Göteborg 2017: Konstmuseum

Der Hauptartikel zu Göteborg ist hier zu finden.

Der riesige Klotz da oben, das ist das Kunstmuseum von Göteborg (bei dem kleineren Klotz rechts daneben handelt es sich um die Konsthall, und vornedran sieht man den Poseidonbrunnen). Da bin ich also mit meiner Allerliebsten rein (die dann irgendwann in die Stadt Tee trinken ging, während ich im Museum weiter abnerdete).
Okay, was hab ich da also gesehen?

 
Nordisches Zeug

Herzstück der Sammlung ist die nordische (vorwiegend natürlich schwedische) Kunst um 1900 herum. Da hat man die Fürstenberg-Gallerie mit den opponenterna (dt. „Widersachern“), die in den 1880ern und -90ern aktiv waren. Dazu kommen die Künstler des nordischen Fin de siècle, ab 1900 die schwedischen Modernisten und schliesslich die Göteborger Koloristen in den 1930ern.

Pontus und Göthilda Fürstenberg förderten und sammelten ihrerzeit junge Künstler (bzw. ihre Werke), die sich unter anderem vom französischen Impressionismus inspirieren liessen und gegen alterhergebrachte Kunstvorstellungen rebellierten. Mir erscheint allerdings die Fürstenberg-Kunst selbst ziemlich steif und langweilig. Da überwiegen idyllische Naturdarstellungen und nackte Frauen ohne Genitalien.
Das Interessanteste an der Fürstenberg-Abteilung ist noch, dass man in den 1920ern im damals neuen Kunstmuseum die alte Fürstenberg-Gallerie nachgebaut hat (die war vorher ganz woanders), mit den roten Wänden und den Skulpturengruppen an den Wänden, die modernen Erfindungen gewidmet sind — da sind zum Beispiel klassische Frauenstatuen um ein Telefon gruppiert.
Interessant jedenfalls, dass das Museum ausgerechnet dort hinein ein zeitgenössisches Werk von Fredrik Raddum gesetzt hat: The Child ist die Plastik eines lachenden kleines Kindes, dem Äste aus den Ohren wachsen. Als hätte jemand im einem stickigen Atelier ein Fenster geöffnet.

Gegen die Jahrhundertwende und mit der schwedischen Moderne ist die Kunst dann um einiges freier geworden, es kommen Leute wie der Norweger Edvard Munch — der einzige nordische Maler, der mir vorher schon ein Begriff war (das Kunsthaus Zürich hat übrigens eine ziemlich tolle Sammlung seiner Werke).
Andere schnieke Werke: Die Wolke von Prins [sic] Eugen; Die Bauerstochter von Carl Wilhelmson.
Ein eigener Raum ist Ivar Arosenius gewidmet, dessen Arbeit zwischen klassischen Gemälden und Kinderbuchillustrationen pendelt, und dessen Humor mir sehr zusagt. Er hat zum Beispiel mehrere Selbstporträts gemalt, auf denen er sich selbst extrem grimmig darstellt — was schon ganz grundsätzlich witzig ist, aber dann kommt das sogenannte Selbstporträt mit Federvie und Schweinen, wo Arosenius in seiner grimmigen Art durch eine bunte Gegend mit glücklichen Bauernhoftieren herumspaziert. Grandios.

Sehr gefallen mir zudem die Göteborger Koloristen (man schaue sich nur Inge Schiölers Rothaariges Modell I oder Carl Kylbergs Heimkehr an).

 
Alte Meister, Franzosen und sonstige Pfuscher

Vom nordischen Schwerpunkt abgesehen, findet man im Kunstmuseum die unvermeidlichen alten Meister, Franzosen und was sonst noch so an den üblichen Verdächtigen rumkraucht. Picassos Akrobatenfamilie mit Affe 1905 fiel mir auf, weil er bei diesem Gemälde neben Gouache und Wasserfarben auch Tusche verwendete; eine Methode, die ich doch eher noch selten gesehen hab.

Bei meinem Besuch gabs grad eine Sonderausstellung zu Rembrandts Die Verschwörung des Claudius Civilis. Das grossformatige Gemälde hat einen überaus beeindruckenden Lichteffekt — es wirkt, als würden Claudius und seine Spiessgesellen vom Tisch her beleuchtet. (Onlinebilder geben den Effekt nur ahnungsweise wieder. Das ist tatsächlich etwas, das man sich im Original ansehen muss.) Wie der Effekt zustandekommt, erklärte eine zugehörige Präsentation. Kurzfassung: Rembrandt hat die entsprechenden Oberflächen durch mehrfaches Bearbeiten derart uneben gemacht, dass sie das Licht in verschiedene Richtungen zurückwerfen.
Besagter Leuchteffekt war eine Spezialität des späten Rembrandt und hat anscheinend immer schon die Künstler inspiriert — jedenfalls entdeckte ich anderswo in der Sammlung eine Winterlandschaft, bei der ein gewisser Gustaf Rydberg anscheinend eine ähnliche Methode angewandt hat.

Im Übrigen ist The Child in der Fürstenberg-Gallerie nicht das einzige Beispiel dafür, dass irgendwer im Kunstmuseum Humor hat. Da gibts in der Abteilung zum 18. Jahrhundert einen Raum mit lauter Porträts: Könige, Fürsten und reiche Kaufleute sind zu sehen. Aber was hängt da ganz am Ende, bevor man durch die Tür in den nächsten Raum geht? Giacomo Cerutis Bettler.

 
Die Frauen mit der Kamera

Fürderhin konnte ich im Konstmuseum einen interessanten Vergleich ziehen zwischen zwei Fotografinnen, die in ihrem Werk auf unterschiedliche Weise Weiblichkeit ins Bild setzen: Einerseits war da eine grosse Ausstellung zu Julia Peirone im Museum selbst (Girls, Girls, Girls), andererseits die etwas bescheidenere Ausstellung von Rineke Dijkstra im Hasselblad Center (welches Teil des Kunstmuseums ist).

Julia Peirone, in Argentinien geboren, in Schweden zuhause, legt eine gewisse Punk-Attitüde an den Tag, sie ist die Grellere der beiden. Die Serie More Than Violet zum Beispiel zeigt Teenagermädchen, die im Moment des Schnappschusses die Augen geschlossen sowie die Münder geöffnet haben oder sonstwie unvorteilhaft vor der Kamera sitzen. Die Mädchen aus der Serie Bump, Set, Hit and Spike scheinen eine Mischung aus Turnen und Tanz auszuüben, die jungen Frauen in Twisted Cherry sind in allen Stadien des Stolperns begriffen.
Peirones Werk kommt mir fast schon vor wie eine Antwort auf den Briten David Hamilton, der für weichgezeichnete Aktfotos junger Mädchen bekannt war und Softpornos wie Bilitis (1977) oder Tendres cousines (1980) inszenierte. Diesem stereotyp männlichen (und latent pädophilen) Blick setzt Peirone einen weiblichen entgegen, in dem Mädchen nicht als Objekte, sondern als Personen erscheinen, insofern die Fotografin beispielsweise Fehler nicht kaschiert, sondern offenlegt. Dennoch haben Peirones Bilder auch etwas Sexuelles, halt konfrontativ statt passiv.
Ohne es zu wissen, hab ich die Ausstellung ausgerechnet am Tag der Vernissage besucht. Zunächst ahnte ich nichts, denn das Museum öffnete normal um elf Uhr, die Vernissage jedoch begann erst um fünf. Jedenfalls war ich dann plötzlich umringt von einer Rotte Leute, die sich Weisswein und Häppchen einverleibten, während ich mir doch bloss die Ausstellungsstücke in der Statuenhalle ansehen wollte. Anderswo installierten sich eine DJayne an ihrem Pult, und sobald die Musik startete, bin ich abgehauen.

Peirones Fotos können durchaus plakativ sein, zurückhaltender ist da die Niederländerin Rineke Dijkstra, die mit dem Hasselblad Award 2017 ausgezeichnet wurde.
(Bei Hasselblad handelt es sich, übrigens, um eine schwedische Kamerafabrik. Nach dem Tod des Firmengründers Victor Hasselblad wurde die Hasselblad-Stiftung gegründet, die eben das Hasselblad Center im Kunstmuseum unterhält und jährlich den Hasselblad Award an FotografInnen vergibt. Hab ich oft genug Hasselblad gesagt?)
Wie Peirone fotografiert Dijkstra vor allem Frauen und Mädchen. Da ist zum Beispiel die Porträtserie Almarisa. So lautet der Name eines Mädchens, das Dijkstra 1994 in einem holländischen Lager für bosnische Flüchtlinge kennenlernte. Über die Jahre hinweg fotografierte sie sie immer wieder; man sieht sie auf den Bildern allmählich zur Frau heranwachsen und Mutter werden. Bemerkenswert sind aber auch die Bilder von Teenagern und jungen Erwachsenen am Strand (Beach Portraits), mit denen Dijkstra bekannt wurde, oder die Porträts einer israelischen Soldatin von Beginn bis Ende ihres Dienstes (Shany).

 
Stadtbilder und zitternde Fichten

Ich bin auf dem Land geboren und aufgewachsen, bin aber beizeiten der Provinz entflohen und lebe heutzutage in Zürich, das ja im weitesten Sinne eine Stadt ist. Geh ich in die Ferien (oder nimmt mich die Allerliebste in die Ferien mit), so sind das zu 95% Städtetrips. Will sagen, ich mag Städte. Die Architektur, das Angebot, die Anonymität, etc. Und es gibt eben auch viele KünstlerInnen, die Städte mögen.
Die Ausstellung Urban Landscapes versammelte Werke, die sich mit dem urbanan Lebensraum auseinandersetzen, angefangen beim französischen Barockmaler François de Nomé und seinen Fantasiestädten, über eine Stadtansicht von Torsten Jovinge aus den 1930ern, bis hin zu modernem Zeug wie diesem coolen Ding des Schotten Marc Boyle, der zusammen mit seiner Frau und den gemeinsamen Kindern eine Künstlerfamilie (Boyle Family) bildete. Eine Spezialität der Boyles war es, kleine Ausschnitte der Erdoberfläche (z.B. eines gepflasterten Innenhofs) als Reliefgemälde mit Originalmaterialien festzuhalten. Ich liebe solche Spielereien.
Apropos Spielereien: Zu sehen war auch die Regenbogenmaschine des Street Artist Akay — in diesem Video ist der Apparat in Aktion zu sehen.
Auch die farbenfrohe, märchenhafte Stadtansicht (mit Beatles-Anspielung) von Kristina Abelli Elander gefiel mir, oder die subtil ironische Fotografie Junge an der Wand von Jens Jensen.
Ein letztes tolles Ding ist der Totempfahl von Luise Nevelson, zusammengestellt aus Möbelteilen und sonstigem Sperrgut. Später im Jahr sah ich weitere Werke der amerikanischen Künstlerin im Londoner Tate Modern, aber dazu ein andermal.

Nachdem ich vor der Julia-Peirone-Vernissage geflüchtet war, ging ich rüber in die Konsthall (sie ist direkt mit dem Kunstmuseum über einen Treppenaufgang verbunden), die sich ganz der Gegenwartskunst widmet.
Dort war grad die jährliche Göteborg Internatinal Biennial for Contemporary Art (GIBCA) zum Thema WheredoIendandyoubegin – On Secularity.
Fast fünfzig KünstlerInnen aus aller Welt beschäftigten sich da also mit dem Spannungsfeld von Religion und Säkularismus in der heutigen Zeit, aber gross aufgefallen ist mir eigentlich nur ein Werk von Joakim Forsgren. Wie man hier sieht, hat er eine Gruppe von Baby-Fichten in Blumentöpfen auf eine Metallplatte gestellt. Darunter sind Lautsprecher angebracht, die die Platte mit einem monotonen Ton in Schwingungen versetzt — die kleinen Bäumchen zittern also die ganze Zeit vor sich hin. Das ist genau die Art von gepflegtem Quatsch, für die ich ins Museum gehe.
Das ist übrigens nicht Quatsch um des Quatschs Willen, sondern eine Anspielung auf den schwedischen König Karl XII., der von 1697 bis 1718 regierte. Dieser ist wohl eine wichtige Figur des schwedischen Nationalismus, weil er sein Land durch den Grossen Nordischen Krieg führte, der mit seinem Tod für Schweden verloren ging, was wiederum das Ende der Nation als Grossmacht bedeutete. Und was hat das mit Fichten zu tun? Nun, anscheinend war der König ein grosser Fan der Bäume und ist mitverantwortlich für die grossen Fichtenwälder des heutigen Schweden (früher gabs dort viel mehr Kiefernwälder, die aber zu Karls Zeit als Brennstoff für die Eisenindustrie abgeholzt wurden).

 
Und das war mein Besuch im Göteborger Kunstmuseum. Übrigens: Wenn ich jetzt daran zurückdenke, muss ich doch heftig an The Square denken.

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