Koeppen in Strassburg

Letzthin verfasste Kollege Philippe ein Reisetagebuch über Strassburg/Strasbourg. Zufällig lese ich grade Wolfgang Koeppens Essayband Reisen nach Frankreich. Der Autor war 1959 im Auftrag des Süddeutschen Rundfunks im Nachbarland unterwegs, 1961 erschienen seine Reiseberichte als Buch. Und im ersten Teil, „Das Münster könnte an das zu oft berufene Europa glauben lassen“, kommt er eben auch auf Strassburg zu sprechen.
Ein paar Auszüge daraus möchte ich hier nun wiedergeben, weil es ganz einfach spannend ist, einen Vergleich zweier Betrachtungen derselben Stadt zu ziehen, die beinahe 60 Jahre auseinander liegen.

Johann Wolfangs Wirtshaus »Zum Geist« gab es nicht mehr, aber noch immer lag Strassburg im Schatten seines Münsters, alle Wege und selbst Einbahnstrassen und Ampel führten dorthin. Der Blick des Automobilisten wurde, wie eh und je das Auge des Wanderers, zum Himmel gelenkt, der Mann am Steuer der Maschine war in Gefahr, auf der Erde zu verunglücken, aber für einen Augenblick überwältigte ihn mit dem Anblick der steilen Fassade der schmerzlich-schöne, der hoffnungsvoll hoffnungslose Traum der Gotik, der Schrei nach dem Unbedingten, das Verlangen nach dem Gesetz, der Ruf nach Gott. Französische Kaffeehausterrassen, deutsche Autobusse, Allerweltsandenkenläden, Postkartenstände, Touristenschwärme zogen das Absolute ins Unverbindliche herunter. (S. 13f.)
Von der Plattform des Turmes hat man noch immer Goethes Blick auf die ansehnliche Stadt, auf die wettergebleichten roten Schnindeldächer, die bürgerliche Welt der Schornsteine, der spitzen Giebel und der Wetterfahnen, noch immer grünen ringsum bäuerliche Auen, von Wipfelalleen durchzogen, noch immer blinkt der Rhein, glitzert die Ill, noch immer spürt man die alte Lust, das die Brust weitende Entzücken, hier zu sein. (S. 14f.)
Beim alten Weinhändler sehen die Franzosen wie ein Volk von Feinschmeckern aus. Männer, Frauen, die lüstern den Mund öffnen. Man blickt gierig auf den Teller. Das Sauerkraut ist mässig, der Schinken ist versalzen, das geschmorte Kaninchen hat sich mit schlechtem Fett vermählt, der Rote Wein ist die beizende Rache Algeriens am französischen Mutterland, aber man tafelt mit guten Manieren und betonter Genüsslichkeit, als hätte jeden die Sage von der guten französischen Küche um den Verstand gebracht. (S. 15)
Im Parterre des Hotels gab es ein Bistro, eine Kneipe. Sie hatten ein paar Tische und Stühle vor die Tür gestellt. Es war Sommer. Es war ein Nachmittag. Es war still. […] Auf der Place Kléber und der Place Broglie sonnte man sich auf den Kaffeehausterrassen und dachte an Paris. (S. 17)
Richtungsschilder weisen zum Europarat. Führt der Weg nach Europa? […] Das Haus des Europarats liegt peripher. Sein Portal ist anspruchsvoll, der Bau provisorisch, die Anlage unvollendet. Weisse Fahnenmasten stehen zu einem Kranz vereint und tragen die Flaggen der europäischen Staaten. Der Osten fehlt und die englische Insel. Traurig hängen die Fahnen in der Windstille […] (S. 18f.)
Ich sah Flaubert den Bahnhof besuchen, den Wartesaal der zweiten Klasse, wo er mit Eisenbahnern und anderen in der Zeit treibenden Leuten den billigen Rum von Saint Martinique trinkt, von Kreolinnen träumt oder von Madame Bovary und den dicklichen Catchern auf dem Fernsehschirm zuschaut, wie sie einander voll Lust in die Bäuche treten. (S. 19)
Ein Polizist schob sein Fahrrad durch das Morgenlicht. Mit seinem Käppi, seiner Pelerine, selbst mit seinem Knüppel war er ganz der »Agent de Police« des bürgerlichen Frankreichs, er allein wachte unter den Schlafenden […] (S. 20)
Im zum Münster gehörenden Museum fand ich die Baugeschichte der Kathedrale, sah ich die alten Pläne mit den in der Zeichnung vollendeten zwei Türmen und erkannte im tatsächlichen Zustand des Bauwerkes die Grösse in der Unvollendung, die Kraft und die Schönheit im menschlichen Scheitern. (S. 22)
Die Ill wird von Baumalleen begleitet. Die Bäume, die Alleen sind immer das liebe, das süsse Frankreich. Der Fluss verästelt sich, umwindet in vielen Armen die Altstadt, Fachwerkhäuser spiegeln sich auf brackiger Fläche […] (S. 23)
In diese »Kleinfrankreich« genannte Idylle sind Bomben gefallen. Man hat die zerstörten Häuser wiederaufgebaut, ganz im überlieferten Stil, aber was einst natürlich und traulich gewesen war, wurde nun gesucht und snobistisch, ein blosser Blickfang für gelangweilte Touristen […] (S. 23)
Im Elsässischen Museum wird die Geschichte mit französischen Augen betrachtet. Viel Uniformen hängen auf Wachspuppen. Man sieht Staub, Plüsch, Mottenfrass, Epauletten, gestickte Käppis, rote Hosen, Stahlhelme, horizontblaue Grabenröcke; den deutschen Betrachter erinnert dies leider an die Illustration von Knabenbüchern »Aus grosser Zeit«. […] Die Dokumente der grossen französischen Revolution sind auch in Strassburg ein Gruss an die Menschheit, ein Aufruf »An Alle«. (S. 24)
Im berühmten gepflegten Haus am Münster speist der Tross des Europa-Gedankens und mancher Berichterstatter. Er speist teuer. Er speist auf Spesen, das ist angenehm. Er speist mässig, das ist das Verhängnis. Selbst in die heiligsten Küchen ist die Einheitssosse eingezogen, und die »Poularde au Riesling« kommt aus dem Schnellkochtopf, ist ein Fliessbandgeschöpf. (S. 24)

 

Reisen nach Frankreich
Von Wolfgang Koeppen
Suhrkamp Verlag 1999
Ursprünglich erschienen: 1961
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