Der Rausch der Republik

Die Weimarer Republik, das ist der Mythos der „Goldenen 1920er-Jahre“, das ist die Erfindung des modernen Grossstadtlebens. Es ist die Zeit einer durch das Ende des Ersten Weltkrieges verstärkten Emanzipation, denn das Korsett der bürgerlichen Moral ist zusammengebrochen. Doch die Weimarer Republik war auch die Zeit politischer Unruhen, von Hyperinflation und Massenarbeitslosigkeit, von Freikorps und der schwarzen Reichswehr – der Keim des Nationalsozialismus war von Anfang an vorhanden. Es ist eine Umbruchszeit gleichzeitig, in der Frauen zum ersten Mal eine relative Emanzipation erreichen und die in der zeitgenössischen Frauenliteratur reflektiert wird. Die feministischen Emanzipationsbestrebungen waren jedoch teilweise brüchig und beschränkten sich bisweilen darauf, der neuesten Mode zu folgen. Affirmation und Negation traditioneller Geschlechterrollen lassen sich nur schwer auseinanderhalten. Männer halten es für selbstverständlich, die Dienste Prostituierter in Anspruch zu nehmen, gleichzeitig stellen Geschlechtskrankheiten ein echtes Risiko dar, denn die Syphilis wird erst mit der Entdeckung des Penicilins 1928 heilbar. Sexuelle Aufklärung ist praktisch inexistent. Der Paragraph 184,3 des Strafgesetzbuches stellte die Werbung für Verhütungsmittel unter Strafe; der Paragraph 218 verbot Abreibungen.

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„Transit“-Double-Feature II: Echo der Vergangenheit

Hier gehts zur Romanbesprechung von Barry.

Regisseur Christian Petzold reist durch die Zeit zurück: In Barbara (2012) erzählte er von einer Ärztin in der DDR, die in ein kleines Kaff strafversetzt wird. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg spielt Phoenix (2014); dort geht es um eine Holocaustüberlebende, der es nicht gelingt, ihren Mann von ihrer Identität zu überzeugen (sie wurde wegen einer Verletzung im Gesicht operiert). Und jetzt in Transit berichtet Petzold von den Jahren 1940/41, als Nazideutschland Frankreich erobert. Oder befinden wir uns doch in der Gegenwart?

Die Verfilmung übernimmt weitgehend die Handlung des Romans von Anna Seghers (Erstveröffentlichung 1944), rafft sie aber und zieht einige Figuren zusammen. Der namenlose Erzähler des Romans heisst jetzt Georg (Franz Rogowski). Dieser tut einem Bekannten einen Gefallen und überbringt dem Schriftsteller Weidel zwei Briefe — der Empfänger hat allerdings in seinem Hotelzimmer Selbstmord begangen.
Georg übernimmt die Dokumente des Toten sowie ein Romantyposkript und flüchtet mit beidem nach Marseille. Sein Kumpel Heinz (Ronald Kukulies), mit dem zusammen er sich in einen Zugwaggon geschlichen hat, stirbt während der Fahrt. In Marseille teilt George Heinz‘ Frau und seinem kleinen Sohn die traurige Nachricht mit. Er wird ein Freund der Familie, baut vor allem zum Jungen ein inniges Verhältnis auf.*
Die Hinterlassenschaften von Weidel versucht Georg nun auf dem mexikanischen Konsulat abzugeben, damit dessen Frau die Sachen abholen kann. Dabei wird er allerdings selbst für Weidel gehalten. Weil er deswegen Geld und ein Visa kriegt, spielt er mit.
Als Heinz‘ Sohn krank wird, treibt Georg einen Arzt auf, Richard (Godehard Giese) — und findet heraus, dass dessen Freundin Marie (Paula Beer) nicht nur die Frau des toten Schriftstellers ist, sondern auch die schöne Unbekannte, die ihm in Marseille mehrmals aufgefallen ist und in die er sich auf den ersten Blick verliebt hat. So entspinnt sich ein Dreiecksverhältnis, während alle Beteiligten versuchen, mit dem Schiff aus Europa zu flüchten.

* Im Buch heisst der Tote nicht Heinz, sondern Georg, und er stirbt auch nicht. Heinz wiederum ist im Roman eine ganz andere Figur.

Der Twist bei dieser Verfilmung ist, dass Petzold die Handlung des Romans in die Gegenwart versetzt. Wir sind immer noch in Marseille während des drohenden Ansturms der deutschen Armee, aber es ist das moderne Marseille, es ist unsere Zeit. Ein cleveres kleines Spiel, um die damaligen Vorgängen mit denen von heute in Beziehung zu setzen. Um daran zu erinnern, dass es noch nicht so lange her ist, dass die Flüchtlinge keine Syrer oder Afrikaner, sondern Deutsche und andere Europäer waren.
Allerdings hat die Botschaft des „Es könnte dich selbst treffen“ auch seine Grenzen: Die Leute, die heute auf Flüchtlinge schimpfen, sind nicht dieselben, die damals selbst Flüchtlinge gewesen wären — die wären zu der Zeit auf der Seite der Nazis und Mitläufer gestanden.
Dasselbe Problem hat man ja, wenn man die „besorgten Bürger“ in den neuen Bundesländer daran erinnert, dass es einst DDR-Bürger waren, die über die Grenze flüchteten. Denn die „besorgten Bürger“ von heute sind nicht die DDR-Flüchtlinge von einst, sie waren damals Teil des Regimes, vor dem die anderen flüchteten. Ihnen kann also das Schicksal von Flüchtlingen gleichermassen egal sein, ob es Deutsche oder Syrer sind.

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Sie reden nur, wenn man sie reden lassen will

1931 wurde Irmgard Keun mit ihrem Buch Gilgi, eine von uns über Nacht berühmt. Das kunstseidene Mädchen war gleichermassen erfolgreich. 1933/34 erfolgten Verbot und Beschlagnahmung ihrer Bücher durch die Nationalsozialisten. 1936 bis 1940 hielt sich Keun zunächst in Belgien, dann in den Niederlanden auf. Als das Land 1940 durch die Wehrmacht besetzt wurde, kehrte Keun nach Deutschland zu ihren Eltern zurück, wo sie sich bis zum Ende des Krieges illegal aufhielt. Der Roman Nach Mitternacht erschien 1937 im niederländischen Exilverlag Querido.

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Kraftakt gescheitert, Patient tot

Die Hauptfigur heisst Kraft, daher der Titel „Kraft“ und ist Rhetorikprofessor in Tübingen. Die erste Ehe ist gescheitert, die zweite stellt ein permanentes Scheitern dar. Kraft erfährt von einer Preisfrage, die ein äusserst fortschrittsgläubiger Investor in Anlehnung an Leibnizens Frage der Theodizee ausgelobt hat: „Theodicy and Techodicy: Optimism for a young Millenium. Why whatever is, is right and why we still can improve it?“ Eine Million soll der Gewinner erhalten. Kraft erhofft sich, die Preisfrage in einem 18-minütigen Vortrag am besten beantworten zu können, um sich somit den bail out aus seiner zweiten Ehe zu verschaffen und damit deren permanentes Scheitern zu beenden.

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Von Brecht zu Broadway

Kurt Weill, das ist der, den mensch – wenn überhaupt – für die Musik zu Brechts Dreigroschenoper kennt.
Das Konzert Theater Bern hat sein Vaudeville Love Life aus der Zeit von Weills US-Exil ausgegraben und es neu inszeniert. Sein Name steht gross auf der Werbung; den Namen Alan Jay Lerners, der das Buch und die Songs geschrieben hat, muss mensch etwas suchen.

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Die makabristische Richterin

Ni juge ni soumise ist ein Portrait über die belgische Ermittlungsrichterin Anne Gruwez, das sich als Dokumentarfilm versteht. Die lose Handlung stellt das Aufrollen eines alten Falles dar: Zwei Prostituierte sind ermordet worden, der Fall wurde nie geklärt. Der Film lebt von den trockenen Kommentaren und Bemerkungen der unkonventionellen Richterin. Der rote Faden wird immer wieder unterbrochen durch die Verhandlung aktueller Fälle. Anne Gruwez hat eine sehr direkte, teilweise auch recht politisch unkorrekte Art: Den beiden Prostituierten des alten Falles ist das Gebiss herausgebrochen worden. Kommentar: So ein Mund gebe „samtweiche Blowjobs“. (Ein andermal bekundet sie ihre Bewunderung für Prostituierte, die sich von stinkenden oder zumindest ungewaschenen Männern ficken lassen oder ihnen einen blasen.)

Die Szenen spielen oft in ihrem Bureau. Spannung wird dadurch aufgebaut, dass Anne an ihrem Computer tippt, während die Angeklagten und deren Anwälte zu schweigen haben. Manche halten es aus, andere beginnen verzweifelt auf sie einzureden. Ein Secondobelgier fleht sie einmal an, ihm nicht das Leben zu versauern und nicht ins Gefängnis zu schicken, worauf sie bedauernd entgegnet, er würde ihr alle Voraussetzungen liefern, um sein Leben zu versauern.

Die Gespräche mit Angeklagten oder Zeug_innen schweifen oft zu allen möglichen Themen ab. Mit einer Domina, die des Einbruchs verdächtigt wird, unterhält sich Anne über deren Tätigkeit und BDSM. Das Publikum und Anne erfahren, dass die Domina ihr Können von einer 50-jährigen Belgierin erlernt habe. Sie sei in diese Richtung gegangen, um nicht mehr mit den Freiern schlafen zu müssen. Einige ihrer Klientel wollten bloss in einen Schrank oder in eine Kartonschachtel gesperrt werden und dabei frieren. Andere würden sie dafür bezahlen, dass sie im Zimmermädchenkostüm Abwasch und Haushalt der Domina machen dürfen. Interessiert erfährt Anne, dass es offenbar Männer gäbe, die sich den Penis fesseln lassen und an der Eichel mit einer Nadel verstochen werden wollen, was sie zum Orgasmus bringe.

Ein anderes Mal sitzen ein muslimisches Ehepaar und deren Tochter vor ihr. Der Sohn wurde beim Rasen erwischt. Gesprächsweise stellt sich heraus, dass Mutter und Vater Cousine und Cousin sind. Der Bruder des Vaters habe ebenfalls eine Cousine geheiratet, zusammen haben sie fünf Kinder. Das Gespräch driftet ab in eine Diskussion darüber, dass es aus genetischer Sicht nicht so klug sei, solche Ehen zu schliessen.

Der Film erhebt dokumentarischen Anspruch. Als Dokumentarfilm sollte er aber nicht gesehen werden. Zu sehr konzentriert er sich auf die Person Annes und auf den nächsten sarkastischen Kommentar. Wird er den vorhergehenden noch überbieten? Didier Péron hat in einer Rezension für libération kritisiert, dass der Film den Mordopfern die Würde raube, da sie blossgestellt würden und sich gegen die Bemerkungen nicht wehren können. Schwarzer Humor ist immer auch Übertretung des guten Geschmacks. Ob etwas noch schwarzhumorig ist oder doch nur noch abstossend und sensationslüstern, muss immer wieder neu verhandelt werden. Schwerwiegender ist, dass – gerade angesichts des dokumentarischen Anspruchs – das Rechtssystem und Annes Rolle darin gänzlich unreflektiert bleiben. Gelegentlich zeigt sich unfreiwillig, wieviel Macht eine Ermittlungsrichterin hat; das zu thematisieren hält niemand für nötig.

Der Film plätschert gemütlich vor sich hin. Zu lange geht er nicht. Kurz nachdem er angefangen hat, langweilig zu werden, ist er zu Ende.

Ni juge, ni soumise
Regie: Jean Libon und Yves Hinant
Belgien/Frankreich 2017, 99 min

Über einen Film mit dem Titel ‚Good‘, in dem Viggo Mortensen aber nicht gut handelt

Berlin 1937. John Halder (Viggo Mortensen) ist Professor für Französische Literatur in Berlin. Er muss bei der Zensurbehörde der NSDAP vorstellig werden, aufgrund eines Romans, den er vor Jahren geschrieben hat. In diesem bringt ein Mann seine todkranke Frau um, da er ihre Leiden beenden wollte.

In Rückblenden in das Jahr 1933 wird die Vorgeschichte erzählt. Halder hält eine Vorlesung über Proust. Unter den Fenstern des Saals kommt es zu Unruhen: Bücher werden von Studierenden auf einen Haufen geworfen. Er will beim jüdischen Dezernent Mandelstam protestieren, doch dieser rät ihm zur Anpassung. Nach der Vorlesung kommt die Geschichtsstudentin Anna Hartmann – eine blonde Bestie aus dem Bilderbuch – zu ihm, um sich einzuschleimen. Sie besuche lieber seine Vorlesung als jene der alten Geschichtsprofessoren, bei denen es nur um „abstrakte Ideen“ gehe, während bei ihm „die Gedanken lebendig“ würden. Sie bewundere ausserdem seinen Non-Konformismus.

Die gute Dame lässt nicht locker, obwohl der Herr Professor verheiratet ist. Sie besucht ihn zu Hause – und knutscht ihn einfach mal ab, während seine Frau oben schläft. Es kommt, wie es nicht hätte kommen müssen: Anne wird Halders Muse und Geliebte und er lässt sich für sie sogar von seiner Frau scheiden. Widerwillig lässt er sich von Anne sogar an eine NS-Parade mitschleppen; „What makes people happy can’t be bad.“ Oj wej. Puncto Geschlechter herrscht in diesem Film übrigens klare Arbeitsteilung. Beispiel: Halder sitzt eines Morgens an der Schreibmaschine, während sich Anne im Bett herumwälzt und ihn zurückruft. Die Frau als „Inspiration“ des genialen Mannes. Alles klar.

Ist er nicht bei ihr, trifft er sich mit seinem ehemaligen Psychoanalytiker Maurice. Dieser, ein Jude, sieht die Lage freilich kritischer als Halder, der wie ein dummes Kind orientierungslos umhertappt und offenbar einfach der gleichen Ansicht ist wie die Frau, mit der er gerade zusammen ist. Mann gratuliert Halder zu dessen Fang. Die Sicht seiner Ex-Frau Helen ist nicht handlungsrelevant. Maurice wird mit der Zeit sauer auf Halder, denn dieser ist aus Karriere-Gründen NSDAP-Mitglied geworden und gibt plötzlich antisemitische Vorurteile von sich. Ein halbherziger Versuch Maurice ins Exil zu helfen scheitert.

Zuletzt soll sich Halder am „Umsiedlungsprogramm“, also am Holocaust administrativ beteiligen, da er dank seines Romans als Experte zu Fragen der „Euthanasie“ gilt. Den Vorwand nutzend, das System überprüfen zu wollen, versucht er Maurice ausfindig zu machen. Er findet ihn nicht, doch in einem schlesischen KZ erkennt er das wahre Ausmass der NS-Todesfabrik, und der Film endet mit einer KZ-Kapelle, während SS-Männer die ankommenden Familien auseinanderreissen. Dramatisch.

Der Film ist dermassen schlechtes Mittelmass, dass eine_r davon nicht mal übel werden kann. Das Dritte Reich wird zur Kulisse verharmlost, vor dessen Hintergrund versucht wird, eine lausig schlechte Tragödie zu spielen. Die Figuren sind fad und eindimensional; alles treibt etwas vor sich hin. Den stärksten Charakter hat noch Maurice. Bei den deutsch-deutschen Figuren hat mensch sich nicht viel gedacht. Niemand ist für etwas wirklich verantwortlich, trotzdem will der Film eine Tragödie sein. Doch eine Tragödie kann hier nicht sein, denn Halder ist nicht „schuldlos schuldig“, auch wenn der Film suggeriert, dass es im NS so war, dass man wie ein Fluss hineingeströmt war und plötzlich sei man Teil des Apparats gewesen.

Good von Vicente Amorim. United Kingdom, 2008, 96 Minuten.