Dario Argentos „Opera“: Raben, Heidi, Blut

Arg selten tritt der Fall ein, dass ein Film von Dario Argento in einem Zürcher Kino läuft. Letzthin aber zeigte das Houdini Opera (1987), „erstmals in digital restaurierter Fassung“. Juhui! Und dazu noch in der ungekürzten italienischen Originalversion. Der Film war ja bis 2015 in Deutschland indiziert, was wiederum heisst, dass er auch in der Schweiz nicht so ohne weiteres erhältlich war. Was unter anderem deswegen fies ist, weil die Schweiz im Film eine nicht ganz unwesentliche Rolle spielt. Aber dazu später.

Die Handlung von Opera dreht sich um eine Inszenierung von Verdis Macbeth (in italienischer Aussprache „Maggebett“). Das Werk steht anscheinend im Ruf, verflucht zu sein, und tatsächlich: Die Sopranistin wird von einem Auto angefahren, so dass die junge, unerfahrene Betty (Cristina Marsillach) ihre Rolle übernehmen muss. Wider Erwarten meistert die Nachwuchssängerin die Aufgabe mit Bravour. Dafür zieht sie nun die Aufmerksamkeit eines Killers auf sich — Schockschwerenot!

Besagter Killer hat einen einigermassen schrulligen modus operandi: Er überwältigt jeweils Betty aus dem Nichts heraus, knebelt sie und bindet sie irgendwo fest. Daraufhin befestigt er eine Reihe von Nadeln solchermassen an ihren Augenlidern, dass sie jene nicht mehr schliessen kann. Während er Betty damit zum Hinsehen zwingt, greift sich der Killer das nächstgelegene Opfer (unter anderem Bettys Freund) und bringt dieses blutig um.
Das mit den offen-geklebten Augen erinnert ein wenig an A Clockwork Orange und ist nicht zuletzt ein ironisches Spiel mit dem Voyeurismus der Horrorfilmfans. Und diesen Voyeurismus bedient Argento dann auch ausgiebig, mit viel Kunstblut und makaberem Humor. So arbeitet der Opernregisseur im Film, Marco (Ian Charleson), mit Raben — die Poe-Anspielung liegt auf der Hand, und es versteht sich von selbst, dass irgendwann im Laufe der Handlung einer der Vögel jemandem ein Auge auspickt.

Apropos Ironie: Eben jener Opernregisseur war ursprünglich ein Horrorfilmregisseur. Das gibt Argento Raum für ein paar Seitenhiebe auf sich selbst sowie auf die Geringschätzung der Hochkultur für Horror. Schade jedoch, dass Argento den Regisseur nicht selbst spielte; das wär doch ein netter Gag gewesen.
Jedenfalls dauerte es bis 2013, bis Argento seine Filmfantasie in Realität umsetzte und tatsächlich eine Oper inszenierte — und zwar den Macbeth. Was denn auch sonst.
Darüber hinaus fabrizierte er 1998 eine Filmversion vom Phantom der Oper (ein weiterer merklicher Einfluss auf Opera), aber die ist dem Vernehmen nach kein sonderliches Meisterwerk.

Wie dem auch sei, zurück zu Opera: Jenseits von Splatter und Selbstironie ist schon ziemlich auffällig, dass sich Argento weder um Figuren mit nachvollziehbarer Motivation noch darum kümmert, ob sich die Handlung am Ende schlüssig auflöst. Was den Killer angetrieben hat, muss man sich jedenfalls selbst zusammenreimen, und Bettys Verhalten ist derart frustrierend blöde, dass es verdammt schwer ist, für sie irgendwelche Empathie aufzubringen.

Dafür hat Opera ein herzallerliebstes Finale: Nachdem der Killer während eines Brandes umgekommen ist, macht Betty Ferien in den Schweizer Bergen (Rekonvaleszenz und so). Was Argento konsequenterweise wie einen kitschigen Heidi-Film darstellt. Mit blühenden Wiesen, blauem Himmel und lieben Tierchen. Dabei bleibt es auch, als das Böse noch ein letztes Mal in Betty Leben tritt (Überraschung!). Unfassbar.

Für Zürcher Horrorfilm-Fans lohnt es sich wohl, ein Auge auf das Houdini zu halten — da kommt ab und zu mal Grusel und Splatter in einer Einzelvorstellung. Irgendwer in der Belegschaft hat wohl etwas übrig für das Zeug.

Opera (dt. Terror in der Oper)
Italien 1987, 107 Min.
Regie: Dario Argento
Drehbuch: Dario Argento, Franco Ferrini
Mit Cristina Marsillach, Ian Charleson, Urbano Barberini, Daria Nicolodi, William McNamara et al.
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