New York #2: Wilder wohnen

Als verwöhnter Schweizer wundere ich mich teils über die Verhältnisse in New York, eigentlich doch ein Finanzzentrum der westlichen Welt. Über die schütteren Strassen habe ich mich bereits ausgelassen; hinzu kommt die nicht viel gesündere Subway (immerhin, es gibt ein paar Prestige-Stationen, die in Schuss gehalten werden, und die New Yorker Subway ist nicht so übel feuchtwarm wie die Londoner Tube).

Oder man nehme unsere Wohnung: Wie unser Gastgeber sagt, wurde das Gebäude 1989 erbaut (ein Backsteinklotz mit fünf oder sechs Stockwerken), es macht jedoch eher den Eindruck, es sei in den 30ern hochgestampft und irgendwann innenrum notdürftig renoviert worden. Wo man im Erdgeschoss den Knopf drückt, damit der Fahrstuhl kommt, sitzt die Wandplatte locker. Tritt man auf unserem Stockwerk in den Flur hinaus und sucht den Weg zur richtigen Tür, kommt man an einer Nische mit Waschmaschinen und Trockner vorbei, die dem Anschein nach provisorisch hingestellt und verschaltet wurden. Ich bin mir fast sicher, die Nische wurde nachträglich in die Wand gerissen.
Die Böden in der Wohnung: unebener Spannteppich, der stellenweise Wellen wirft oder sich an den Rändern aufrollt und bei jedem Schritt knarzt. Auch beim Waschbecken. Die Dusche/WC-Kammer ist so eng bemessen, dass ich die Stirn gegen die Tür lehnen kann, während ich auf dem Klo sitze.
Der Wasserdruck des Duschhahns bleibt sich immer gleich schwach; mit dem Auf- und Zudrehen reguliert man lediglich die Temparatur — je weiter man aufdreht, desto kälter. Sehr intuitiv ist das nicht, und weil dazu jede Änderung der Temparatur eine Ewigkeit dauert, habe ich beschämend lange gebraucht, bis ich das System durchschaut habe.
Die Toiletten in den USA sind im Ruhezustand anscheinend bis zur Hälfte mit Wasser gefüllt, das ist hier normal. Habe ich mich auch erst dran gewöhnen müssen.
Das Badezimmer ist ziemlich verschimmelt, was zum einen mit der schlechten Lüftung, zum anderen aber mit unserem verhängten Gastgeber zu tun hat. Zu ihm später mehr.

Die Tür zu unserem Zimmer hängt schräg in der Angel und lässt sich von aussen nicht mehr abschliessen. New Yorker Betten sind eher hoch gebaut (wie halt auch die Häuser, hahaha), mit hohem Gestell, hohen Matratzen und voluminösem Kopfteil. Wenn man schon aus einem Bett fällt, dann richtig.
Der Lärm von Baustellen (auf dem Nachbargrundstück wird grad ein neues Haus errichtet), hupenden Autos, Verkehrsrauschen und Sirenen (gleich um die Ecke liegt ein Spital), der rund um die Uhr lärmig lärmt, fördert keinen Tiefschlaf. So ist das halt mitten im Finanzdistrikt; für die zentrale Lage haben wir auf Nachtruhe verzichtet. (Es gibt sicher gut isolierte Gebäude in der Gegend; unsere Bude gehört nicht dazu.)

Die Wohnung ist zweistöckig, wobei das ursprünglich mal zwei übereinanderliegende Wohnungen waren. Den Boden des oberen Wohnzimmer hat man herausgerissen und nur eine Galerie übrig gelassen, die man über eine abenteuerlich steile Treppe erreicht. Da oben gibts ein Bad und zwei Schlafzimmer; im hinteren wohnen wir. Die Koffer da hoch zu kriegen, ist nicht ganz einfach.

Lustig ists, wenn wir spätnachts aus der Stadt zurückkommen, denn auf der Strasse bei unserem Block wuselt es vor lauter Ratten. Dicke, freche Viecher sind das, die einem nicht so ohne weiteres aus dem Weg gehen. Keine Frage, wem die Stadt tatsächlich gehört.
Die New Yorker stellen ihren Müll ja einfach in Plasticksäcken auf die Strasse. Da liegt also so ein Haufen von Müllsäcken auf dem Trottoir, in dem es raschelt und quiekt, als fresse sich da eine ganze Kolonie den Bauch voll.
Und aus dem Fahrstuhl kommt uns eine grosse Kakerlake entgegen. New York!

Die schönste Zugabe ist aber unser Gastgeber. Ein ziemlicher Hippie, wenn man ihn sich so anschaut, mit langen Haaren und Blumenhemd (meistens läuft er oben ohne rum, damit man sein Tattoo sieht). Allerdings arbeitet er als eine Art Kredithai. Er ist die ganze Zeit mit Gras am vapen, seine Freunde ebenso, dementsprechend riecht die Wohnung. Dann pfeift er sich wieder Koks rein, in einer urgemütlichen Selbstverständlichkeit, so richtig klassisch: Mit der Kreditkarte Lines zurechtrücken und mit der aufgerollten Dollernote hochziehen. Hab ich bisher tatsächlich nur aus dem Fernsehen gekannt. New York!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s