The Death of Cinema?

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Man kann viel sagen gegen den Klimawandel; Eisbären sterben aus und Wespen sowie das menschliche Leben ab der Subsahara, Erde bald hin damit, aber die letzten Sommer vor dem Weltuntergang werden wir wenigstens oft im Open-Air-Kino verbracht haben, wie im Hitzesommer 2018. Immerhin ein sehr praktischer Weltuntergang. Die Welt erfriert fände ich persönlich schlimmer, nur wegen der Eisbären besser.

Jetzt ist es ebenfalls praktisch, wenn derselbe Stoff erst als Comic, dann als Film verhandelt wird, weil dann kann man vergleichen, was kann mehr leisten? Das Lesen des Comic in der Hängematten im Schatten einer austrocknenden Linde oder das Sehen des Filmes im Open-Air-Kino im Hof des ehemaligen Munitionslagers der Habsburger in Innsbruck mit dem netten Namen Zeughaus?

Auch netter Name, Treibhaus. Das ist eine Innsbrucker Kulturinstitution, die sich durch vieles, aber insbesondere durch einen durchgestylten Konzeptauftritt und Weltmusik auszeichnet. In deren Garten steht ein altes Treibhaus, in dem man bis vor kurzem rauchen durfte, daher der Name. Das Treibhaus organisiert zusammen mit dem ehrenwerten Leokino die Freiluftkino-Abende im Zeughaus. (Ich hab nichts gegen Englisch im Deutschen, finde aber eigentlich Freiluftkino das schönere Wort als Open-Air-Kino.) Bevor der Film losgeht, nicht wie angesagt um 20:45, sondern wirklich wie irgendwo im Programmheft kleingedruckt betont, wenn es dunkel wird, sorgt das Treibhaus mit seiner Werbung für ihre Multikultimusikkonzerte für eine unfreiwillige Einführung zum Thema Stalin oder vielleicht nicht Stalin, aber sicher Kommunismus, also die historische Millisekunde vor Stalin. Zuerst muss man wissen, dass es im Treibhaus Sitzplatzkonzerte gibt. Und das sorgt dann immer für sehr koloniale Stimmung, wenn da die Schwarzen oben auf der Bühne tanzen, während die Weissen unten sitzen. Klassenunterschied als Rassenunterschied. Einige wenige Weisse und Schwarze stehen meist hinter den Stuhlreihen und tanzen auch, aber das fällt durch die Bühnenbeleuchtung meist nicht besonders auf.

Jetzt hat das nichts mehr mit Open-Air Kino zu tun, oder gar mit dem eigentlichen Thema dieser Kritik, aber dahin kommen wir noch. Wie auch immer, die Konzerte, für welche geworben wird, finden nicht im Zeughaus, sondern im Treibhausbau statt, einem dem Shakespearschen Globe Theater nachempfunden Betonturm. Aber ich komme gleich aufs Offenhimmelkino (da find ich jetzt Open-Air-Kino als Begriff auch besser) zurück, keine Sorge derweil. Nun man könnte natürlich mokieren, dass es bescheuert ist, dass Globe Theater in Innsbruck nachzubauen, weil sich Shakespeare eher durch seine Stücke als durch seinen Theaterbau auszeichnet, ja dieses Globe wohl eher ein historische Rekonstruktion ist, also verklärter Kitsch, im Gegensatz zu den Texten, dazu null direkter Innsbruckbezug, weder von Text noch von Gebäude.

Was wir sehen ist eine aufgeblasene Äusserlichkeit, welche über die formale Inhaltslosigkeit hinwegtäuschen muss. Und das zieht sich dann durch bis zum Vorfilm, jetzt zurück im Frischluftkino (das ist fast ein wenig lächerlich als Bezeichnung für Filme draussen), wo nach mehreren Werbungen für Konzerte, an denen junge farbige Menschen aus Afrika, dem Nahen Osten, Südamerika, usw. Musik machen für alte weisse Menschen aus Europa, nun quasi als Vorschauhöhepunkt ein Musikvideo präsentiert wird, wo ein grauhaariger Mann darüber singt, wie toll Innsbruck ist, seine Stadt mit so vielen verschiedenen Menschen, die nur ihre totale Spiessigkeit zu einen scheint, aber anscheinend ist diese bedroht, und deshalb nötig, sich „sein Innsbruck zurückzuholen“, was dann trotz der vermeintlich toleranten Bilder, quasi Globe, eben knallrechte Dialektik ist, quasi Richard der Dritte. Denn wir sind reich und die sind arm, ob sie uns ihre Musik bringen oder nicht, macht da keinen Unterschied, wie wir darauf schauen würden aber schon, tun wir aber nicht, weil wir sind nett, das fällt uns Möchtgerngutmenschen, Möchtgerngrundhabenumvonrechtsbeschumpfenzuwerdenabernichtmaldarfürreichts, uns kleinbürgerlichen Kapitalismuslightphilosophen so leicht wie das Fahren mit E-Bike.

Jetzt keine Ahnung ob das stimmt, was ich hier schreibe. (Auch benutze ich, seit ich die Brennerromane von Wolf Haas gelesen habe, viel zu oft das Wort quasi ihn meinen Texten, quasi billige Kopie.) Keine Ahnung, ob das Globe eine romantische Vorstellung von Vergangenheitsfetischisten ist, oder doch authentische Grundlage zur Kontextualisierung von Shakespeares Werk. Keine Ahnung, ob das eine gute Idee ist mit der Globekopie in Innsbruck, finde bloss eigentlich nein. Aber es muss ja nicht immer alles so genau sein. Man kann auch eine historische Authentizität erreichen, ohne total den Fakten zu entsprechen, weil der Mensch hat auch nach Jahrhunderten der Aufklärung immer noch Gefühle.

Der Comic „The Death of Stalin“ von Fabien Nury und Thierry Robin handel auch von einer Art Weltuntergang, weil Stalins Tod für Sowjetmenschen in den gehirngewaschenen 50er-Jahren ganz praktisch fertig mit dem Mondo, quasi Fussball-WM in Qatar. Dabei geht es im Comic, dies wird von einem Historiker in eine Art unnötigem Schlusswort noch besonders betont, weniger um das Vermitteln von knallharten geschichtlichen Fakten sondern von einer Ahnung der Umstände und der Reaktionen der Menschen darauf.

Und das macht dieser Comic so genial, dass man ihn durchaus als eine Art moderner Popshakespeare bezeichnen könnte. Ja, es ist ein selten perfekter Comic, was Dramaturgie und Form angeht. Hier sind Inhalt und Ausdruck absolut kohärent, und dadurch entwickelt sich die Geschichte über die Machtkämpfe nach Stalins Tod zu einer beissenden Satire über den Menschen und seine sich wie Theaterkulissen ständig verschiebende Vorstellung von Moral. Dass historisch nicht alles bis aufs i-Tüpfelchen stimmt, stört auch deshalb nicht, weil es gar nicht so sehr um die Sowjetunion geht — was hier gezeigt wird, könnte zu jeder Zeit und in jedem Land passieren, wo ein allmächtiger Diktator unerwartet seine Reise ins ewige Jenseits antritt. Auf die billigen Witze, die man anhand des gewaltigen Pathos der Sowjetunion machen kann, wird praktisch vollkommen verzichtet. Das gibt 9 von 10 roten Sternen auf der Marx/Engels/Lenin-Skala. (ALLE MACHT DEN SOWJETS KEINE MACHT DER PARTEI!`sorry kurzer Zwischenruf.)

Der Film schafft das leider nicht. Ich hab ihn mir vor dem Comic angeschaut und zuerst gar nicht im Open-Air-Freiluft-Frischluftkino, sondern ohne Untertitel zu Hause und ziemlich bekifft. Ich dachte damals, es sei meinem eher schlechtem Englisch geschuldet, sowie dem Gras, dass sich die Gespräche und Handlungen des Filmes gegen Schluss zu einem nichtssagenden Knäuel aus Geschrei und Grimassen verdichten. Dem ist aber nicht so. Das macht Film, auch wenn man sich ihn unter Mondsichellicht draussen nüchtern und mit Untertitel anschaut.

Es mag lustig sein, einfache Bauern zu zeigen, in ein klassisches Konzert gezwungen, die dann stricken und schlafen, statt der grossen Kunst zuzuhören, nur damit der Ton für eine Aufnahme für Stalin passt (Vorsicht, Spoiler der ersten 10 Minuten), welcher das Konzert vorher live im Radio gehört hat und eine Aufnahme will, die aber vergessen wurde zu machen, worauf das Konzert wiederholt werden muss, obwohl viele Zuhörer schon heimgegangen sind. Ich finde das bissel Schenkelklopferhumor. Damit wird natürlich über ein Klischee die Vorstellung von der Volkskunst im Sowjetreich und damit mit ein extrem kitschiger Teil des Sowjetpahtos gebrochen, der aber auch eine historische Authenzität hatte, allerdings in den 20er-Jahren und nicht in den 50ern, höchstens als Schenkelklopferhumor erinnernd an diese Zeit, dann aber eher Westeuropa. Es besteht eine Distanz zur Geschichte, die nicht nur an Mangel von Authentizität, sondern auch an ästhetischen Möglichkeiten leidet. Also nur 2 von 10 Orden auf der Brust des viel zu jungen Generals Schukows gespielt von Jason Isaacs.

Jetzt möchte ich mir aber auch noch etwas Pathos gönnen. Vergleicht man die beiden Produkte, den Film und den Comic, so würde ich behaupten, beim Comic ist einfach noch viel mehr möglich, sind die Möglichkeiten noch nicht so ausgelatscht wie bei Film und dadurch so ein Meisterwerk wie „The Death of Stalin“ überhaupt noch machbar, während jeder, selbst der bestgemachte Film heute fast nur noch „richtig gutes Handwerk“ sein kann.

The Death of Stalin (Org. La Mort de Staline), Frankreich 2010,  144 Seiten,
Autor: Fabien Nury, Zeichner: Thierry Robin
Verlag dt. Ausgabe: Splitter Verlag
ISBN: 978-3-96219-171-9
The Death of Stalin, Frankreich/Grossbritannien 2017, 106 Min
Regie & Drehbuch: Armando Iannuci
Mit Steve Buscemi, Jeffery Tambor, Michael Palin u.a.

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