„Transit“-Double-Feature I: Vom Leben im permanenten Provisorium

Hier gehts zur Filmbesprechung von Gregor.

Marseille zur Zeit der deutschen Okkupation durch die Wehrmacht. Ein namenloser Erzähler berichtet einem Unbekannten seine Erlebnisse. Nach zwei erfolgreichen Fluchten, einmal aus einem deutschen Konzentrationslager, einmal aus einem französischen Internierungslager, gelangte er nach Paris. Ein Bekannter, Paulchen, mit dem er im KZ eingesperrt gewesen war, übergibt ihm zwei Briefe für den Schriftsteller Weidel. Dieser hat sich jedoch umgebracht, und von dessen Wirtin erhält der Erzähler dessen Dokumente. Der Erzähler reist nach Marseille, wo es ihm nicht gelingt, Weidels Hinterlassenschaft einer offiziellen Stelle abzugeben; fortan wird er selbst für Weidel gehalten und nimmt dessen Identität an.

So gut es geht, richtet sich der Erzähler in Marseille ein, wo alles nur vorläufig ist und mensch als Ausländer_in nur ein Aufenthaltsrecht erhält, wenn mensch glaubhaft machen kann, dass mensch sobald als möglich weiterflüchtet. Aus Angst vor Fliegern ist die Stadt nachts verdunkelt. Des Öfteren gibt es Ausgangssperren. Alkohol darf nur mit einer Lizenz ausgeschenkt werden. Die Lebensmittel sind rationiert.

Wie unzählige andere ist der Erzähler in Marseille gestrandet. Es wimmelt von „Abfahrtssüchtigen“, die mit dem nächsten Dampfer nach Amerika gelangen wollen. Dazu benötigt mensch jedoch eine Anzahl Papiere. Diese sind, wie alle Dokumente und Bescheinigungen, echt bürokratischer Herkunft mit Gültigkeitsdaten versehen. Es gilt also unter Einhaltung der „Konsulatsfristen“ alle Papiere zusammenzubekommen, um dann einen Platz auf einem Schiff kaufen zu können – gesetzt, mensch hat zu diesem Zeitpunkt Geld noch übrig.

Die Situation des Wartens, das Rennen gegen die französische Bürokratie ist für alle gleich – doch jede Fluchtbiographie ist individuell. Manche haben unverhofftes Glück, einige grosses Pech. Exemplarisch ist das Schicksal jener Passagier_innen, die alle Dokumente in der Tasche hatten und deren Schiff in Havanna anlegte. Bei der Kontrolle stellten sich die Visen als Fälschungen heraus. Das Schiff wurde nach Marseille zurückgeschickt.

Wenn diese Menschen, die vor den Nationalsozialisten flüchten, die Ämter bestürmt haben und für den Rest des Tages nichts mehr zu tun haben, essen sie gemeinsam oder alleine, mit Geld oder Lebensmittelkarten bezahlt, und trinken Rosé, soweit ihre Mittel ihnen es überhaupt erlauben. Doch solche Szenen haben nichts gemein mit der Verklärung einer bohème à la Pucini. Es gibt nur wenige Romane, zu denen Lukács‘ Begriff der „transzendentalen Obdachlosigkeit“ hingehört wie zu diesem Roman Anna Seghers‘. Die Obdachlosigkeit der in Marseille provisorisch lebenden Deutschen ist eine doppelte: Einerseits mussten sie aus Deutschland fliehen, da dort Gefahr bestand für Leib und Leben. Andererseits verfolgt der Nationalsozialismus eine Politik, die allem widerspricht, was die Geflüchteten mit der Kulturnation Deutschland, „dem Land der Dichter und Denker“ verbanden.

Die Szenerie in Marseille ist gespenstisch und surreal. Alle haben sich provisorisch eingerichtet, die Zelte können jederzeit abgebrochen werden, denn jederzeit könnte mensch Nachricht erhalten, dass das für die Reise benötigte Transitvisum ausgestellt wurde.

Umso irritierender nimmt sich in der ruhigen Hektik die Unbekümmertheit des Erzählers aus. Er spielt das Dokumentenspiel mit, weil er nur so an eine Aufenthaltsbewilligung kam. Sich als Weidel ausgebend geht er die Dokumente einsammeln, obwohl er nicht auf eine Überfahrt angewiesen ist. Da er das Angebot hat, auf einer französischen Farm unterzuschlüpfen. Währenddessen geht es für Unzählige um ein Wettrennen gegen den nahenden Tod.

Anna Seghers hat die Fluchtwelle aus Europa nach Übersee via Marseille selbst erlebt. Sie ging nach Mexiko. Wie ihr erging es vielen, die Namen einiger sind bekannt. Siegfried und Lilly Kracauer konnten gerade noch in letzter Sekunde nach Brasilien fliehen. Walter Benjamin, dem Seghers in ihrem Roman ein kleines Denkmal setzt, war in einem französischen Arbeitslager interniert. Als auf der Flucht aus Frankreich der Grenzübergang nach Spanien nicht zu gelingen schien, hat Benjamin Suizid begangen.

Gegenüber dem mexikanischen Konsul erklärt der Erzähler in der Rolle Weidels einmal, er habe aufgehört zu schreiben, da er seine Kolleg_innen im Verdacht habe, Erfahrungen nur zu erleben, um sie anschliessend verwerten zu können. Seghers verhandelt in dieser Szene ihr eigenes Schreiben. Es schien ihr vielleicht notwendig, sich selbst unter diesen Verdacht zu stellen. Doch sie hat einen Roman geschrieben, in dem mittels einer Figur und ihren Erlebnissen das Schicksal Zahlloser festgehalten ist. Mensch kennt die Fluchtbiographien der grossen Persönlichkeiten mit den berühmten Namen. Seghers erinnert an die Masse der Namenlosen. Das Wichtige an diesem Buch ist entsprechend nicht die fade Liebesgeschichte, die als Handlungsmotor herhalten muss, sondern die hervorragend gelungene Darstellung des Wartens in Marseille.

Anna Seghers / Silvia Schlenstedt (Hg.): Transit. Werkausgabe. Abt. 1, Das erzählerische Werk (I) / Bd. 5. Berlin 2001.

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