Lanz

Die unerträglichen Probleme der Pubertät

Lanz ist ein vierzehnjähriger Oberstufenschüler. In der letzten Woche vor den Ferien findet in der Schule eine Projektwoche statt. Er meldet sich zu einem Projekt an, in dem die Schüler während einer Woche einen Blog schreiben sollen. Lanz tut das, nicht weil er sich für das Schreiben sondern für die Mitschülerin Lynn interessiert, die ebenfalls am Projekt teilnehmen solle. So far, so fad. Weiterlesen

„Die Mauer ist gefallt!“

The Coldest City vs. Atomic Blonde: Vom Bücherregal auf die Leinwand

Diese Woche ist Atomic Blonde in den Zürcher Kinos angelaufen. Charlize Theron spielt eine britische Agentin, die im Berlin von 1989 nach einem Mikrofilm sucht, sich dabei durch Reihen von Gegnern prügelt und eine Affäre mit einer Französin beginnt. Theron ist eine Wucht, die Zweikämpfe sind brutal und und die Filmemacher tragen dick mit dem Style der 80er auf: New-Wave-Pop, Neonfarben, modetechnische Grässlichkeiten. Als hätte Niclas Winding Refn (Drive) für ein Mainstream-Publikum gedreht. Schlicht und einfach wundervoll. Meine ausführliche Meinung gibts hier beim Züritipp.

Nun basiert Atomic Blonde auf einem Comic namens The Coldest City, und weil mir der Film so gefällt, hab ich mir die Vorlage geholt. Das hätte ich mir sparen können: Die Verfilmung hat nur noch am Rande mit dem Comic zu tun, der für sich genommen wenig bemerkenswert ist. Aber aus dem Vergleich lassen sich einige spannende Einblicke in den Adaptionsprozess ableiten.
Aber zunächst ein paar Sätze zum Comic selbst:

 
Die Künstler

Der Brite Antony Johnston (Skript) ist kein Unbekannter in der Welt des Comics und der Videospiele. Er schrob für die Daredevil-Serie, textete Wolverine: Prodigal Son (eine Version des Marvel-Helden im Mangastil), adaptierte Gedichte und Prosa von Alan Moore für Comics, und von seiner Comicserie Wasteland habe sogar ich schon gehört. Ausserdem war Johnston Schreiberling bei den Dead Space-Games.

Die Bilder lieferte Sam Hart, wie Johnston ein Brite, lebt allerdings in Brasilien. Er hat für Judge Dredd und eine Comicversion von Starship Troopers gezeichnet, hat ansonsten aber eine heftige Faszination für historische Figuren, wie mir scheint: Outlaw — The Legend of Robin Hood, Excalibur — The Legend of King Arthur , Messenger – The Legend of Joan of Arc (aktuell arbeitet er an einem Comic über Grace O’Malley, die irische Piratenkönigin).

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Commando: Let off some steam

Cooke: You scared, motherfucker? Well, you should be, because this Green Beret is going to kick your big ass!
Matrix: I eat Green Berets for breakfast. And right now, I’m very hungry!
Cindy: I can’t believe this macho bullshit …

Commando ist ein Meisterwerk des Actionfilms, einer der besten Filme aller Zeiten und etablierte Arnold Schwarzenegger endgültig als muskelbepackten Actionhelden, der reihenweise One-liner von sich gibt. (Damals hatte er eben erst seinen Durchbruch mit den beiden Conan-Filmen und The Terminator.)
Schwarzenegger ist hier John Matrix (!), einst Leiter eines Spezialkommandos, jetzt aber im Ruhestand. Da entführen böse Leute seine Tochter (gespielt von einer blutjungen Alyssa Milano, die gerade eben in Who’s the Boss? angefangen hatte. Embrace of the Vampire und Charmed waren noch ein paar Jahre hin.) Die Lumpenhunde stellen Matrix vor die Wahl: Entweder, er reist sofort gen Lateinamerika ab, um ein bestimmtes Staatsoberhaupt zu töten – oder er kriegt das Mädchen per Post in Einzelteilen zugeschickt.
(Die Filmlogik will es, dass Matrix und sein Team einst einen Diktator ab- und einen guten Demokraten an seine Stelle setzten. Wie es die USA in Südamerika halt stets gemacht haben. Nun will der Diktator seinen Posten zurück.)
Die Schufte setzen Matrix in ein Flugzeug, er springt jedoch während des Startes ab, nachdem er seinen Bewacher heimlich das Genick gebrochen hat. (Zur Stewardess: „Don’t disturb my friend, he’s dead tired.“) Jetzt hat er genau elf Stunden, bevor das Flugzeug am Reiseziel ankommt und sein Manöver auffliegt. Bis dahin muss er die Spitzbuben ausschalten und seine Tochter finden. Immerhin hilft ihm dabei die Flugbegleiterin Cindy (Rae Dawn Chong).

Hier einige Bemerkungen zum Film:

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Locarno 2017: Jacques Tourneur – Kurzfilme

Das PalaCinema ist nicht die einzige bauliche Änderung: Zu meinem tiefen Entsetzen musste ich feststellen, dass irgendwelche Unmenschen das Ex*Rex umgebaut haben. Die alten und abgewetzten, aber coolen weissen Ledersessel von einst wurden gegen neue, rote ausgetauscht. In so einer Umgebung kann man doch keine Retrospektiven zeigen! Noch schlimmer: Das Ex*Rex heisst jetzt GranRex. Und das prangere ich an.

 
Kurzfilme von Jacques Tourneur
USA, diverse
Retrospettiva

Die diesjährige Retrospektive ist Jacques Tourneur gewidmet, der so einige Meisterwerke des Horrorfilms schuf: Cat People (1942), I Walked with a Zombie (1943), Night of the Demon (1957) und mehr.
Aber die Retrospektive präsentiert auch sein restliches Zeug, die Kurzfilme zum Beispiel, die er von 1936 bis 1942 für MGM inszenierte, Auftragsarbeiten unterschiedlicher Art:
Propagandafilme wie Yankee Doodle Goes to Town (Sinngemäss: „Hört nicht auf die Pessimisten, wir werden den Zweiten Weltkrieg schon überstehen.“).
Kurzdokus über den Mann in der eisernen Maske oder über den Fluch und Segen des Radiums (die damaligen Hoffnungen in das Element als Heilmittel haben sich im Rückblick irgendwie nicht erfüllt).
Oder kuriose Storys wie Killer Dog (Parodie auf sensationalistische Berichterstattung: ein Hund wird vor Gerichts des Mordes an Schafen angeklagt) oder The Incredible Stranger (das Highlight des Programmblocks; mehr sag ich dazu gar nicht, schaut euch das Ding mal an, wenn ihr die Gelegenheit erhaltet, husthustyoutubehust). Sehr witzig ist auch The Grand Bounce.

Die Inszenierung ist immer ungefähr dieselbe: Die (durchaus aufwändigen Bilder) bleiben weitgehend stumm, abgesehen von der Musik und der Stimme eines Erzählers. Drei oder vier Beispiele stammten aus der MGM-Serie The Passing Parade, gesprochen vom damals wohl ziemlich bekannten John Nesbitt.
Lustiges Detail am Rande: In einigen der Kurzfilme wird Jacques Tourneur als „Jack Tourneur“ geführt (immerhin nicht als „Jack Turner“).

Als letztes im Programmblock kam Films de famille: schlicht ein Zusammenschnitt von Homevideos aus dem Privatzbesitz der Familie Tourneur. Da sieht man einen Segelausflug, den Weihnachtsbaum im Wohnzimmer oder wie Tourneurs Frau ein Reh füttert. Packend, fesselnd, zum Nachdenken anregend. Am bemerkenswertesten ist noch, dass John Kelly, der in The Grand Bounce einen Boxer spielte, beim Segelausflug dabei war.
Auf 16mm gedreht, sind die Aufnahmen tonlos – doch bei der Aufbereitung haben sich irgendwelche Tonfragmente hineingeschlichen; ein dumpfen, maschinelles Stampfen und Dröhnen, das sich wie eine Vorform der Nine Inch Nails anhört. Zusammen mit den Homevideobildern ergibt das einen Effekt des totalen existenzialistischen Grauens.

Apropos Projektion: Wer auch immer in der Projektionskabine hockte, hatte anscheinend einen schlechten Tag, denn es gab eine ganze Reihe von Ton- und Bildausfällen. Es war aber amüsant, nach dem x-ten Mal an die zweihundert Leute gleichzeitig resigniert seufzen zu hören.

Filmfestival Locarno 2017: Verão Danado

Holy FUCK, ist es dieses Jahr heiss in Locarno! Wenn man ein Kino verlässt, fühlt es sich an, als würde man aus einer Tiefkühltruhe in einen aktiven Vulkan springen. Zwei Schritte in der Sonne und BAMM!, man verzischt in einer Dampfwolke. Passend also, dass ich mir als erstes einen Film angesehen habe, dessen Titel auf Deutsch soviel heisst wie Verdammter Sommer.

 
Verão Danado
Regie: Pedro Cabeleira
Portugal 2017, 128 Min.
Concorso Cineasti del presente

Da dieser Film von einer Generation handelt, die ziellos vor sich hindümpelt, darf es wahrscheinlich nicht wundern, dass auch die Handlung ziellos vor sich hindümpelt. Sie folgt Chinco (Pedro Marujo), der nach seinem Philosophie-Studium ohne Job dasteht. Statt Bewerbungen rauszuhauen oder zu Bewerbungsgesprächen zu gehen, hängt er mit Kumpels herum, nimmt Drogen und geht zu Partys. Das wird bald einmal repetitiv (noch eine Party und noch eine Party und noch eine Party …) und zieht sich bei einer Laufzeit von über zwei Stunden arg in die Länge.

Regisseur Pedro Cabeleira kam fast mit seinem gesamten Team an die Vorführung. Für einen Grossteil der Crew (auch für Cabeleria selbst) war Verão Danado der erste Spielfilm. Wie die Anwesenden erklärten, stand während des Drehs zwar das Grundgerüst der Story, die Szenen an sich waren aber zu einem Grossteil improvisiert – und den Eindruck macht das Ergebnis dann auch. Nichts als ewig lange, ausgewalzte Szenen, in denen irgendwelche Leute irgendwelchen Unsinn plappern oder in irgendwelchen Clubs herumhampeln. Ähnlich wie Sebastian Schipper in Victoria, so versuchen auch Cabeleria und Co. den Charme von feuchtfröhlicher Zusammenkünfte einzufangen, aber hier wie dort gilt: Von aussen betrachtet nervt besoffenes Geschwätz bloss.

Und was noch schlimmer nervt: Cabeleria ist ein grosser Fan von Stroboskopeffekten. Mehr als einmal musste ich mir eine Hand vors Gesicht halten, weil mir das verdammte Geblinke selbst noch bei geschlossenen Augen in denselben weh tat.
Wie Cabeleira erklärte, wollten er und seine Freunde ein junges, alternatives portugiesisches Kino machen, jenseits von öffentlicher Finanzierung und von hergebrachten Konventionen. Ein Film, der zu einem guten Teil buchstäblich unansehbar ist – das ist nun wirklich unkonventionell.

Ich scheine nicht der einzige gewesen zu sein, der mit Cabelerias Vision wenig anzufangen wusste, denn immer wieder schienen Smartphone-Screens auf (was mich bei einer anderen Aufführung genervt hätte, hier aber nicht, nur schon deswegen, weil auch die Figuren im Film die ganze Zeit am Telefon hängen), und es gab einen steten Strom von Zuschauern, die den Saal verliessen. Andererseits waren da am Ende auch viele, die begeistert geklatscht haben, und als das Q&A losging, meinte einer aus dem Publikum: „Ich verneige mich demütig vor dem Talent, das sich hier gezeigt hat.“ Und: „[Der Film] ist pure Grossartigkeit.“ Also hört nicht allein auf mich.

Im Übrigen fand ich längst nicht alles schlecht an Verão Danado, insbesondere das Tondesign gefiel mir: Immer wieder wird da an der Tonmischung herumgedreht, um allerlei faszinierende Effekte hinzubekommen. Da tanzt zum Beispiel Chinco mit einer Frau im Club, wobei die stampfende Musik allmählich derart extrem in den Bass kippt, dass sie kaum noch hörbar, fast nur noch zu spüren ist. Und wenig später, immer noch in der Clubszene, herrscht einmal plötzlich totale Stille, woraufhin ein Geigensolo einsetzt.
Surreale Elemente wie diese sagen mir zu. Nur nicht am Ende, wo wiederum während einer Clubszene der Ton wegfällt und stattdessen eine Stimme zu hören ist, die auf Englisch ein Gedicht vorliest, das ebenso pathosgetränkt und selbstherrlich wie flach ist – sowas bezeichnet man in Fachkreisen als prätentiöse Kümmelkacke.

Nochmals im Übrigen: Verão Danado lief im PalaCinema, dem brandneuen Multiplex, das an die Piazza Grande anschliesst. Endlich gibts in Locarno einen grossen Kinosaal mit bequemen Sitzen (die Plastikstühle im FEVI oder im Sala und Altra Sala hält ja kein Hinterteil aus). Zudem bleibt zu hoffen, dass das Festival nun die Zuschauermassen etwas besser in den Griff kriegt.

Riga: Jugendstil, Impressionismus und Falstaff

Es hilft, sich Folgendes vor Augen zu führen, immer wenn man irgendwohin reist: Du bist bloss ein doofer Tourist, also pass auf mit vorschnellen Urteilen. Beispiel: Als wir in Riga ankamen, hats geregnet, und tags drauf auch. Ich also: „Okay, das ist dann wohl der typische baltische Sommer.“
Ein Ortsansässiger, den wir über eine Bekannte kennenlernten und der uns nicht nur vom Flughafen abholte, sondern auch einmal einen halben Tag in der Stadt herumführte, stellte richtig, dass Lettland normalerweise durchaus tolles Sommerwetter hat. Es ist nicht die Arktis. Man denke nur mal daran, dass Jurmala – ein Städtchen, 25 km westlich der Hauptstadt – einer der beliebtesten Badeorte der Sowjetunion war. Und siehe da: Sobald es aufhörte zu regnen, wurde es in Riga so richtig sonnig und heiss.

Anderes Beispiel: Uns fiel auf, dass die Altstadt voll war mit Etablissements amerikanischer Ketten sowie mit amerikanisch inspirierten Lokalen. Subway. KFC. T.G.I. Friday’s. Pizza Hut. Ribs & Rock. Crazy Donuts. Pubs und Steakhäuser noch und nöcher. Eine Bar mit den Namen Moonshine. Kommt hinzu, dass wir in unserer Zeit in Riga nur einen einzigen Letten trafen, der kein Englisch konnte.
Ich ging also davon aus, dass die Letten nach dem Ereichen der Unabhängigkeit 1990 einen heftigen Tick für den Westen entwickelten. Aber auch hier rückte der erwähnte Ortsansässige meine Vorstellung gerade und sagte, es verhalte sich eher so, dass internationale Firmen Lettland nach dessen EU-Beitritt 2004 überrannt hätten. Die ganzen Subways und Co. seien eine relativ junge Entwicklung, und in ganz Lettland gibts nur diesen einen Pizza Hut, den wir da sehen. Wieder was gelernt.

Behaltet das also im Hinterkopf, wenn ich nun schreibe: Hier sind unsere Eindrücke von Riga.

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