handicaped facing

dodlheirat

Ich kannte mal einen Schauspieler. Wir waren nicht gerade gut befreundet, aber ich mochte ihn ganz gern und begegnete ihm ab und zu. Dieser Mann spielte dann die Hauptrolle in einem Westschweizer Film über einen Autisten, eben diesen, und gewann für diese Arbeit den Schweizer Filmpreis gegen eine sehr etablierte Konkurrenz. Mich hat das damals sehr gefreut für ihn. Bis ich den Film ein Jahr später auf Arte gesehen hab und ihn nach einer halben Stunde hab ausschalten müssen, zu sehr hab ich mich fremdgeschämt für diesen fernen Freund, der da den Kasper macht für etwas, von dem er offensichtlich nichts versteht. Ein anderer Freund nannte diesen Film „Guten Zeiten, Schlechte Zeiten für Linke“.

Ich kenne mich aus persönlichen Gründen sehr gut aus mit Menschen mit Behinderung, denn ich verdienen seit Jahren mein Brot mit ihnen bzw. mit der Unterstützung von ihnen. So habe ich mir auch den Film „Wedding Doll“ angeschaut. Zum Film. Er ist solala. Es geht um eine junge Frau mit Namen Hait. Sie hat sich als Kind auf Grund eines Zwischenfalls mit anderen Kindern, mehr wird nicht verraten, eine leichte Behinderung eingefangen. Der Hauptteil dreht sich um ihre unschuldige Liebe zu einem Mitarbeiter. Dieser Part ist misslungen bzw. ziemlich langweilig. Spannender ist jener Teil, welcher sich um den Konflikt ihrer Mutter zwischen Behüten und Loslassen dreht. Dieser ist eher gelungen.

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass die auf dem Spiel mit Klischees beruhende amerikanische Herangehensweise total scheitert. Ob das am Thema liegt, weil der Trend eigentlich in die Richtung geht, Menschen mit Behinderung nicht mehr zu verallgemeinern, sondern in ihrer Diversität zu zu lassen, oder daran, dass der Film in Israel spielt, weiss ich nicht. Die Authentizität, die erreicht werden möchte, berührt einen höchsten ab und zu und dann peinlich. Drehbuch auf jeden Fall zero Points. Aber auch die Machart ist sehr, damit zu klassisch. Man würde wohl dem Menschen mit Behinderung gerne neue Geschichten geben, irrt aber in den üblichen Wendungen der unglücklichen Liebes- und Familiengeschichte herum, ohne Mut, aufs Ganze zu gehen.

Ich hab mal vor Jahren einen Film mit lauter Kleinwüchsigen gesehen, die 120 Minuten lang mies behandelt wurden und sich auch gegenseitig mies behandelten. Leider mag ich mich nicht mehr an den Titel des Films erinnern. Der Regisseur, der später oder schon da anscheinend, so sagt es die Erinnerung, sehr erfolgreich wurde, sprang als Entschädigung als einer Art Wette und Ausgleich für die Schauspieler in einen Kaktus und hat sich lebenslänglich einen Schaden zugefügt. Die kleingewachsenen Menschen liess er einen Film lang sinnlos aufeinander losgehen, zusammen mit bösartigen Tiere. Der Film war total an den Haaren herbeigezogen und hat mir trotzdem viel über das Menschsein erzählt. Wenn es der Film ist, denn ich dann raus gegoogelt hab, der es sein könnte, mag ich mich offensichtlich nicht an viel erinnern und an das auch noch falsch.

Ganz anders „The Weeding Dools“ als handelsüblicher Samstagabendschinken mit halt einer Frau mit Behinderung zum emotionalen Zuspitzen. Die Schauspielerin Moran Rosenblatt, welche „Hait“ spielte, bekam in Israel ebenfalls einen wichtige Preis für ihre Darbietung. Ich fand diese genau so lächerlich wie jene von dem wunderbaren Schauspieler aus der Schweiz. Denn beide haben einfach mit grossen Gesten das überspielt, was als Charakter der Protagonisten hervorkommen könnte. Die Schwäche der Schauspielerei, die ich eher vom Theater her kannte, das man zu subtilem Spiel nicht fähig ist, weil man glaubt, es trage nicht genug und dass man dann mit grosser Kehle drüberfahren müsse, äussert hier einen unbewussten Blick auf Menschen mit Behinderung. Denn damit illustrieren sie, dass ein Mensch mit Behinderung immer vor allem eines bleiben kann: ein Behinderter. (Man sagt heute im deutschen Sprachraum politisch korrekt deshalb Menschen mit Behinderung, damit der Mensch vor der Behinderung kommt, auch sprachlich, im Spiel der beiden hier erwähnten Schauspieler in den jeweiligen Filmen ist es umgekehrt. )

Dabei hätte es ja durchaus kreatives Potential, sich Menschen mit Behinderung zu widmen. Diese scheitern oft an unserer kollektiven Vorstellung von Sein und Schein und wir an den ihren. Da liegen also durchaus spannende Geschichten. Aber im Gegensatz zu den meisten Filmhelden werden sie nicht irgendwann plötzlich gut oder perfekt, weil sie bleiben ja zumindest in unseren Augen behindert. Diese Problem löst man, indem Menschen mit Behinderung, wie bei „Wedding Doll“ die arme Hait, besonders gut und besonders schön sein müssen. Dabei kämpfen Menschen mit Behinderung in aktuellen politischen Prozessen gerade um Mitbestimmung und wenn nötig Hilfe, aber egal zu welchen Bedingungen. Auch Arschlöcher haben Barrierefreiheit verdient. Hier tritt ein sozialer Rassismus zutage, den solche Filme auch noch im Namen des Guten für sich zu proklamieren getrauen. Menschen mit Behinderung sind also grundsätzlich schlecht und deshalb müssen sie besonders gut sein. Und es spitzt sich an einem weiteren Punkt sogar noch zu.

Es gibt inzwischen genug professionelle Schauspieler mit einer Behinderung, die eine solche Rolle spielen könnten. Und deshalb finde ich solche Filme einfach nur noch peinlich. Sie scheitern nicht nur in ihrer Resonanz zur Realität, wo man sich mehr Mut zu fiktiven Freiraum wünscht, nein sie billigen sich selbst in diesem Scheitern als Prothese von Menschen, die besser sein müssen, als es die Gesellschaft zu sein schafft. Übel! Man traut diesen Menschen offensichtlich nicht zu, sich selbst zu spielen, und spricht ihnen damit die kulturelle Selbstdefinition ab. Dabei muss man natürlich z.B. ans Theater Hora aus Zürich denken und darf sich erstaunt fragen, ob für einmal das Theater dem Film um Jahre voraus ist.

 

Wedding Doll, Israel 2015, 82 Min
Regie & Drehbuch: Nitzan Giladi
Mit Moran Rosenblatt, Assi Levy, Roy Assaf u. a.

 

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Ein Gedanke zu “handicaped facing

  1. Der Film mit den Kleinwüchsigen klingt seeehr nach diesem Regisseur, der mit diesem Schauspieler zusammengearbeitet hat, von dem der fragliche Regisseur nämlich gesagt hat, Eingeborene hätten ihn (also den Regisseur) gefragt, ob sie den anderen (also den Schauspieler) umbringen sollen.

    „Die Schauspielerin Moran Rosenblatt, welche „Hait“ spielte, bekam in Israel ebenfalls einen wichtige Preis für ihre Darbietung.“
    O Mann. Behinderte dienen der heutigen Gesellschaft in erster Linie als Vorlage für Oscar-Bait.

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