Alexandra Kollontai: Gegen Patriarchat und Kapitalismus

Alexandra Kollontai gehört zur gleichen Generation wie Emma Goldman. Beiden gemein ist, dass sie, um 1870 geboren, zu den frühesten Frauen gehörten, die von links Kritik am Komplex Kapitalismus-Patriachat übten.

Alexandra Kollontai stammt aus einem altadligen Elternhaus. In ihrer Schrift Autobiographie einer sexuell emanzipierten Kommunistin aus dem Jahr 1926 beschreibt sie dieses Milieu als „nicht reaktionär“. Schon als Kind sei sie aufgeweckt gewesen und habe vieles hinterfragt. Die Mutter sei deshalb dagegen gewesen, dass sie die Schule besucht, da sie ja so schon kritisch sei. Ihre Mutter wollte sie möglichst bald verheiraten. Alexandra Kollontai wollte nicht heiraten. Schliesslich heiratete sie aber ihren Cousin, dessen Nachnamen sie beibehielt, auch als die Ehe nach 3 Jahren beendet wurde. Sie habe sich in dieser Ehe und auch später gegen die Reduktion aufs Ehefrau- und Mutterdasein gewehrt.

Nach diesem kurzen Blick in die Kindheit erzählt Kollontai besonders von ihrem politisch-feministischen Kampf in Russland und der mühseligen Überzeugungsarbeit, die sie als mit ihren Ansichten beinahe alleine dastehende Frau leistete, um ihre Parteigenossen von der Bedeutung und Relevanz ihrer Anliegen zu überzeugen. Oft habe sie „passiven Widerstand“ erfahren aus den eigenen Reihen: Desinteresse und mangelnde Einsicht.

1908 ging sie gezwungenermassen ins Exil und war ab diesem Zeitpunkt in vielen Ländern Europas und in den USA aktiv.

Zeit für Liebschaften habe sie immer wieder gehabt, fügt sie ein, bevor sie sich der Zeit ab dem Ersten Weltkrieg widmet. „Leider“, betont sie, denn die Männer hätten immer wieder nur „das Weibliche“ in ihr gesehen und ihre enorme Aktivität nicht akzeptieren können.

Nach dem Sturz des Zaren kehrt Kollontai nach Russland zurück. Sie engagiert sich für die spezifischen Forderungen der Arbeiterinnen. Anlässlich des Juli-Aufstandes gegen die provisorische Kerensky-Regierung wird sie verhaftet; gegen eine Kaution kommt sie allerdings frei und wird in der Oktoberrevolution zur Volkskommisarin für soziale Fürsorge ernannt.

Zu Beginn ihrer Autobiographie schreibt Kollontai, dass es der jungen Generation jetzt möglich sei, „Arbeit und Liebessehnsucht harmonisch anzugliedern, so dass die Arbeit Hauptzweck des Lebens bleibt.“ Damit wendet sie sich gegen die patriachale Erziehung, welche den Daseinszweck der Frauen auf Ehe und Mutterdasein ausrichtete. Und Arbeit versteht sie freilich in einem politischen Sinn: Kritk am Kapitalismus, Arbeit am Sozialismus. Doch die „harmonische Angliederung“ heisst heute work-life balance; und so sind Schriften linker Feminist_innen wie der Kollontai heute auf zwei Ebenen aktuell: einerseits auf der Ebene der formulierten Forderungen, die weiter aufrechterhalten werden müssen; auf einer anderen Ebene sind sie aktuell, weil ein Blick zurück auch zeigt, wie sehr gewisse link(sextrem)e Forderungen entschärft und neoliberal vereinnahmt worden sind.

Auch Barbara Kirchner findet in ihrem Vorwort eine treffende Formulierung: Was früher verboten war, wird einem heute [in Deutschland / Europa, Anm. d. Aut.] nur noch vermiest. Gewissermassen ist das ein Fortschritt. Doch die Kritik daran, dass den Menschen gewisse Haltungen und sexuelle Orientierungen vermiest werden, darf nicht aufhören.

Die Herausgeber_innen haben der Autobiographie eine Schrift aus dem Jahr 1918 angefügt mit dem Titel Die Geschlechtsbeziehungen und der Klassenkampf. Thema dieser theoretischen Abhandlung ist eine nicht näher beschriebene „sexuelle Krisis“. Kollontai blickt zurück auf die Sexualmoral des Mittelalters, schwenkt über zum Aufstieg des Bürgertums und nimmt anschliessend die Gegenwart unter die Lupe.

In der bürgerlich-individualistischen Moral arbeitet sie zwei Problemschwerpunkte heraus. Einerseits führe die bürgerlich-individualistische Einstellung in der Beziehung zu einem Egoismus zu zweit. In diesem kritisierten Beziehungsmodell würden die Partner_innen nur zusammensein, um aneinander die eigenen Bedürfnisse befriedigen zu können. Das zweite Problem ist ähnlich gelagert: Die Partner_innen begreifen sich als gegenseitiges Eigentum.

Wenn Kollontai in dieser zweiten, stärker agitatorisch gehaltenen Schrift auf die ungleiche Behandlung der Frau verweist, sollte mensch nicht müde abwinken, weil das alles, systematisch dargestellt, bei de Beauvoir auch steht. Die Diskriminierung, welche der Frau widerfährt, wurde von Alexandra Kollontai, Emma Goldman und anderen, wenigen, kommunistischen und anarchistischen Feministinnen zum ersten Mal von links angeprangert. Darin liegt deren historische Bedeutung. Sie legen Zeugnis davon ab, wie sehr Widerstand sogar aus den eigenen Reihen entgegenschlagen kann.

Barbara Kirchner zu Alexandra Kollontai: Autobiographie einer sexuell emanzipierten Kommunistin. Herausgegeben von Carolin Amlinger / Christian Baron. Laika Verlag 2012.

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