Suspiria: Farben, so viele Farben!

Schön: Nach Opera ist jetzt schon wieder ein Dario-Argento-Film in einem Zürcher Kino gelaufen — nämlich Suspiria im Filmpodium. Von 1977 stammt das Ding, es dürfte sich dabei bis heute um Argentos berühmtestes Werk handeln. Ausserdem ist Suspiria der erste Teil seiner Trilogie der drei Mütter, die er mit Inferno (1980) und The Mother of Tears (2007) fortsetzte. Bei diesen drei Müttern handelt es sich um drei mächtige Hexen; im vorliegenden Film haben wir es mit Mater Suspiriorum zu tun, der ältesten und weisesten des Trios. Soweit klar?

Kommen wir zur Handlung: Jessica Harper (Phantom of the Paradise) spielt Suzy, eine junge Amerikanerin, die nach Freiburg im Breisgau reist, um an einer Ballettschule zu studieren. Kaum ist sie vor Ort, sterben haufenweise Leute aus dem Umfeld der Tanzschule. Durchs Band unter grausigen Umständen. Da wird eine Kollegin von Suzy erhängt. Eine andere verblutet, nachdem sie sich in einem Lager von Stacheldraht verfangen hat. Oder da wird ein blinder Pianist, der an der Ballettschule die Musikbegleitung machte, vom eigenen Blindenhund zerfleischt. Irgendwann findet Suzy dann heraus, dass die Leiterinnen der Schule Hexen sind und hinter all den Todesfällen stecken. (Nein, das ist kein Spoiler, denn man muss schon hirntot sein, um nicht frühzeitig darauf zu kommen, selbst wenn man noch nie vom Film gehört hat.)

Argentos Filme sind ja nicht gerade für ihre starke Handlung bekannt, aber selbst für seine Verhältnisse ist Suspiria storytechnisch ein Armutszeugnis. In den Grundzügen erinnert das stark an Rosemary’s Baby (1968) von Polanski — hier wie dort kommt eine junge Frau einer satanischen Gruppierung auf die Spur. Aber wo die amerikanische Version subtil eine Atmosphäre von Paranoia aufbaut und seine Hauptfigur (sowie deren Abgleiten in den Wahnsinn) sortfältig zeichnet, da kriegt Argento nicht mehr hin als eine willkürliche Abfolge von Mordszenen. Welchen Plan genau die Hexen verfolgen, wird nie so ganz klar, Suzy hat keinen nennenswerten Charakter und das Ende ist offensichtlich eine Verlegenheitslösung: Suzy stolpert mehr oder weniger zufällig über die böse Chefhexe und bringt diese mit derselben Schwierigkeit um, mit der ich eine Stubenfliege zerklatsche.

Aber gut, das ist halt Argento: Handlung und Figuren sind für ihn nur eine Ausrede, um ästhetisch ausgefeilten Splatter in Szene zu setzen. Was er dann auch macht, mit sichtlich viel Freude an visuellen Extravaganzen. Hier erkennt man endlich, weshalb Suspiria eine derartige Wirkung hatte: Die barocken Kulissen sind in die buntesten Farben getaucht, dass es ein Fest für die Augen ist. Ein visueller Wirbelsturm, mit dem sich kein noch so aufwändiger französischer Puff messen kann. Ich hatte das Glück, eine aktuell restaurierte Fassung von 2016 zu sehen, deren Ziel es war, die Technicolor-Farben der originalen Kinoversion wiederherzustellen. Und das ist schon beeindruckend.
Dazu kommt dann der Soundtrack von Goblin, der italienischen Experimtenal-Rockband, die fast alle Argento-Filme vertont hat. Suspiria ist der Höhepunkt aus deren Schaffen — man höre sich nur mal das Titelthema an.

Am Rande sei erwähnt, dass die Todesszenen bei allem Detailreichtum mitunter ganz schön albern werden können. Die oben erwähnte Frau, die im Stacheldraht landet, wäre nicht auf die Art gestorben, hätte sie vorher geguckt, wohin sie eigentlich springt. (Tatsächlich stellt sich die Frage, wie zum Teufel sie das übersehen konnte.)
Ein andermal drückt eine Unterhexe ein Opfer gegen ein Fenster — aber wie jedes Kind weiss: Wenn man ein Gesicht gegen eine Scheibe drückt, dann sieht das nicht gruselig aus, sondern lächerlich.
Und eine letzte Anmerkung zum Film: Kein anderer als ein blutjunger Udo Kier hat hier einen Kurzauftritt.

Für nächstes Jahr ist übrigens ein Remake angekündigt, nachdem ein entsprechendes Projekt schon länger in Planung war — mit Chloë Grace Moretz, Dakota Johnson und Tilda Swinton in den Hauptrollen und mit Luca Guadagnino auf dem Regiestuhl. Guadagnino hat A Bigger Splash gemacht, der einigermassen grossartig war, also darf man wohl gelinde optimistisch sein.

Suspiria
Italien 1977, 101 Min.
Regie: Dario Argento
Drehbuch: Dario Argento, Daria Nicolodi
Mit Jessica Harper, Stefania Casini, Flavio Bucci, Barbara Magnolfi, Udo Kier et al.
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