Die makabristische Richterin

Ni juge ni soumise ist ein Portrait über die belgische Ermittlungsrichterin Anne Gruwez, das sich als Dokumentarfilm versteht. Die lose Handlung stellt das Aufrollen eines alten Falles dar: Zwei Prostituierte sind ermordet worden, der Fall wurde nie geklärt. Der Film lebt von den trockenen Kommentaren und Bemerkungen der unkonventionellen Richterin. Der rote Faden wird immer wieder unterbrochen durch die Verhandlung aktueller Fälle. Anne Gruwez hat eine sehr direkte, teilweise auch recht politisch unkorrekte Art: Den beiden Prostituierten des alten Falles ist das Gebiss herausgebrochen worden. Kommentar: So ein Mund gebe „samtweiche Blowjobs“. (Ein andermal bekundet sie ihre Bewunderung für Prostituierte, die sich von stinkenden oder zumindest ungewaschenen Männern ficken lassen oder ihnen einen blasen.)

Die Szenen spielen oft in ihrem Bureau. Spannung wird dadurch aufgebaut, dass Anne an ihrem Computer tippt, während die Angeklagten und deren Anwälte zu schweigen haben. Manche halten es aus, andere beginnen verzweifelt auf sie einzureden. Ein Secondobelgier fleht sie einmal an, ihm nicht das Leben zu versauern und nicht ins Gefängnis zu schicken, worauf sie bedauernd entgegnet, er würde ihr alle Voraussetzungen liefern, um sein Leben zu versauern.

Die Gespräche mit Angeklagten oder Zeug_innen schweifen oft zu allen möglichen Themen ab. Mit einer Domina, die des Einbruchs verdächtigt wird, unterhält sich Anne über deren Tätigkeit und BDSM. Das Publikum und Anne erfahren, dass die Domina ihr Können von einer 50-jährigen Belgierin erlernt habe. Sie sei in diese Richtung gegangen, um nicht mehr mit den Freiern schlafen zu müssen. Einige ihrer Klientel wollten bloss in einen Schrank oder in eine Kartonschachtel gesperrt werden und dabei frieren. Andere würden sie dafür bezahlen, dass sie im Zimmermädchenkostüm Abwasch und Haushalt der Domina machen dürfen. Interessiert erfährt Anne, dass es offenbar Männer gäbe, die sich den Penis fesseln lassen und an der Eichel mit einer Nadel verstochen werden wollen, was sie zum Orgasmus bringe.

Ein anderes Mal sitzen ein muslimisches Ehepaar und deren Tochter vor ihr. Der Sohn wurde beim Rasen erwischt. Gesprächsweise stellt sich heraus, dass Mutter und Vater Cousine und Cousin sind. Der Bruder des Vaters habe ebenfalls eine Cousine geheiratet, zusammen haben sie fünf Kinder. Das Gespräch driftet ab in eine Diskussion darüber, dass es aus genetischer Sicht nicht so klug sei, solche Ehen zu schliessen.

Der Film erhebt dokumentarischen Anspruch. Als Dokumentarfilm sollte er aber nicht gesehen werden. Zu sehr konzentriert er sich auf die Person Annes und auf den nächsten sarkastischen Kommentar. Wird er den vorhergehenden noch überbieten? Didier Péron hat in einer Rezension für libération kritisiert, dass der Film den Mordopfern die Würde raube, da sie blossgestellt würden und sich gegen die Bemerkungen nicht wehren können. Schwarzer Humor ist immer auch Übertretung des guten Geschmacks. Ob etwas noch schwarzhumorig ist oder doch nur noch abstossend und sensationslüstern, muss immer wieder neu verhandelt werden. Schwerwiegender ist, dass – gerade angesichts des dokumentarischen Anspruchs – das Rechtssystem und Annes Rolle darin gänzlich unreflektiert bleiben. Gelegentlich zeigt sich unfreiwillig, wieviel Macht eine Ermittlungsrichterin hat; das zu thematisieren hält niemand für nötig.

Der Film plätschert gemütlich vor sich hin. Zu lange geht er nicht. Kurz nachdem er angefangen hat, langweilig zu werden, ist er zu Ende.

Ni juge, ni soumise
Regie: Jean Libon und Yves Hinant
Belgien/Frankreich 2017, 99 min
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