ZFF 2017: Another News Story

Another News Story
Regie: Orban Wallace
GB 2017; 86 min.
Internationaler Dokumentarfilm / Wettbewerb

2015 geht der britische Filmemacher Orban Wallace mit einem Team nach Griechenland, um die Flüchtlingskrise auf der Insel Lesbos festzuhalten. Dort beobachtet er, wie ein Gummiboot voller Menschen an der Küste landet — und wie sich eine Horde von Reportern und Kameraleuten darauf stürzt wie die Geier. Damit hat er sein Thema: Wie die Medienleute vor Ort mit der Krise umgehen.

Wallace geht die Balkanroute ab, an der sich die Flüchtlingsströme entlang bewegen. Er begegnet immer wieder denselben Leuten, unter den Flüchtlingen ebenso wie unter den Reportern. In den zwei Monaten, in denen Wallace und sein Team unterwegs sind, erleben sie zentrale Höhepunkt der Krise. Wir sehen die Folgen der unmenschlichen Politik Ungarns unter Präsident Viktor Orban. Wir sehen die Journalistin, die nach zwei Flüchtenden tritt (eine interessante Aufbereitung des Falls gibt es hier), sehen, wie der ertrunkene Dreijährige Alan Kurdi zum Symbol der Krise wird — und wir sehen, wie sich nach den Anschlägen in Frankreich um das Bataclan plötzlich die öffentliche Meinung unsinnigerweise gegen die Flüchtlinge richtet.

Nach der Vorführung bantwortet Orban dem Publikum ein paar Fragen; er trägt Frack, denn grad vorher fand die Preisverleihung im Opernhaus statt. (Another News Story gewann allerdings nichts.) Wie er erzählt, waren die Dreharbeiten eine spontane, ungeplante Sache. Am Anfang hatten sie Probleme, überhaupt die Kamera zum Laufen zu bringen, weil noch keiner von ihnen mit diesem Modell gearbeitet hatte. Geld hatten sie so gut wie keines; sie schliefen ebenso in Zelten wie die Flüchtlinge, die sie begleiteten. Das erklärt wohl, weshalb dem Film ein bisschen die Sicht auf das grosse Ganze abgeht. Wie ein Zuschauer anmerkt, fehlt zum Beispiel die Perspektive der Redaktionen, also der Leute, die die Reporter ins Feld schicken, die bestimmen, von wo berichtet wird. Aber Wallace wollte auch keine klassische Doku mit erklärenden Interviews, sondern einen Erlebnisbericht.

Wallace wird ausserdem danach gefragt, wie er und sein Team die eigene Position inmitten der Ereignisse reflektiveren. Im Grunde sind Wallace und Co. ja bloss ein weiteres Medienteam. Ein ständiger Krieg mit sich selbst sei das gewesen, so der Filmemacher. Ihre Rettung war der Unterschied zwischen News und Dokumentarfilm: Sie gingen nicht hin, um am Ende einen dreissigsekündigen Beitrag fürs Fernsehen zu drehen, sondern blieben am Thema dran und nahmen sich Zeit, es auszuerzählen.

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