Notizen aus Prag

 Folgender Text enthält definitiv Spuren von Sarkasmus und Zynismus. Der Autor möchte darauf hinweisen, dass er keinen Therapeuten braucht und sich des Lebens erfreut. Manchmal.

Prag, 20.6-23.6

  • Sonnenschein, heisse Temperaturen, Touristenmassen. Eindrücke eines dreitägigen Aufenthaltes in Prag mit einer Reisegruppe. (Mea culpa, mea maxima culpa!) Altersdurchschnitt: Mitte fünfzig?
     
  • Das Antlitz des real-existierenden Kapitalismus ist in Prag dasselbe wie in Paris oder Rom. (Souvenirs, Krimskrams, spektakularistisch konstruierte „Sehenswürdigkeiten“.)
     
  • Vielleicht ist Prag das Paris des ehemaligen Ostblocks. In wievielen Jahren wird die Karlsbrücke zusammenzubrechen drohen unter der Last der von Liebespaaren angebrachten Schlössern?
     
  • Wenn sich ein solches Paar trennt, fährt eine/r der beiden nach Prag, findet das Schloss, welches sie damals anbrachten, und fräst es ab?
     
  • In vielen Restaurants werden die Touristen mit der Gleichgültigkeit behandelt, die sie verdienen.
     
  • Eine Spezialität schweizer TouristInnen: nur sie können sich auf einer Pauschal-Reise auch noch so angenehm wohltätig fühlen: schliesslich sind die armen bedauernswerten Menschen auf ihr Geld angewiesen. Gut, gibt’s die Schweizer Touristen.

 

Familienurlaub

  1. Aus der Serie Fragen, die man sich plötzlich stellt: ist meine kath. Mutter vielleicht latent anti-semitisch, weil sie weder die altneue Synagoge besuchen wollte noch mit meinem Vorschlag, im jüd. Restaurant essen zu gehen, etwas anfangen konnte? Für beides wusste sie keine Begründung zu geben, so blieb es bei einer seltsamen Abneigung.
  2. Auf einmal dann: „Ja aber jüdisch essen kann man doch auch woanders, warum ausgerechnet in Prag?“ – Sagte sie, während wir in der Josefstadt, also dem ehemaligen jüdischen Ghetto Prags, standen.
  3. Wie beschrieben, hätten keine zehn Pferde meine Mutter in die Synagoge gebracht. Nach dem Besuch der riesigen St. Veits-Kathedrale auf dem Hradschin hatte sie allerdings noch nicht genug und hätte am liebsten sämtliche Kirchen Prags abgeklappert.
    Exkurs: Mein Vater erzählte mir, als sie letztes Jahr auf einer gemeinsamen Reise in Holland waren, dass sie unbedingt eine bestimmte Kirche besuchen wollte. Flugs sei sie hineingestürmt – und kurz darauf wieder herausgekommen, da sie drinnen gemerkt habe, dass es sich um eine reformierte Kirche handelt.
  4. Erkenntnis: Wenn es Dir gefällt, ist es niemals Kitsch. Kitsch ist immer nur der Kitsch der andern.
  5. Was meiner Mutter gefällt, macht mich schaudern.

 

Milena Jesenská

Milena Jesenská (geboren am 10. August 1896 in Prag, Österreich-Ungarn; gestorben am 17. Mai 1944 im KZ Ravensbrück) war eine tschechische Journalistin, Schriftstellerin und Übersetzerin; sie gehörte zum engeren Freundeskreis des Romanciers Franz Kafka. […]
1931 trat Milena Jesenská der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei bei. Aufgrund einer kritischen Äußerung über den Stalinismus wurde sie 1936 aus dieser Partei ausgeschlossen. In einem Brief an Olga Scheinpflugová schrieb Jesenská dazu: „die Menschen aus dem kommunistischen Apparat sind das schlimmste, was ich auf der Welt kenne … jeder, der selbständig denken will – wird sofort beseitigt.“

Sie wurde Kommentatorin der liberal-demokratischen Kulturzeitschrift Přítomnost (Gegenwart). Wenig später gelang es ihr nach acht Jahren Morphiumsucht, sich innerhalb von zwei Wochen davon zu befreien.

Nach der durch das Münchener Abkommen erfolgten Okkupation durch das nationalsozialistische Deutsche Reich und anschließender Zerschlagung der Rest-Tschechei schloss sie sich 1939 dem antifaschistischen tschechoslowakischen Widerstand an. Sie nahm die illegale Arbeit bei der Zeitschrift V boj (In den Kampf) auf und organisierte die Flucht von Juden und jüdischen und nichtjüdischen Emigranten aus der Tschechoslowakei. Sie half Funktionären der KPTsch, sich vor der Gestapo zu verstecken. Im November 1939 wurde sie von der Gestapo verhaftet und in das Dresdner Untersuchungsgefängnis gebracht. Es folgte ein Prozess in Dresden, der mit einem Freispruch endete. Dennoch wurde sie „zwecks Umerziehung“ ins KZ Ravensbrück deportiert (Quelle: Wikipedia)

Obwohl gebürtige Pragerin, erinnert nicht einmal eine Tafel an ihr Leben.

  1. Sofern der Name irgendjemandem überhaupt etwas sagt, wird sie oft nur als „Kafkas Freundin“ vorgestellt.
  2. Will man etwas über Milena Jesenská erfahren, muss man – wie sollte es auch anders sein – ins Kafka-Museum. Dort findet man eine(!) Vitrine zu ihrem Leben.
  3. Sofern ihre Bücher zum Verkauf angeboten werden (im Museum und in der universitären Buchhandlung), sind sie nur auf Tschechisch verfügbar. Von Kafka und Kundera werden freilich Übersetzungen in die Sprachen aller Herren Länder angeboten. (Pun intended.)

(Eventuell ist das tschechische Literatur-Museum informativer; für dieses reichte die knappe Zeit leider nicht aus.)

 

Historie

  1. Geschichte existiert in Prag als Kulisse und ferne Vergangenheit. So fanden wir auf unseren Exkursionen während der Fahrt nach Prag heraus, dass sich auch in Mitteleuropa Adlige gerne die Köpfe einschlugen, zum Leidwesen der Bevölkerung.
  2. Führungen durch aristokratische Gebäude sind die fortgesetzte Repräsentation repräsentationssüchtiger Adligen.
  3. Schweizer TouristInnen bemitleiden auf der Jagd „zufällig“ Erschossene Thronfolger und „tragisch“ ums Leben gekommene Fürstinnen. Das Elend der Bev. spielt keine Rolle, da es nicht erwähnt wird.
  4. Das 20. Jh. ist ein weisser Fleck auch bei den ReiseleiterInnen. Dabei würden sich doch sicher gerade Schweizer darüber freuen zu hören, wie gut es sei, dass der böse Komm. verloren hat und jetzt auch die Tschechen in den Genuss freier Marktwirtschaft kommen.
    (Eine erstaunliche Ausnahme bildete unsere Stadtführerin – no pun intended – in Linz, wo wir einen Nachmittag lang waren. Sie thematisierte hemmungslos die NS-Zeit und Hitler.)
  5. Exkurs: In Linz steht ein NS-Bau, den Hitler hat errichten lassen. Heute befindet sich darin die Linzer Kunstuniversität. Die Ironie ist den meisten allerdings entgangen.
  6. In Prag gibt es ein privat betriebenes mittelkleines Museum über „den“ Kommunismus. Es liegt direkt neben einem Casino.
    Mehr oder weniger interessant sind Informationen und Exponate zum tschechischen Alltag nach 1945. Sobald es politisch wird oder um West-Ost-Vergleiche geht, wird es allerdings diffus bis surreal: Einigermassen subtil wird der Westblock als das Paradies dargestellt – während im Museum-Shop Kerzen in der Form von Stalins Büste verkauft werden.
    Überhaupt ist das Gästebuch das faszinierendste Objekt des Museums. „Thanks for the US-Propaganda.“ (Kein Hinweis auf Ironie.) Ein griechischer Besucher rechnet in seinem Eintrag den Tschechen vor, was für ein gewaltiger Fehler es war, den Kapitalismus anzunehmen.
  7. Etwas ausserhalb des Stadtkerns, aber in unmittelbarer Nähe einer Metrostation befindet sich der neue-jüdische Friedhof, wo sich auch die Gräber Franz Kafkas und Max Brods befinden. Dennoch war der Friedhof nicht überrannt; es hatte kaum Besucher, als ich dort war. (N.B. Kafka ist nicht der Goethe Prags – dafür wird er zum Glück viel zu wenig inszeniert.)
    An der Wand, der entlang man zu den besagten Gräbern läuft, hängen Tafeln, die jüdischen Künstlern gedenken, die im KZ Terezin/Theresienstadt umgekommen sind.
    Will man in Prag der Geschichte des 20. Jahrhunderts begegnen, ohne in ein Museum zu gehen, kommt man um den neuen-jüdischen Friedhof wohl kaum herum.

 

Fazit

Ist Prag zu meiden? Nein, überhaupt nicht. Aber am sinnvollsten ist es, im Frühling oder Herbst zu reisen (Sommer: Hitze und Menschenmassen) und alleine oder mit Freunden — Reisegruppen sind eine Erfindung des Teufels. Und man sollte Prag Respekt zollen, indem man sich für diese Stadt die Zeit nimmt, welche sie verdient.
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