Biedermann und das Quadrat

Letzthin hab ich im Riffraff The Square gesehen, den neuen Film von Ruben Östlund, eine Satire auf den schwedischen Kunstbetrieb. Manchmal an der Grenze zur Plattheit: Ziemlich am Anfang hat Christian (Claes Bang) — Kurator eines Museums für Gegenwartskunst und Hauptfigur der Handlung — ein Interview mit einer amerikanischen Journalistin (Elisabeth Moss). Sie konfrontiert ihn mit einem Text von der Webseite des Museums (es ist der Beschrieb zu einer Ausstellung), einen Text, den Christian offenbar selbst nicht versteht. Haha, Kunsttexte sind schwer verständlich, sehr originell.

Lustiger sind da schon kleine, feine Beobachtungen. Der Raum, in dem das Interview stattfindet, enthält auch eine Installation, bestehend aus vielen Schotterhäufchen. An der einen Wand sitzt eine leicht übergewichtige Aufseherin auf einem Klappstuhl — das Bild hat etwas Rührendes. Einmal werfen Besucher einen Blick in den Raum, trauen sich aber nicht, hineinzugehen. Ein andermal kommt dann tatsächlich einer rein, so ein richtiger Hipster. Als er die Installation fotografieren will, bellt die Aufseherin, dass er das nicht dürfe. Das hat etwas von einem Roy-Anderson-Film.

Was einem aber wirklich im Gedächtnis bleibt, sind die Szenen, in denen Regisseur Östlund den Hebel bei sozialen Konventionen und Interaktionen ansetzt. Nach der Vernissage-Party schläft Christian mit der Journalistin. Ist schon der Akt in seiner alltäglichen Lächerlichkeit witzig, so wird es richtiggehend brutal, als die Frage aufkommt, wer das Kondom entsorgt — ein Abgrund der Geschlechterkriegs tut sich auf.
Die Journalistin hat übrigens einen Schimpansen zum Haustier. Es gibt nie eine Erklärung dazu, aber ich seh darin eine Anspielung auf Max, Mon Amour.

Herzstück des Films ist die Szene, die auch das Plakat ziert. Da hocken während eines Empfangs die ganzen reichen Gönner und Kulturmenschen herausgeputzt im Festsaal und erwarten ergebendst eine Performance. Da tritt auch schon der Künstler auf. Sein Ding: Er benimmt sich wie ein Affe. Prothesen an den Armen ermöglichen ihm einen Gang wie der eines Gorillas; er brüllt und grunzt, betatscht die Leute, benimmt sich immer wilder. Es dauert nicht lange, bis die Situation eskaliert.
Eine unglaubliche Szene, ein bitterböser Kommentar auf das Verhältnis von Künstlern und Publikum. Auf begüterte Bildungsbürger und Mäzene, die sich Künstler wie Haustiere halten, aber es gar nicht goutieren, wenn sich diese Haustiere daneben verhalten. Darauf, dass Künstler gern provozieren dürfen, dabei aber bloss nicht die gemütliche Konsumentenrolle des Publikums stören sollen. Überhaupt auf die Grenze zwischen Künstler und Publikum, auf das Rollenverständnis, auf die festgefahrenen Konventionen im herkömmlichen Kunstbetrieb.
Hat man The Square gesehen, kriegt man Lust, mit einer Fakel und einem Kanister Benzin ins nächste Kunsthaus zu rennen.

(Den Künstler spielt übrigens Terry Notary, der sich ganz wie der berühmtere Andy Serkis auf die Darstellung von Motion-Capture-Kreaturen spezialisiert hat, vor allem Affen: Kong in Kong: Skull Island, Rocket in der neuen Planet of the Apes-Trilogie.)

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