ZFF 2017: Tiere

Tiere
Regie: Greg Zglinski
Drehbuch: Jörg Kalt, Greg Zglinski
Schweiz/Österreich/Polen 2017; 95 min.
Fokus Schweiz, Deutschland, Österreich/Wettbewerb

Es gibt so Momente, wo ich doch ein bisschen an meinem Verstand zweifle — in erster Linie dann, wenn ein Film von der Kritik und dem Publikum gefeiert wird, der in meinen Augen ganz offensichtlich der hinterletzte Müll ist. Boyhood ist so ein Fall. Oder eben Tiere, der an der vergangenen Berlinale Furore machte und einiges an Lob einheimste. Jetzt läuft das Ding am ZFF im deutschsprachigen Wettbewerb (und anschliessend regulär im Kino).

Wir haben da ein Ehepaar: Er ist Koch, sie Kinderbuchautorin. Die beiden ziehen vorübergehend in eine Berghütte in der französischen Schweiz. Ein Sabbatical. Sie will dort in Ruhe ihr erstes Buch für Erwachsene schreiben, er verfolgt irgendein kulinarisches Projekt.
Währenddessen vermieten die beiden ihre Stadtwohnung an eine Frau, die mit einem Arzt anbandelt. In Wien bleibt auch die Geliebte des Kochs zurück, die ein Stockwerk über dem Ehepaar wohnt.

Nun reihen sich allerlei rätselhafte Ereignisse aneinander; Realität und Traum überschneiden sich ebenso wie die Zeitebenen und alles ist mega symbolisch. Regisseur Greg Zglinski (der ursprünglich aus Polen stammt, aber in der Schweiz lebt und wirkt) nennt im Presseheft David Lynch und Roman Polanski als Vorbilder für Tiere (er meint wohl den Polanski der Ekel-Periode). Das sieht dann zum Beispiel so aus:
Die Kinderbuchautorin stellt sich neben das Ehebett, in dem ihr Mann schläft, und fragt: „Willst du mit mir schlafen?“ Keine Antwort. Daraufhin holt die Frau mit einem Messer aus und ersticht den Ehemann. Doch halt! Es war nur ein Traum des Kochs! Vom Albtraum beunruhigt, dreht er sich zu seiner Frau um. Sie schläft. Als sie nicht auf seine Weckversuche reagiert, nimmt er ein Kissen und versucht sie damit zu ersticken. Doch halt! Es war nur ein Traum der Kinderbuchautorin! Woraufhin ihr eine sprechende Katze erklärt, dass sie gerade träumt. My mind is fucking BLOWN!!!

Am Ende stellt sich dann heraus, dass der Roman, den die Kinderbuchautorin schreibt, die Handlung des Films beschreibt. Oder mit anderen Worten: Tiere ist David Lynch für den Kindergarten. 0/10

Suspiria: Farben, so viele Farben!

Schön: Nach Opera ist jetzt schon wieder ein Dario-Argento-Film in einem Zürcher Kino gelaufen — nämlich Suspiria im Filmpodium. Von 1977 stammt das Ding, es dürfte sich dabei bis heute um Argentos berühmtestes Werk handeln. Ausserdem ist Suspiria der erste Teil seiner Trilogie der drei Mütter, die er mit Inferno (1980) und The Mother of Tears (2007) fortsetzte. Bei diesen drei Müttern handelt es sich um drei mächtige Hexen; im vorliegenden Film haben wir es mit Mater Suspiriorum zu tun, der ältesten und weisesten des Trios. Soweit klar?

Kommen wir zur Handlung: Jessica Harper (Phantom of the Paradise) spielt Suzy, eine junge Amerikanerin, die nach Freiburg im Breisgau reist, um an einer Ballettschule zu studieren. Kaum ist sie vor Ort, sterben haufenweise Leute aus dem Umfeld der Tanzschule. Durchs Band unter grausigen Umständen. Da wird eine Kollegin von Suzy erhängt. Eine andere verblutet, nachdem sie sich in einem Lager von Stacheldraht verfangen hat. Oder da wird ein blinder Pianist, der an der Ballettschule die Musikbegleitung machte, vom eigenen Blindenhund zerfleischt. Irgendwann findet Suzy dann heraus, dass die Leiterinnen der Schule Hexen sind und hinter all den Todesfällen stecken. (Nein, das ist kein Spoiler, denn man muss schon hirntot sein, um nicht frühzeitig darauf zu kommen, selbst wenn man noch nie vom Film gehört hat.)

Argentos Filme sind ja nicht gerade für ihre starke Handlung bekannt, aber selbst für seine Verhältnisse ist Suspiria storytechnisch ein Armutszeugnis. In den Grundzügen erinnert das stark an Rosemary’s Baby (1968) von Polanski — hier wie dort kommt eine junge Frau einer satanischen Gruppierung auf die Spur. Aber wo die amerikanische Version subtil eine Atmosphäre von Paranoia aufbaut und seine Hauptfigur (sowie deren Abgleiten in den Wahnsinn) sortfältig zeichnet, da kriegt Argento nicht mehr hin als eine willkürliche Abfolge von Mordszenen. Welchen Plan genau die Hexen verfolgen, wird nie so ganz klar, Suzy hat keinen nennenswerten Charakter und das Ende ist offensichtlich eine Verlegenheitslösung: Suzy stolpert mehr oder weniger zufällig über die böse Chefhexe und bringt diese mit derselben Schwierigkeit um, mit der ich eine Stubenfliege zerklatsche.

Aber gut, das ist halt Argento: Handlung und Figuren sind für ihn nur eine Ausrede, um ästhetisch ausgefeilten Splatter in Szene zu setzen. Was er dann auch macht, mit sichtlich viel Freude an visuellen Extravaganzen. Hier erkennt man endlich, weshalb Suspiria eine derartige Wirkung hatte: Die barocken Kulissen sind in die buntesten Farben getaucht, dass es ein Fest für die Augen ist. Ein visueller Wirbelsturm, mit dem sich kein noch so aufwändiger französischer Puff messen kann. Ich hatte das Glück, eine aktuell restaurierte Fassung von 2016 zu sehen, deren Ziel es war, die Technicolor-Farben der originalen Kinoversion wiederherzustellen. Und das ist schon beeindruckend.
Dazu kommt dann der Soundtrack von Goblin, der italienischen Experimtenal-Rockband, die fast alle Argento-Filme vertont hat. Suspiria ist der Höhepunkt aus deren Schaffen — man höre sich nur mal das Titelthema an.

Am Rande sei erwähnt, dass die Todesszenen bei allem Detailreichtum mitunter ganz schön albern werden können. Die oben erwähnte Frau, die im Stacheldraht landet, wäre nicht auf die Art gestorben, hätte sie vorher geguckt, wohin sie eigentlich springt. (Tatsächlich stellt sich die Frage, wie zum Teufel sie das übersehen konnte.)
Ein andermal drückt eine Unterhexe ein Opfer gegen ein Fenster — aber wie jedes Kind weiss: Wenn man ein Gesicht gegen eine Scheibe drückt, dann sieht das nicht gruselig aus, sondern lächerlich.
Und eine letzte Anmerkung zum Film: Kein anderer als ein blutjunger Udo Kier hat hier einen Kurzauftritt.

Für nächstes Jahr ist übrigens ein Remake angekündigt, nachdem ein entsprechendes Projekt schon länger in Planung war — mit Chloë Grace Moretz, Dakota Johnson und Tilda Swinton in den Hauptrollen und mit Luca Guadagnino auf dem Regiestuhl. Guadagnino hat A Bigger Splash gemacht, der einigermassen grossartig war, also darf man wohl gelinde optimistisch sein.

Suspiria
Italien 1977, 101 Min.
Regie: Dario Argento
Drehbuch: Dario Argento, Daria Nicolodi
Mit Jessica Harper, Stefania Casini, Flavio Bucci, Barbara Magnolfi, Udo Kier et al.

Fantoche 2017: Fisch, Katze, Dino

Letzte Woche war Fantoche – siehe meine Vorschau beim Züritipp. Ich hab mich dann auch höchstselbst nach Baden begeben, um mir möglichst viel anzugucken. Die offiziellen GewinnerInnen der Jury- und Publikumspreise sind allesamt hier aufgeführt, im Folgenden weise ich auf meine persönlichen Festival-Lieblinge hin.

L’acteur
Die Retrospektive war dieses Jahr dem französischen Animationsfilmer Jean-François Laguionie gewidmet, der seit über fünfzig Jahren in der Branche werkelt. Neben seinen letzten beiden Langfilmen Louise en hiver und Le Tableau sowie einem Dokumentarfilm über den Mann, gabs auch einen Programmblock mit Kurzfilmen. L’acteur (1975) ist die grandiose kleine Geschichte eines Theaterschauspielers, der sich vor einer Aufführung Spiegel schminkt, sich nach der Aufführung wieder abschminkt und anschliessend nach Hause geht. Wir sehen zum grössten Teil nicht mehr als das Gesicht des Schauspielers im Spiegel, und doch ist L’acteur aussergewöhnlich fesselnd und berührend.

Nachtstück
Regisseurin Anne Breymann erzählte im kleinen Q&A vor der Vorstellung, dass zwei Dinge ihr die Idee für ihren Kurzfilm gaben: Zum einen das Glücksspiel, zum anderen Steinmännchen. In Nachtstück gehts dann auch um Waldgeister, die sich nächstens auf einer Lichtung treffen, um gegeneinander zu spielen. Dies sind die Regeln: Man würfelt mit einer Handvoll Steinchen und knallt den Würfelbecher schliesslich auf den Tisch. Wer dabei das höhere Steinmännchen produziert, hat gewonnen. Bei den zwei Spielern in der Geschichte geht es dann sehr schnell um alles oder nichts. Sehr spannend, sehr atmosphärisch.

Negative Space
Während ein Mann zur Beerdigung seines Vaters geht, reflektiert er über sein Verhältnis zu diesem. Andere Väter und Söhne bauen zum Beispiel über die Beschäftigung mit Autos eine Beziehung auf, beim Ich-Erzähler und seinem Vater hingegen war es das Packen von Koffern.
Max Porter und Ru Kuwahata haben hier ein kleines Meisterwerk klassischer Erzählkunst hinbekommen: Sie übermitteln dem Publikum alle nötigen Informationen auf denkbar eleganteste Art und Weise*, finden einige wunderschöne Bilder** und beenden ihren Film mit einer simplen, aber genialen Pointe, für die es beide Male, als ich den Film sah, spontanen Applaus von den Zuschauern gab.

* Beispiel: Beim Blick in die Vergangenheit sehen wir die Mutter mit einer Zigarette in der Hand. In der Gegenwart sehen wir dann eine alte Frau in Trauerkleidung — als wir die Zigarette in ihrer Hand entdecken, identifizieren wir sie sofort als die Mutter. So banal das klingen mag, es ist vor allem ein tolle Nutzung von Bildsprache.
** Beispiel: Da fantasiert der Ich-Erzähler mal das Innere eines Koffers als Ozean, wo die Meerestiere Unterhosen oder Hemden sind.

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