New York #5: Kulturprogramm

Unseren Besuch der Late Show with Stephen Colbert hab ich ja schon geschildert. Hier ist, was wir in Sachen Kultur sonst noch so unternommen haben.

 
Sleep No More

Das Highlight unseres Aufenthalts. Ursprünglich 2003 in London entwickelt, kam das Stück 2011 nach New York. Die Ausmasse sind beeindruckend: Mehrere Stockwerke des McKittrick Hotel wurden in eine Theaterlandschaft umgebaut. (Wir sind einfach nur fürs Stück hin, man kann aber auch im Hotel absteigen.)
Jedenfalls fängt man in der Hotelbar an, wo man eine Spielkarte in die Hand gedrückt bekommt. Die Leute mit derselben Karte werden dann irgendwann aufgerufen (wenn man also mit jemandem hingeht, besteht eine gute Chance, dass man getrennt wird) und erhalten jeweils eine Maske. Mit dieser auf dem Kopf wird man ins Treppenhaus und damit ins Stück entlassen.
1. Anmerkung am Rande: Man kann an der Bar Drinks bestellen, darf diese dann aber nicht mitnehmen. Wenn nun die eigene Spielkarte aufgerufen wird, man aber noch nicht ausgetrunken hat: Keine Panik. Man leere in aller Seelenruhe sein Glas — man kann immer noch mit der nächsten Gruppe mit. „Don’t rush a good thing“, wie mir der Gastgeber sagte.
2. Anmerkung am Rande: Mit Brille sind die Masken etwas unbequem. Im Zweifelsfalle Kontaktlinsen reinmechen.

Man kann sich auf den Stockwerken frei bewegen und die ausufernden Kulissen auf eigene Faust auskundschaften. Da findet man sich plötzlich in einem Friedhof wieder, in einem verlassenen Irrenhaus oder in einem einsamen Wald. Dabei läuft man immer mal wieder den Schauspielern über den Weg, denen man nach Belieben folgen und zuschauen kann. Ab und zu greifen sich die Figuren einen einzelnen Zuschauer heraus — der Typ im Süssigkeitenladen zum Beispiel gibt einem ein Bonbon. Hat man die Geduld, kann man sogar in herumliegenden Tagebüchern oder Akten den Hintergründen der Handlung nachgehen.
Am besten kann man Sleep No More wohl als Horrorgame in real bezeichnen.

Ich würde lügen, täte ich behaupten, ich hätte das Stück verstanden. Angeblich basiert es auf Macbeth, interpretiert durch die Linse von Hitchcock (inklusive Musik aus seinen Filmen). Kostüme und Kulissen haben also einen 40er/50er-Drall, erinnern aber auch englischen Gothic Horror. Die Figuren sprechen nur selten, drücken sich vor allem in (teils beängstigend artistischen) Choreographien aus — was zur surrealen, traumwandlerischen Atmosphäre von Sleep No More beiträgt. Mehr als einmal musste ich an David Lynchs Werk denken. Und ja, man findet in der Inszenierung ebenso Gewaltexzesse wie sexuelle Perversitäten. Nichts für Zartbesaitete.

Über das Stück gibt es übrigens auch einen Gag von Stand-up-Comedian Hannibal Buress.

 
„King Arthur: Legend of the Sword“ im Regal am Timesquare

Klar, es ist schon ein bisschen witzlos, in einem fremden Land ins Kino zu gehen, allzumal in einen solchen Film — King Arthur: Legend of the Sword hätten wir genau so gut in Zürich gucken können. Aber an jenem Abend waren wir zu müde für etwas Anderes und wenn man sich schon mal im Geburtsland der modernen Kinoevent-Anlage aufhält, kann man sich doch auch mal die amerikanische Multiplex-Erfahrung geben.

Nun, viel anders als im durchschnittlichen Schweizer Multiplex wars nicht. Bloss, dass in den USA freie Platzwahl herrscht und man sich nicht mit nervigen Untertiteln herumschlagen muss. Das mit der freien Platzwahl war in diesem Fall eh egal, weil der gigantische Kinosaal beinahe leer war — kein Schwein hat sich für KA: LotS interessiert, obwohl der Film just in dieser Woche neu gestartet war. Nicht, dass das schade wäre: KA:LotS ist geradezu schockierend scheisse.

Grob gesagt, hat Guy Ritchie (Snatch, Sherlock Holmes) versucht, eine Fantasystory frei nach der König-Arthur-Legende aufzumotzen, indem er sie erzählt wie seine Gangsterfilme — also mit vielen Regiesperenzchen (Zeitsprünge, Zeitraffer und so) und Figuren, die die ganze Zeit herumprollen wie irgendwelche Hooligans.
Geradeheraus erzählt wäre Kalots einfach ein banaler, konsequent unorigineller Fantasyfilm gewesen, wie sie seit dem ersten Lord of the Rings zu Abertausenden in die Videotheken gespült werden. (Der originellste Bildeinfall aus Kalots sind ein paar Kriegselefanten, die Ritchie natürlich aus The Return of the King geklaut hat.)
Ritchie versucht aber derart verzweifelt, cool zu erscheinen, dass ihm jegliches handwerkliches Können entgleitet — so beginnt Kalots mit einer ewig langen, zähen exposition dump, die jeglichen Enthusiasmus erstickt, den das Publikum allenfalls hätte haben können. Und Richie schafft es immer wieder, emotionale Momente derart auseinanderzureissen, dass ihnen jeglicher impact verloren geht.

Der absolute Tiefpunkt ist allerdings Jude Law als Bösewicht. Anscheinend völlig im Stich gelassen vom Regisseur, beschränkt sich seine Schauspielerleistung auf sinnloses Herumbrüllen. Meistens flucht er einfach wie ein cholerischer Vierjähriger, der gerade das Wort „fuck“ für sich entdeckt hat. Zum Fremdschämen.

 
Metropolitan Museum of Art (Met)

Das Met ist das grösste Kunstmuseum der USA und schon deswegen einen Besuch wert, weil man vom Dachgarten aus eine tolle Aussicht auf den Central Park und die umliegenden Wolkenkratzer hat. Im Übrigens kann man selbst bestimmen, wieviel man für den Eintritt bezahlt (man muss bloss seine Scham überwinden, sich den Angestellten an der Kasse gegenüber als Geizkragen zu offenbaren).

Den Kunstbegriff fasst das Met ziemlich weit — neben Gemälden und Plastiken kann man sich dort auch ethnologische und dekorative Ausstellungen ansehen. In einem Flügel befindet sich beispielsweise ein ganzer verdammter ägyptischer Tempel, anderswo kann man sich ansehen, wie reiche Amerikaner in den 30ern ihre Schlafzimmer eingerichtet haben oder wie Designer Aussenbootmotoren gestaltet haben.
Am meisten interessierte mich aber die Malerei. Und hier stellte sich heraus, dass die Amis eine leicht andere Perspektive auf die Kunstgeschichte haben. Zum Beispiel: Zwar kennt man drüben durchaus die europäischen Impressionisten, legt dann aber das Augenmerk auf amerikanische Impressionisten wie John Singer Sargent, die bei uns auf dem alten Kontinent weitgehend unbekannt sind.
Am offensichtlichsten sind die Unterschiede in den historischen Gemälden und in der Landschaftsmalerei: Wo man bei uns Napoleon gemalt hat, war bei ihnen Washington der grosse Star. Wo man bei uns italienische Ebenen und deutsche Wälder gemalt hat, hat man in den USA den Wilden Westen dargestellt — und bei aller Liebe zu Europa: Die amerikanischen Maler konnten eine Wildnis abmalen, die es in Europa schon damals nicht mehr gab, als die Landschaftsmalerei erfunden wurde. Da erblickt man eine Natur, bei der man sich als Mensch nun wirklich ganz klein und verloren vorkommt.

Apropos John Singer Sargent: Ein ganzer Raum war seiner Porträtmalerei gewidmet, und gerade wegen des impressionistischen Einflusses sind dass die lebendigsten Porträts, die ich jemals gesehen habe.
Mein liebstes Gemälde im ganzen Museum ist aber dieses Porträt, das John Steuart Curry 1939 von John Brown malte (eine historische Figur, die sich im 19. Jahrhundert für die Abschaffung der Sklaverei mit Waffengewalt einsetzte). Es gibt auch eine spätere, erweiterte Version des Gemäldes, in dem John Brown allerdings nicht ganz derselbe Grad an gottgegebener Wut aus dem Gesicht spricht.

 
Solomon R. Guggenheim Museum

Etwas enger ist die Perspektive des Guggenheim-Museums, das auf der Privatsammlung von Solomon R. Guggenheim gründet. Ursprünglich war er ein Fan der Alten Meister, verlegte seine Sammlertätigkeit schliesslich aber auf zeitgenössische abstrakte Kunst vor allem aus Europa — auf Anraten der deutschen Künstlerin Hilla von Rebay. So hatte Guggenheim einen Haufen Kandinskys gekauft.
1939 gründete Guggenheim eine Stiftung, 1959 wurde das Museumsgebäude an der Upper East Side eröffnet. Das ist ein Rundbau, in dessen Innerem sich eine spiralförmige Rampe nach oben windet; an den Wänden und in kleinen Nischen sind dann die Gemälde aufgehöngt und Plastiken aufgestellt. Ab und zu führt ein Korridor in Ausstellungsräume im Nebengebäude.
Eine spektakuläre Architektur, die für sich allein schon viel Publikum anzieht.

Als wir da waren, gabs unter anderem eine Spezialausstellung von Anicka Yi. Die Künstlerin macht schräges Zeug mit biologischen Elementen. Da sah man zum Beispiel einen möblierten Raum, auf dessen weissen Oberflächen Yi Bakterien angesiedelt hatte. Das sah dann in ungefähr so aus, als sei die Wohnung am Ende von 2001: A Space Odyssey von Schimmelpilz überwuchert. Eklig, aber beeindruckend.
Eine weitere Spezialausstellung präsentierte unter anderem Tuschezeichnungen und Briefe Vincent van Goghs. Ohne Bakterienbefall.

 
Kinky Boots

Wenn es um Musicals geht, sollte man stets an den englischen Komiker Stewart Lee denken und an seine Einschätzung dieser Kunstform:

Music Theatre, the genre which gave us Andrew Lloyd Webber and the tribute shows, combines the worst aspects of music with the worst aspects of theatre to create a mutant hybrid that is the worst form of live art that exists. There are few aspects of human artistic endeavour that are of less moral or asthetic worth than Music Theatre.
(Aus seinem Buch How I Escaped My Certain Fate. Lee war übrigens einer der Köpfe hinter dem Skandalmusical Jerry Springer: The Opera.)

Dies gesagt, ist Kinky Boots gar nicht so schlecht. Das Stück handelt von einer Schuhfabrick in England, die kurz vor der Schliesslung steht — da kommt der junge Besitzer auf die Idee, hochhackige Stiefel für Drag Queens herzustellen. (Normalerweise sind hochhackige Stiefel für Frauen gedacht und deswegen nicht stabil genug für transvestierende Männer.) Natürlich sind nicht alle der Fabrikarbeiter begeistert davon, ausserdem möchte die tussige Verlobte des jungen Fabrikbesitzers lieber, dass er mit ihr nach London zieht, als auf dem Land zu bleiben und die Fabrik seines verstorbenen Vaters zu retten.

Wer jemals im Leben einen Hollywoodfilm oder ein Musical gesehen hat, kann den Verlauf der Handlung von Anfang bis Ende vorhersagen, aber Kinky Boots ist gerade unterhaltsam genug, damit es einem nicht allzu sehr auf die Nerven geht, dass die Handlung eine Ansammlung von Klischees ist und streng nach Schema F verläuft. Bloss der Konflikt am Ende des zweiten Akts (den es braucht, damit sich im Finale umso schöner alles in Wohlgefallen auflösen kann) ist arg an den Haaren herbeigezogen (kurz gesagt: der junge Fabrikbesitzer entwickelt sich aus dem Nichts heraus zu einem Arschloch, sieht am Ende jedoch ein, dass er falsch lag).

Hauptverantwortlich für Kinky Boots ist Cindy Lauper. Die Musik und der Look sind dann auch stark vom Stil der 80er beeinflusst, was absolut auf meiner Linie ist (ich schäme mich nicht zuzugeben, dass Girls Just Want to Have Fun eines meiner absoluten Lieblingslieder ist).
Zudem geht das Musical leichtfüssig und locker mit den Themen Transvestitismus und Männlichkeitsvorstellungen um — das ist nicht unbedingt tiefsinnig, aber jederzeit der erzplumpen Antirassismus-Botschaft von Wicked überlegen.

Apropos: Wicked war am Broadway und im West End derart erfolgreich, dass jetzt die Schweiz mit einer eigenen Version nachzieht: Anna Göldi — Das Musical. (Ab dem 7.9. am Rheinfall.)

 
Soviel zu unserem Kulturprogramm in New York. Ich bereue bloss, dass wir es nicht geschafft hatten, einen Comedy Club zu besuchen — immerhin ist New York die Welthauptstadt der Stand-up-Comedy. Aber an jenem Abend, der in Frage gekommen wäre, war ich krank. Hach. Ein andermal.

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