Lost in Hongkong: Schweizer Comedy vs. China

Die Allerliebste und ich sind noch keine Woche aus Hongkong zurück (Reisebericht folgt), da sehe ich, dass Kiko ein neues Programm hat. Das Thema? Hongkong. Musste ich mir ansehen.

Kiko, Thurgauer Rapper und Comedian mit dominikanischen Wurzeln, entdeckte ich bei einem Ensemble-Abend im Comedyhaus, wo er eben mal alle Kollegen an die Wand spielte. Dasselbe an der Aufzeichnung dieser Folge der Comedy-Show Stand up! Beeindruckend. An den diesjährigen Swiss Comedy Awards wurde er als bestes Jungtalent ausgezeichnet.

Nun ist Lost in Hongkong kein Soloabend, sondern ein Duett. Kiko tritt zusammen mit einem gewissen Gabirano auf, einem Influencer und YouTube-Star, 13 Jahre jünger als Kiko. Dementsprechend ist die Altersdurchmischung im Bernhard-Theater hoch. Neben mir sitzen ein paar Teenager aus dem Aargau, denen es gerade anders herum geht als mir: Von Kiko haben sie nur am Rande gehört, von Gabirano sind sie aber grosse Fans. Typisch generational gap.
Immerhin ist mir Gabirano überhaupt ein Begriff, wenn auch nur durch Zufall: Er hat mit dem Schweizerischen Roten Kreuz eine Kampagne in den Rekrutierungszentren der Schweiz gemacht, die die Stellungspflichtigen auf Blutstammzellenspende hinweisen sollte.* Bei meinem letzten WK als Betriebssoldat in einem dieser Zentren hatte ich also jeden Tag einen Pappaufsteller von Gabirano vor Augen. Ich gebe ihm trotzdem eine Chance.

* Blutstammzellenspende ist übrigens eine gute Sache, ich hab mich auch angemeldet, hier kann man sich darüber informieren.

Es fängt an, Kiko tritt zunächst allein auf. Er erklärt, Gabirano sei verschwunden, so beginnt er halt allein. Die beiden hätten sich vor ein paar Monaten bei einem anderen Projekt kennengelernt, gut verstanden und dazu entschieden, ein gemeinsames Programm zu machen. Und da man irgendein Thema haben müsse, seien die beiden darauf gekommen, gemeinsam nach Hongkong zu reisen, eine Stadt, in der Kiko „schon zwanzigmal war“. Irgendwann kommt Gabirano doch noch hinzu; wie sich herausstellt, ist er zu spät dran, weil er das ganze Catering allein verputzt hat.

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Inferno

„Ziellos schlenderte Ursula durch die Strassen. Ihr Ziel war die Strasse selbst. Irgendeine.“ Ursula, die Protagonistin Mela Hartwigs Roman Inferno, macht sich die Nichtorte zu Orten, wie eine Situationistin schweift sie umher, als Künstlerin hat sie ein besonderes Auge für das Ephemere, eine Faszination für das Vorbeihuschende des Alltags.

Fröhlich will sie von ihrer wahrscheinlichen Zulassung zum Kunststudium der Familie berichten. Doch ihre Ausgelassenheit wird sofort zerstört. Wütend fährt ihr Bruder sie an; er trägt ein „dunkles Hemd“.
Noch bis zum Abschluss des Abiturs war ihr Charakter innerlich-träumerisch veranlagt. Nun sieht sie sich mit einer grausamen Realität konfrontiert: Die Nationalsozialist_innen ziehen in Österreich ein. Als Malerin versteht es Ursula, die Mienen und Gesichtszüge ihrer Mitmenschen zu deuten: die hasserfüllte Brutalität ihres Bruders, die sich in seinem Gesicht manifestiert, die langsam heraufgezogene und sich leise einrichtende Resignation ihres Vaters, der entgegengesetzter Überzeugung zum Trotz keine Möglichkeit sieht: Gesinnung könne mensch sich heute nicht mehr leisten.
Ursulas Bruder zwingt sie, ihn an die seiner Ansicht nach „historisch bedeutenden Einzugs-Ansprache“ zu begleiten.
Voller Sorge blickt sie auf die nahe Zukunft und fragt sich, ob ein Ja aus Zwang zu weiteren und damit zur Anpassung führen würde. Ihres Charakters zum Trotz ist Ursula in der Lage, die Gefahren des Kompromisses zumindest halb zu erkennen. Dennoch glaubt sie, zwischen zwei Übeln das geringere wählen zu können und beschliesst deshalb, den ihr angebotenen Freiplatz für das Kunststudium anzunehmen. Nach der „Einzugs-Ansprache“, die zahllose, auch viele Nicht-Nationalsozialist_innen euphorisierte, dämmert ihr die Erkenntnis über den hereingebrochenen Schrecken: Hatte ihr Bruder dem Vater zuvor schon Gewalt angedroht, wird er jetzt handgreiflich; aus dem Kurs im Zeichnensaal, den Ursula besucht, werden Studierende herausgerufen, die Zurückbleibenden sind vor Angst paralysiert. Beim zweiten Aufruf bringt sich ein Student vor aller Augen um.
Ursula hat das Glück, an einen Studenten zu geraten, der über die Ereignisse so schockiert ist wie sie. Sie stützen sich, spenden sich Trost und besprechen die Geschehnisse. (Und wie soll es auch sein: Sie kommen sich auch näher.) Wichtig sei, sagt er, gerade nicht Angst zu haben, denn damit kriegen sie die Leute in den Griff. Die Situation versetzt sie in einen psychischen Ausnahmezustand.

Antifaschistische Literatur bzw. Bücher über die Zeit des Nationalsozialismus inner- und ausserhalb des „Dritten Reiches“ gibt es nicht wenige. Doch im Gegensatz zu Irmgard Keun in Nach Mitternacht, die sich auf den stumpfsinnigen, aus Profitgier motivierten Konformismus des Kleinbürgertums konzentriert, beschreibt Hartwig in Inferno die an Leib und Leben erlebte Gefahr und den Terror, dem die Gedanken und Taten Nichtkonformen ausgesetzt sind.

Um Rat für ihre Situation zu erhalten, wendet sich Ursula an ihre einzige Freundin, obwohl sie sich seit deren Heirat voneinander entfremdet haben. Als Ursula mit dieser zusammentrifft, gesteht letztere, dass sie mit einem Juden verheiratet sei. Ursula ist schockiert. Sowohl die Freundin als auch ihr geliebter Kommilitone halten ihr entgegen, ob sie denn überhaupt Jüd_innen kenne, ob sie einen Grund wisse, weshalb sie diese Minderheit verachtet. Auf einmal sieht sie sich damit konfrontiert, sich mit ihrem unbewussten Antisemitismus auseinandersetzen zu müssen, mit dem sie sozialisiert worden ist.
Nichtsdestotrotz verhilft sie mit ihrem Geliebten der Freundin zur Flucht. Hartwig gelingt es, die beklemmende Atmosphäre und die drohenden Gefahren zivilen Widerstandes darzustellen. Indem sie Ursula als Figur mit antisemitischem Gedankengut portraitiert, gestaltet sie sie als komplexe und ambivalente Figur, sie ist als Protagonistin nicht a priori Sympathieträgerin. Es gibt kein plattes Schwarz-Weiss: hier die guten Widerständigen, dort die bösen Nationalsozialist_innen. Einerseits ist Ursula vom Auftreten und der Brutalität der Bewegung abgeschreckt, andererseits lehnt sie diese scheinbar jedoch nicht gänzlich ab.

Mensch könnte monieren, dass eine Geschichte über den Nationalsozialismus und dessen Folgen wie bei Anna Seghers entlang einer Liebesgeschichte erzählt wird. Schon wieder. Ja schon wieder. Im Gegensatz zu Seghers Transit ist die Liebesbeziehung zwischen Ursula und ihrem Geliebten immerhin stärker in die Handlung eingewoben. Und bietet nicht gerade diese intime Form zwischenmenschlicher Beziehung die Möglichkeit, Ursulas Gespaltenheit zwischen tiefer Zuneigung und entgegengesetzter Gesinnung in der ganzen Komplexität und Widersprüchlichkeit darzustellen?

Als Ursula jedoch Zeugin wird eines Tempelbrandes und grässlichen Jüd_innenpogroms, erkennt sie, dass das, was geworden ist, nicht sein darf. Einer spontanen Kurzschlussreaktion folgend lässt sie sich auf Wagnisse ein, deren Schwere und ihrer Verantwortung dabei sie sich erst allmählich bewusst wird.

Mela Hartwig und ihr Ehemann sind nach dem „Anschluss“ Österreichs ins Exil nach London geflohen. Davor war sie zunächst als Schauspielerin, dann als Schriftstellerin tätig gewesen. Nach dem Krieg machte sie kurzzeitig als Malerin auf sich aufmerksam. Vojin Sasa Vukadinovic macht in seinem Nachwort darauf aufmerksam, dass in Folge des Nationalsozialismus vertrieben Schriftstellerinnen besonders gründlich vergessen wurden. Deshalb kommt ihm das Verdienst zu, auf die Mimi Grossberg, Grete Hartwig Manschinger, Else Jerusalem, Emma Kann, Marta Karlweis, Ruth Landshoff-Yorck, Maria Lazar, Hertha Pauli oder Adrienne Thomas aufmerksam zu machen und auch das weitere Werk Mela Hartwigs zu würdigen. Ebenfalls gebührt dem Droschl Verlag Dank dafür, Mela Hartwigs Werk wieder zugänglich gemacht zu haben. Für die Publikation seien offensichtliche Orthographie- und Interpunktionsfehler korrigiert worden. Ansonsten folge der Druck dem 1948 fertiggestellten Typoskript. Damit bleiben die Spuren des nicht zu Lebzeiten publizierten Romans lesbar.

Mela Hartwig: Inferno. Graz-Wien 2018.

Die naive Kleinbürgerin

Nach der Chronologie der Publikation handelt es sich bei Hedwig Dohms Schicksale einer Seele um den zweiten Band ihrer Generationen-Trilogie. An diese Folge hält sich die Werkausgabe Edition Dohm. Der Logik der Trilogie zu Folge ist es der erste Band. (Den zuerst publizierten Band Sibilla Dalmar habe ich bereits besprochen.)

Unter editorischen Gesichtspunkten ist beim zweiten Band der Edition Dohm zu vermerken, dass er wiederum ein kluges Vorwort enthält. Die Herausgeberinnen gehen auf die formale Aspekte ein (gewisse Rezepient_innen kreiden dem Roman Dohms einen „schlichten Stil“ an) und kritisieren dabei auch die feministische Literaturwissenschaft, die in ihrer Dohm-Rezeption patriachale Ästhetik-Vorstellungen reproduziert und die stilistischen Finessen übersehen habe. Auch auf die Frage, ob es sich beim vorliegenden Roman um eine fiktionalisierte Autobiographie handelt, gehen sie ein und weisen auch in diesem Zusammenhang auf die Reproduktion ungeprüfter Aussagen und Annahmen hin. Im Gegensatz zum ersten Band der Edition enthält dieser angenehmerweise im Anhang Personen- und Sachanmerkungen, neben der schon aus dem ersten Band bekannten Dokumentation zeitgenössischer Rezensionen.

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Die Nietzscheanerin

Der Roman Sibilla Dalmar aus dem Jahr 1896 ist eigentlich der zweite Teil von Hedwig Dohms (1831–1919) Drei-Generationen-Trilogie. Chronologisch betrachtet ist Sibilla Dalmar jedoch der erste publizierte Roman. (Die Besprechung von Dohms zweiten Roman findet sich hier.) Im Vorwort zum zweiten Roman beschrieb Dohm die mit der Trilogie verbundenen Idee:

In drei Romanen wollte ich drei Frauengenerationen des 19. Jahrhunderts schildern, deren Repräsentantinnen, den Durchschnitt zwar überragend, doch Typen ihrer Zeit sein sollten. […]

Es würden demnach meine drei Frauengenerationen die Lebensbilder von Grossmutter, Tochter und Enkelin entrollen.

Alle drei Romane dienen der Illustrierung des Pindarschen Spruches: ‚Werde, die du bist.‘

Die Herausgeberinnen Nikola Müller und Isabel Rohner orientieren sich für die Edition Dohm, in der sie das Werk der radikalen Feministin wieder zugänglich machen, an der chronologischen Publikationsfolge. So ist 2006 beim trafo Verlag in Berlin Sibilla Dalmar als der erste Band dieser Edition erschienen.

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Drei Wege der Liebe

Unter diesem Titel wurden 1925 im Malik-Verlag zwei Erzählungen und ein Roman Alexandra Kollontais publiziert. Der Titel könnte auch der eines beliebigen Groschenromans mit einer schwülstigen Liebesgeschichte sein. Unter dieser Schale verbirgt sich jedoch eine Perle. Alle Geschichten finden nach der Oktober-Revolution 1917 statt. Diese Revolutions- und Umbruchszeit ist für Kollontai nicht blosses décor; ihre Erzählungen stellen keineswegs eine rote Version von Vom Winde verweht dar. In Kollontais Darstellungen sind die gesellschaftlichen Veränderungen mit den individuellen Haltungen vermittelt. Selbst wer in ihren Texten nichts als Thesengeschichten sehen will, in der sie ihre bolschevistisch-feministischen Positionen darlegt, kann über die literaturgeschichtlichen Brüche, die sich darin ereignen, nicht hinwegsehen. Ob Kollontais literarische Texte Anspruch auf Realismus erheben oder eher positive avantgardistische Frauenfiguren erschaffen wollte, muss dahingestellt bleiben. Es bedürfte einer gründlichen literatursoziologischen Untersuchung, dies festzustellen.

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