Giacometti presents Coca-Cola

Stanley Tuccis Final Portrait (2017) erzählt, wie Alberto Giacometti 1964 sein letztes Porträtgemälde malte, zwei Jahre vor seinem Tod. Der Film basiert auf dem kurzen Reportagebuch A Giacometti Portrait (1965) von James Lord* — der Amerikaner war es, der seinerzeit für Giacometti Modell sass. „His idea was t do merely a quick portrait sketch on canvas“, schreibt Lord. „It would take but a hour or two, an afternoon at most.“** Es wurden fast drei Wochen daraus, weil für Giacometti ein Kunstwerk niemals wirklich fertig ist, weil er seine Fortschritte immer wieder übermalt und von Neuem beginnt, weil seine Selbstzweifel ihn ständig einholen und seine Zerstörungswut wecken. Am Ende muss Lord das Bild dem Schweizer Maler in einem günstigen Moment entwenden, bevor er es erneut kaputtmacht.
* NZZ-Porträt von Lord.
** Im Film sagt Lord (Armie Hammer): „[…] and one day after an exhibition he asked me to sit for a portrait. He told me it would take no longer than two to three hours, an afternoon — at the most.“

Das ist durchaus witzig, nicht zuletzt wegen der Dynamik zwischen dem alten exzentrischen Giacometti und dem jungen vernünftigen Lord. Im Film werden die beiden von Geoffrey Rush und Armie Hammer gespielt, die dafür genau die richtige Chemie haben. Eher zäh ist aber die Inszenierung von Regisseur und Drehbuchautor Tucci (besser bekannt als Schauspieler aus kleinen Arthouse-Produktionen wie der Hunger-Games-Reihe oder den letzten beiden Transformers-Filmen), und der graue, monotone Look wird ebenso schnell langweilig wie das pseudodokumentarische Gewackel der Handkamera (das ist heutzutage die Standardlösung einfallsloser Kameramenschen, man achte mal darauf).

Zudem ist Final Portrait einer jener Künstlerfilme, die sich mehr für die Person des Künstlers als für seine Kunst interessiert.* Zum Vergleich: Im seinem Buch geht Lord ausführlich auf die Kunsttheorie im Bezug auf Giacometti ein, hält auch viele seiner Äusserungen zum Thema fest; besonders die Stellen über die Rolle gemalter Porträts im Zeitalter des Fotoapparats sind erhellend. Man versteht dann auch, wieso der Maler in seinem Schaffen so kritisch ist, wieso er immer wieder von vorne anfängt. Im Film ist nur noch wenig davon enthalten, Giacometti ist dort halt ein Exzentriker, und es menschelt nach Kräften — da geht viel Laufzeit drauf für die Beziehung Giacomettis zu seiner Frau und seiner Geliebten (dieses Liebesdreieck kommt im Buch gar nicht vor; Tucci hat für seinen Film eh auch Material aus anderen Quellen zusammengetragen).
* Zu den wenigen wirklich guten Künstlerfilmen gehört Lech Majewskis The Mill and the Cross (2011), der allerdings mehr ein Esssayfilm als ein Biopic ist.

Besonders interessant finde ich den Film also nicht, aber eine Szene hat mich dann doch verblüfft (oder zumindest überrascht). Sie kommt gleich nach der Halbstunden-Marke. Lord sitzt für Giacometti Modell, als der Maler vorschlägt, eine Pause zu machen. Die beiden gehen in Giacomettis Stamm-Café, wo ihm der Kellner sofort das Übliche bringt, man weiss ja, was der Künstler will. (Eier, Schinken, Brot, Wein, Kaffee.)
Giacometti: „You want something, Jim?“
Lord: „Eh, yeah, I’ll take a Coca-Cola please.“
Während der Künstler schon mal mit dem Essen anfängt, bringt der Kellner Lord ein Fläschchen Cola mit einem Trinkglas und stellt beides vor ihm auf den Tisch — wobei das Logo schön in Richtung Kamera zeigt. Lord nimmt das Fläschchen, füllt die Hälfte der Cola in sein Glas und stellt es zurück. Wiederum mit dem Logo zur Kamera. (Und ja, wenn man genau hinguckt, wird offensichtlich, dass Armie Hammer das Fläschchen sehr bewusst so hinstellt.)
Wahnsinnig viel wird in der Szene nicht gesprochen (in erster Linie teilt Lord Giacometti mit, dass er seinen Rückflug nach New York verschoben hat), es geht mehr darum, Giacomettis amüsantes Essverhalten zu zeigen. Während die Colaflasche zentral im Bild steht.
„Das ist doch ein bemerkenswert frecher Fall von product placement!“, dachte ich beim Filmschauen. „Vor allem für die Verhältnisse eines seriösen, künstlerisch anspruchsvollen Indiefilms. Ich bin entrüstet.“
Nun stelle ich im Nachhinein aber doch tatsächlich fest, dass die Cola-Platzierung eine Grundlage in der Buchvorlage hat. Dort liest sich das nämlich wie folgt:

Then we went to the nearby café, where he ate what is his ritual lunch: two hardboiled eggs, two slices of cold ham with a piece of bread, two glasses of Beaujolais, and two large cups of coffee.* […] I drank my Coca-Cola, said goodby, and went off. (S. 9f.)

* (Erwähnung am Rande: Der Film stellt das alles brav nach, nur ist es dann nicht ein, sondern sind es zwei Stück Brot. Erwischt!)

Dennoch: Dass Lord im Buch Coca-Cola erwähnt, das dürfte die Budgetverantwortlichen der Filmproduktion durchaus gefreut haben.

 

Final Portrait
GB 2017, 90 Min.
Regie & Drehbuch: Stanley Tucci (nach dem Buch A Giacometti Portrait von James Lord)
Mit Geoffrey Rush, Armie Hammer, Clémence Poésy, Tony Shalhoub, Sylvie Testud et al.
A Giacometti Portrait
Von James Lord
Museum of Modern Art, New York 1965

„Final Portrait“ läuft vom 10. bis 16. Mai im Kino Stüssihof in der Reihe „Art Marathon“

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