New York #4: Besuch bei Stephen Colbert

Late Shows sind ein Grundbaustein des amerikanischen Fernsehens. Hosts wie David Letterman, Jon Stewart oder John Oliver kennt man auf der ganzen Welt. Und selbst wenn man kein Englisch kann und einem US-TV am Arsch vorbei geht, ist einem das Konzept der Late-Night Talk Show hierzulande dank der Harald Schmidt Show oder, gottseibeiuns, Giacobbo/Müller bekannt.

Lettermans Late Show auf CBS war stets die coolere Alternative zur erfolgreicheren Tonight Show with Jay Leno auf NBC. Nachdem Letterman schliesslich in Pension ging, übernahm für ihn Stephen Colbert (vorher Host des Colbert Report, der Schwesternsendung zu Jon Stearts Daily Show) im September 2015. Derweil wurde bei der Tonight Show Jay Leno durch Jimmy Fallon abgelöst.
Zunächst sah es aus, als würde Fallon Colbert abhängen wie seinerzeit Leno Letterman, doch dann wurde Trump zum Präsident gewählt — und Colbert profilierte sich als scharfer Kritiker der grossen blonden Orange, so dass er inzwischen unumstritten auf dem ersten Platz hockt.

Soviel dazu, was The Late Show with Stephen Colbert überhaupt ist. Wir hatten jedenfalls das Glück, VIP-Tickets für eine der Sendungen zu kriegen (indem wir einen Mitarbeiter mit Schweizer Schokolade bestachen). So gehen wir gegen 14 Uhr (denn natürlich werden diese Sendungen nicht am Abend live übertragen, sondern vorher aufgezeichnet) zum Ed Sullivan Theatre, das ganz in der Nähe des Time Square liegt. Und wir sehen: Wer kein VIP-Ticket hat, muss stundenlang anstehen. Aber auch wir müssen ein wenig warten, bis wir in den Saal eingelassen wurden. Wenigstens wird man in der Schlange von TV-Bildschirmen und aufgestellten Angestellten bespasst.

Wenn dann mal alle drinnen sitzen, erklärt uns ein Produzent das ganze Vorgehen (wenn er zum Beispiel mit dem Zettel in seiner Hand winkt, sollen wir alle total ausflippen) und bringt uns ein Warm-Up-Comedian in die nötige Feierlaune. Die Live-Band stellt sich vor und spielt füs uns, anschliessend tritt Colbert selbst auf und plaudert ein wenig mit dem Publikum. (Wer kein VIP-Ticket hat, muss zwar lange warten, darf dafür aber im Parkett in Griffweite von Colbert sitzen.) Immer und immer wieder bläut man uns ein, dass wir möglichst viel und laut klatschen und lachen sollen. Als schliesslich die eigentliche Aufzeichnung beginnt, ist es halb vier.

Wir hatten einen guten Tag erwischt: Im Eingangs-Monolog schilderte Colbert, wie ihn Trump höchstpersönlich angegriffen hatte — und freute sich diebisch darüber, dass der Präsident der Vereinigten Staaten sich dazu hatte provozieren lassen, abfällig über ihn (also Colbert) zu sprechen.

Die Show wird speditiv runtergekurbelt. Wo später in der Ausstrahlung die Werbeblöcke kommen, gibts während der Aufzeichnung eine Pause, in der die Band für uns spielt. Inzwischen bereitet Colbert mit den Produzenten und Assistenten das nächste Segment vor. Ab und zu gibts einen zweiten Take, wenn unser Host sich zum Beispiel bei einer Ansage verspricht, und es wird am Ende nicht das gesamte Material verwertet, aber insgesamt dauert das Aufnehmen nicht viel länger als die fertige Sendung.

Abschluss ist ein kurzer Stand-up-Auftritt des muslimischen Komikers Ramy Youssef — ebenso tiefsinnig wie lustig, eine echte Entdeckung.

Als brüllendes Klatschvieh zu dienen, wird mit der Zeit ganz schön anstrengend. Am Ende hatten wir wunde Hände und heisere Stimmen und wurden wieder in die freie Natur entlassen.

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