ZFF 2018: Liberami

Liberami
Von Federica Di Giacomo; Italien/Frankreich 2016, 90 min.
Sektion: Neue Welt Sicht: Italien

Die italienische Dokumentarfilmerin Federica Di Giacomo hat einen sizilianischen Exorzisten bei der Arbeit begleitet. Über ihn lernen wir eine Handvoll andere Exorzisten sowie viele Besessene kennen.

Liberami* ist ein Einblick in die brefremdliche Welt katholischer Tiefgläubikeit mitten in Europa. Da stockt einem öfters der Atem. Unfassbar, welche Absurditäten und Widersprüche die Priester und Gläubigen in ihrem Alltag leben. Wir sehen zum Beispiel, wie der Exorzist Teufelsaustreibungen übers Handy macht — er ist nämlich so beliebt, dass er es gar nicht mehr persönlich überall hinschafft, wo er gewünscht wird.

* Zu Deutsch: „Befreie mich“. Die Betonung liegt übrigens auf dem „e“ und nicht etwa auf dem „a“ (libErami statt liberAmi).

Beste Szene: Der Exorzist befreit eine Wohnung von Dämonen, indem er herumgeht und alles mit einer geweihten Salzwasserlösung besprengt — Möbel, Wertgegenstände und Bilder. Darunter auch das Gemälde einer Madonna mit Jesuskind („Das sollte in einer Kirche hängen“), das er mit dem Salzwasser benetzt, bis es vor Nässe trieft. Das war ein Moment, in dem ich selbst angefangen habe zu beten: „Lieber Gott, mach bitte, dass das nur ein Druck ist.“

Grund für die Austreibung ist übrigens, dass die (verstorbene) Besitzerin der Wohnung eine Affäre hatte — oder etwas in der Art, ich erinnere mich nicht mehr genau. Die Erben haben dann den Exorzisten geholt. Jedenfalls scheint da eine erzkonservative Lebensauffassung durch, bei der alles wortwörtlich des Teufels ist, was nicht exakt im Sinne der Kirche (oder der Verwandten) ist. Als besessen gilt bereits ein Junge, der die Schule schwänzt. Wer sich nicht konform verhält, befindet sich mit einem Fuss in der Hölle.

Bei den Ritualen wird schnell offensichtlich, dass die ganze Exorzismus-Sache vor allem eine einzige grosse Performance ist. Alles läuft schön nach vorgegebenen Ritualen ab; sowohl die Priester als auch die Besessenen erfüllen die von ihnen erwarteten Rollen (und ja, The Exorcist spukt ganz klar in den Köpfen der Beteiligten herum).
Die meisten Besessenen leiden wohl an echten, mehr oder weniger starken psychischen Problemen, aber fraglos nehmen sie auch einfach die Chance war, endlich mal die Sau rauszulassen, die alltäglichen Frustrationen loszuwerden. Psychische Hygiene im kontrollierten Rahmen. Ohne die Angst, gleich eingesperrt oder sediert zu werden. Dafür achten die Besessenen auch auffällig darauf, selbst bei den wildesten Ausfällen niemanden zu verletzten.

Man kanns auch mit der Fasnacht vergleich, nur dass ein Exorzismus individueller ist. Ein anderer Exorzist sagt mal amüsiert, dass einige der Besessenen anscheinend gar nicht erlöst werden wollen — sie würden die Aufmerksamkeit viel zu sehr geniessen.

Der Exorzismus erscheint also als eine Art Ventil für die persönlichen Leiden, die aus der gesellschaftlichen Schizophrenie erfolgen — Katholizismus als Lösung der Probleme, die er selbst erst verursacht. Aber der Exorzismus vestärkt die Probleme eher, als dass er sie löst.
So sehen wir am Anfang des Filmes ein Teenager-Mädchen, das gerade eine Gothic-Phase durchmacht und deswegen zum Exorzisten gebracht wird. Später sehen wir es als junge Frau, die ihre rebellische Teenager-Phase hinter sich gelassen hat und sich beim Exorzisten für ihre Erlösung bedanken will. Aber kaum, dass sie zurück in dieses Umfeld kommt, fällt sie ihn die alten Rollenmuster zurück.

In Liberami wird es nicht angesprochen, aber es dürfte bekannt sein, dass es schon Exorzismen mit Todesfolge gegeben hat. Bei dem, was der Film zeigt, scheint das nur konsequent.
Umso bestürzender, wenn am Ende erwähnt wird, dass weltweit die Nachfrage nach Exorzisten extrem steigt — die Kirche hat Probleme, genügend Nachwuchs zu finden. So viel zur Aufklärung in der westlichen Welt.

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