemalige österreichische Finanzminister und Fpblöd-Politiker Karl-Heinz Grasser, der zur Zeit wegen Korruption vor Gericht steht. Erkundigt man sich in Tirol nach Hansi, so werden besonders seine Massenwanderungen hervorgehoben. Dabei kamen bis zu 10’000 Fans zum Wandern mit Hansi nach Tirol. Diese Fähigkeit zur Mobilisation wird bewundert. Die Wanderungen gibt es aber heuer nicht mehr, weil, so heisst es, Veranstalter und Management sich über Geldfragen nicht einig geworden sind, oder anders gesagt, Kitzbühel wurden Hansis Gagenforderungen zu hoch.

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