Wien Commando: Angriff der Zürich-Mutanten (2)

Hier gehts zu Teil 1.

Freitag

Das Foltermuseum Wien probiert den Spagat zwischen Boulevard und Anspruch, was schon die Namenstafel draussen demonstriert – einerseits prangt da in grossen, roten Buchstaben das Wort „Folter“. Andererseits lautet der Untertitel „Museum für mittelalterliche Rechtsgeschichte“. Die wollen also das Publikum mit dem Versprechen wohliger Schauer anlocken, weisen aber zugleich auf staatliche Gewalt in der heutigen Zeit hin, oder in der aktuellen Sonderausstellung auf die Zustände in Guantanamo.
Herzstück der Ausstellung sind lebensgrosse Dioramen von verschiedenen Foltermethoden und Strafmassnahmen; man stelle sich eine Mischung aus Museum und Geisterbahn vor. Die Erbauer hatten sicher ihren Spass daran. Aber irgendwann überkommt einen dann die Erkenntnis: Das haben tatsächlich Menschen anderen Menschen angetan, und ähnliche Dinge passieren heute noch. Gute Laune.
Eher unfreiwillig komisch ist der Bombenraum: Das Foltermuseum befindet sich in einem ehemaligen Schutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg, und eines der Zimmer ist eingerichtet wie dazumal; aus Lautsprechern ertönen dann die Geräusche von Fliegern und Explosionen. Gelebte Geschichte oder ein kleiner Prater?

Eine Bekannte, die in Wien lebt und die wir vor unserer Reise in der Schweiz getroffen hatten, empfahl uns das Büchercafé Phil. Dort bekommt man Kaffee, Snacks oder ein kleines Frühstück, aber man kann eben auch Bücher kaufen. Ausserdem sind dort neben den üblichen Zeitungen literarische Zeitschriften ausgelegt. Ein schöner Ort, um ein oder zwei Stunden zu vertun. Am Ende hab ich dann Die Goldgruber Chroniken mitgenommen, eine Sammlung autobiographischer Comics von Nicolas Mahler.

Derselbe Mensch unserer Gruppe, der ins Nachtasyl wollte, wollte auch ins Hotel Sacher, um dort die originale Sachertorte zu probieren. Da es inzwischen regnete, hatten wir nichts dagegen, uns irgendwo reinzusetzen. Allerdings waren wir nicht die einzigen Touristen mit der Idee, und so warteten wir eine Viertelstunde in der Schlange, bis wir uns in die Sacher Stube setzen konnten.
Roter Samt, Gemälde, Spiegelkästen, uniformierte Kellner: Es ist der Prunk vergangener Tage, aus heutiger Sicht ungefähr so authentisch wie die Österreich-Abteilung im Europapark. Eine Touristenfalle. Und die originale Sachertorte schmeckt durchaus anständig, aber es ist keinesfalls so, als hätte sie uns vom Stuhl gehauen – da beeindruckte mich das Frühstück im Phil stärker.

Schon von den ersten Plänen an war klar, dass wir mindestens einmal richtiges Wiener Schnitzel essen wollten. Bereits am Mittwoch spiessen wir zwar im Schnitzelwirt, und zwar ziemlich gut, zumindest in grosszügigen Portionen, aber dort gabs nur Schweineschnitzel – und das richtige Wiener Schnitzel besteht ja aus Kalbsfleisch. Ein solches bekamen wir im Pürstner. Ein bisschen was vom Europapark hatte dieses Restaurant ebenfalls, mit dem Personal in Tracht und einer Innendekoration wie aus einer Alphütte. Aber das Schnitzel war ebenso gut wie das Ottakringer, das ich mir dazu bestellte, und der Mohr im Hemd, den es zum Dessert gab. (Bemerkung am Rande: Ich gehöre zu jenen, die finden, dass Bezeichnungen wie „Mohr im Hemd“ oder „Mohrenkopf“ nicht mehr so ganz in unsere Zeit passen.)
Auch hier: Grosszügige Portionen. Einer von uns musste ums Verrecken ausscheren und bestellte kein Schnitzel, sondern Spare ribs, und erhielt eine Platte von derart biblischen Ausmassen, dass er daran beinahe zugrunde ging. Es war eh schon recht warm in der Beiz (mit der offenen Küche und dem Sommerwetter), aber dann gabs zu den Spare ribs auch noch eine scharfe Sosse, und wer schonmal grosse Mengen gegessen hat, weiss, dass es einem dabei heiss wird. Der fragliche Konverter-Mensch schwitzte bald Sturzbäche und zog sich bis aufs Unterhemd aus. Wir anderen hatten schliesslich Mitleid und halfen ihm bei der Bewältigung seiner Portion.

Nach dem Pürstner wollten wir eigentlich in eine Cocktailbar, die dem Nachtasyl-Sacher-Menschen von seinem letzten Besuch in Wien in bester Erinnerung geblieben war – allerdings wurde der Laden seither umgebaut und ist jetzt eine hippe Yuppie-Kaschemme, also vollkommen unerträglich. Stattdessen gingen wir ins Tam o’Shanter’s, einen schottischen Pub.

 
Samstag

Der Naschmarkt ist ein täglicher Lebensmittelmarkt (Sonntag ausgenommen); am Samstag gibts zudem einen Flohmarkt auf demselben Gelände, wo jedoch in erster Linie Gerümpel verkauft wird (Flohmarkt halt): Alte Bücher und Videokassetten, steinzeitliche Elektrogeräte und Nippes. Gegessen hab ich Grammelpogatschen (ein Käsegebäck) und Mohnzelten (vergleichbar der Schweizer Birrewegge, halt mit einer Mohnfüllung). Wir haben Tee gekauft und kandierte Früchte.
Mir fiel auf, dass es ungefähr fünfzig Stände gab, die dieselben orientalisch angehauchten Strandtücher verkaufen. Auch die kandierten Früchte waren an allen Ständen die gleichen – den Naschmarkt teilen wohl ein paar wenige Lieferanten unter sich auf. Für meine Früchte ging ich dann zu einem Iraner, der einen etwas psychotischen Blick hatte, allerdings äusserst herzlich war und mich auch alles probieren liess. Die Sachen, die ich schliesslich auswählte, schaufelte er mir gleich händeweise in die Plastiktüte; ich hatte schon Angst vor der Rechnung – aber man bezahlt auch am Naschmarkt keine Schweizer, sondern österreichische Preise.
Die kandierten Früchte lockten Wespen in rauen Mengen an, in der Auslage surrte es wie in einem dieser Killerbienen-Filme. Der iranische Verkäufer griff mit blossen Händen hinein, ohne auch bloss hinzublicken. Ein Wunder, dass er nicht völlig zerstochen wurde, und dass es kein einziges der Insekten in die erwähnte Plastiktüte schaffte.

Für mich der grossartigste Teil unseres Kulturausflugs war der Besuch im Literaturmuseum (gehört zur Österreichischen Nationalbibliothek). Das Gebäude wurde 1843/44 erbaut und beherbergte ab 1848 das Hofkammerarchiv Österreich-Ungarns, das dorthin verlegt wurde mitsamt seinem Direktor, niemand Geringerem als Franz Grillparzer. Dessen Arbeitszimmer im zweiten Stock kann man sich immer noch ansehen. Beeindruckend sind aber auch die grossen hölzernen Archivregale, die das bestimmende Einrichtungselemente der drei Stockwerke des Museums sind. Wo früher Akten lagerten, sind nun Handschriften, Schautafeln und Co. ausgestellt. Der Geruch des Holzes ist durchdringend und die Luft ein wenig stickig; die Böden knarren unter jedem Schritt. Man spürt das Alter des Ortes – und dazu kommt nun die Jugendlichkeit dieses Museums, das erst 2015 eröffnet wurde.
Der erste und zweite Stock beherbergen die Dauerausstellung, die einem alles über die österreichische Literatur seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart vermittelt. Und mit „alles“ meine ich „alles“, denn das Material ist erschöpfend und die Vermittlung dicht konzipiert. Um sich da durchzukämpfen, muss man sich schon einen ganzen Tag Zeit nehmen. Eine wahre Wundertüte! Da findet man zum Beispiel die Disketten, auf denen die verschiedenen Fassungen von Margit Schreiners Roman Haus, Frauen, Sex drauf sind. Oder eine Art Wandkalender, von dem man Blätter mit Gedichten drauf abreissen kann, um sie mit nachhause zu nehmen.
Der dritte Stock schliesslich ist wechselnden Sonderausstellungen gewidmet; aktuell: Im Rausch des Schreibens. Da geht es um das Schreiben unter dem Einfluss von Rauschmitteln, oder um das Schreiben über Rauschmittel, das Schreiben als exzessiver oder umgekehrt als asketischer Prozess, und alle möglichen Variationen, die man sich zu diesem Themenkomplex ausdenken kann. Die Sonderausstellung ist um einiges luftiger gestaltet und nicht so anstrengend wie die Dauerausstellung. Schau mal, da ist der alte Apple-Computer, auf dem Jelinek geschrieben hat! Oder da: Ein Skript von Robert Menasse, eingeschweisst in Plastik wegen des schweren Wasserschadens, den die Seiten bei einem Rohrbruch abbekommen haben! Und dort: Die Pfeiffensammlung von Ernst Jandl. Völlig aus dem Häuschen war ich wegen des Peter-Handke-Notizbuchs, das Entwürfe zur linkshändigen Frau enthielt.
Wohlgemerkt: Dem Museum gehts nicht bloss um die Präsentation skurriler Fundgegenstände, sondern in erster Linie um die Vermittlung von Wissen. Man erfährt zum Beispiel, dass Adalbert Stifter ein totaler Fresssack war.

Apropos Fresssack: Wir gingen dann im sogenannten Gulaschmuseum essen, das in Tat und Wahrheit kein Museum ist, sondern einfach ein Restaurant, das so heisst, dessen Spezialität aber immerhin Gulasch ist. Und dieses Gulasch ist dann auch wirklich toll, ebenso wie die Knödel, dies dazu gab.

Zum Abschluss: Ein weiterer Pub, The Lizard (der Spare-ribs-Mensch wollte sich dort das Fussballspiel zwischen Irland und Georgien ansehen). Einmal mehr wunderte ich mich darüber, dass man in Wiens Bars noch rauchen darf. Es gab im Lizard übrigens einen Nichtraucher-Abteil, wie bei uns früher, bloss, dass sich dort drin kein einziger Mensch befand. Das eigentliche Highlight des Eidechsen-Pubs ist allerdings die Billiard-Halle, wo wir einige Stunden verbrachten, bevor es zurück in die Herberge ging. Am nächsten Morgen flogen wir in aller Herrgottsfrühe zurück in die Schweiz, und das wars mit unserem Kulturausflug nach Wien.

 
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