„Am Anfang hatte die Vogelscheuche noch zwei Beine“

Letzten Freitag hat Rafael Sommerhalder mit seinem animierten Kurzfilm Au revoir Balthazar den Schweizer Filmpreis für den besten animierten Kurzfilm gewonnen. Wir haben ihn ein paar Tage zuvor in seinem Atelier besucht, und er war so freundlich, uns ein paar Fragen zu beantworten. Er hat uns davon erzählt, wie er mit Claude Barras (Ma vie de Courgette) in einer WG wohnte, und wie er auf das Design seiner Hauptfigur gekommen ist.

Und da liegt sie auch in einem Kistchen, die kleine Vogelscheuche, zusammen mit den anderen Figuren aus Au revoir Balthazar. Sommerhalder führt mich gerade durch die Räume von Crictor (das kleine Studio hat er zusammen mit Zita Bernet gegründet).
Letzten September sah ich den Film am Fantoche und war rechtschaffend begeistert. Da geht es um eine Vogelscheuche namens Balthazar (ein grandioses Gebastel aus Holzabfällen und Schrott), die während eines Schneesturms aus der Erde gerissen wird. Am Boden liegend, findet Balthazar eine Muschel und hört darin das Rauschen des Meeres – als ihm eine Krähe diese Muschel entreisst, nimmt er die Verfolgung auf. Der Anfang einer langen Reise.
 

Rafael Sommerhalder
Kulturmutant: Du warst mit deinen Filmen ja immer wieder am Fantoche, hast 2007 den Trailer gemacht oder mit Flowerpots gewonnen. Bist du dem Festival besonders verbunden?

Rafael Sommerhalder: Ich habe in Lausanne eine „klassische“ Filmschule besucht, bevor ich angefangen habe, mich für den Animationsfilm zu interessieren. Und das Fantoche war einer der wenigen Orte in der Schweiz, wo man sich animierte Filme anschauen konnte. Um 2000 gab es ja weder Vimeo noch YouTube.

Dein Abschlussfilm an der Kunsthochschule in Lausanne (der ECAL), Ely & Nepomuk, war dann auch dein erster Animationsfilm, nicht?

Es wurde erwartet, dass man einen Spielfilm oder Dokumentarfilm macht. Dann ist mir irgendwann diese Geschichte in den Sinn gekommen, und es hat sich anerboten, diese als Animationsfilm zu realisieren. Die Schule hatte glücklicherweise nichts dagegen.
Claude Barras (der Regisseur von Ma vie de Courgette) war in Lausanne mein Mitbewohner. Er war auch an der ECAL, aber in einer anderen Abteilung. Sie hatten ein keines Labor für Computeranimation, wo sie hauptsächlich gerendert haben (lacht).

Und jetzt seid ihr beide am Schweizer Filmpreis nominiert.

Stimmt. Claude hat an der ECAL angefangen, mit After Effects zu arbeiten [einer Software für Computereffekte und Animation]. Es hat mich fasziniert, dass man da derart die Kontrolle hat – du kannst dir etwas ausdenken und das einfach am Computer umsetzen. Du musst nicht erst Kameras beschaffen oder ein Filmteam suchen.
Claude hat mich stark dahingehend beeinflusst, dass ich mich überhaupt für Animationsfilm zu interessieren begann. So habe ich Ely & Nepomuk mit Flash gemacht.

Später hast du in London Animationsfilm studiert.

Zuerst Zita Bernet und ich Crictor gegründet. Wir sind beide so um 2000 fertig geworden in Lausanne, wir haben Sachen für die Expo gemacht und dokumentarische Auftragsarbeiten. Ich hatte aber Lust, noch einmal in die Schule zu gehen, auch weil mich die Welt des Animationsfilms immer stärker interessiert hat, und habe mich in London am Royal College of Art beworben. Das erste Mal hat es nicht geklappt. Dann habe ich ein Jahr später nochmals die gleiche Bewerbung eingeschickt und einfach das Datum angepasst (lacht). Glücklicherweise hat es dann funktioniert.

Wie kam es denn überhaupt zur Gründung von Crictor?

Zita und ich haben uns schon vor Lausanne gekannt, wir haben in Zürich bei einem Lokalsender als Praktikanten gearbeitet. Sie hat hauptsächlich Kamera gemacht und ich mehr so Interviews und Schnitt. Dort haben wir uns getroffen. Sie ist nach Lausanne gegangen, ich dann auch; wir haben an der Schule ein oder zwei Filme zusammen gemacht. Wir haben einfach gemerkt, dass das gut funktioniert.

Jetzt aber zu Au revoir Balthazar. Ursprünglich hiess der Film ja ganz einfach Die Vogelscheuche und das Meer.

Das war lange Zeit der Arbeitstitel. Für den endgültigen Titel haben wir dutzende Varianten gewälzt. Es war mir wichtig, dass ein Name im Titel vorkommt, dass man also die Figur mit diesem Namen verbindet, sobald man sie sieht. Das bringt es auf eine persönliche Ebene. Und dann wollte ich einen Titel, der nicht unbedingt Englisch ist, den man aber trotzdem auf der ganzen Welt versteht. Aber ich habe dann begriffen, dass man „au revoir“ längst nicht überall versteht. Und Balthazar ist auch nicht der geläufigste Name.

Woher kommt denn der Name eigentlich?

Er hat mir einfach gefallen und ich fand es lustig, dass er sich auf „au revoir“ reimt.

Die Produktion übernahm ja die freihändler GmbH aus Basel. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Diese Verbindungen haben alle so lange Wurzeln (lacht). Claudia Frei, also der „frei“-Teil von freihändler, war Regieassistentin bei Zitas Abschlussfilm. Als ich aus der Schule kam, habe ich an einem Treatment-Wettbewerb 10‘000 Euro gewonnen – aber ich wusste, dass das viel zu wenig ist, um einen Film zu machen. Also habe ich freihändler angefragt. Und Claudia Frei hat dann den Film produziert, Herr Würfel.

Der als Vorfilm lief zu Dani Levys Alles auf Zucker!

Und in der Romandie bei Broken Flowers von Jim Jarmusch. Dadurch hat unser Film sehr viele Eintritte gemacht. Wunderbar – aber wir konnten ja eigentlich gar nichts dafür (lacht).
Nach meinem Studium in London hatte ich wieder grosse Lust, einen Film zu machen, und ich habe wieder Claudia Frei gefragt. Sie hat auch angefangen, Au revoir Balthazar zu produzieren. Es ging dann aber sehr lange – das Geld hatten wir eigentlich schon 2010 zusammen. Sechs Jahre dauerte die gesamte Produktionszeit. Claudia hatte irgendwann genug vom Filmbusiness – nicht wegen mir, hoffe ich. Sie hat sich neu orientiert und ist jetzt in einem ganz anderen Beruf tätig. Stella Händler, der andere Teil von freihändler, hat sich dafür Balthazar angenommen. Zum Glück waren sie zu zweit (lacht).

Wie hast du das Figurendesign von Balthazar ausgetüftelt?

Es war ein langsames Herantasten mit ganz vielen Varianten. Am Ende bin ich auf diese einfache Form gekommen. Aber ich finde, das ist jetzt ein bisschen ein Nachteil für den Film. Eigentlich wollte ich keinen Kinderfilm machen, aber an den Festivals wird er oft als Kinderfilm programmiert, was wohl auch ein Stück weit am Design liegt. Balthazar ist recht süss. Der Film hätte etwas dreckiger sein können. Aber ich konnte dann nicht mehr zurück, weil die Produktion eh schon viel zu lang gedauert hat.

Mir hat es grade gefallen, dass Balthazar einem auf den ersten Blick sympathisch ist.

Faszinierend fand ich, dass das Design bei den Leuten funktioniert, obwohl es so simpel ist. Balthazars Gesicht ist ja wie ein Smiley, mit zwei Punkten und einem Strich für die Nase.

Ja. Aber allein schon dadurch, dass er die Augen zumacht, oder dadurch, wie er sich bewegt, wird schon sehr viel vermittelt.

Es ist immer mein Ziel, alles möglichst herunterzubrechen, zu vereinfachen und die Essenz zu finden. Auch die Geschichte ist sehr simpel, aber die einzelnen Teilchen müssen genau ineinander passen. Beim Animationsfilm macht man ja zuerst eine Animatic, ein animiertes Storyboard — eine grob zusammengestiefelte Vorform vom fertigen Film. Davon gibt es auch ungefähr hundert Versionen. Aber wenn du das Dossier liest, das wir für verschiedene Filmförderstellen gemacht haben, ist es im Grunde dieselbe Geschichte. Bloss, dass die Vogelscheuche damals noch zwei Beine hatte. Eine Vogelscheuche mit zwei Beinen, so etwas Dummes (lacht).

Die Geschichte ist extrem einfach, aber die Details erwecken sie zum Leben.

Ich finde faszinierend, wieviel du als Zuschauer hineinprojizierst, sobald dir die Möglichkeit gegeben ist. Balthazar macht eigentlich nichts anderes, als zu blinzeln. Er hat weder Mund noch Augenbrauen, die Emotionen sichtbar machen könnten. Der Zuschauer projiziert die eigenen Empfindungen in eine Figur hinein. Empfindungen, die diese fürs ich genommen nicht haben kann, da sie leblos ist, zusammengebastelt aus Abfall.
Im Grunde ist das der Kuleschow-Effekt. Kuleschow zeigte in einem Experiment das Bild eines Mannes mit neutralem Gesichtsausdruck und dann einen Teller Suppe, und die Zuschauer haben diesem Mann Hunger zugeschrieben.

Im Animationsfilm oder im Comic sieht man ja häufig sehr einfache Figuren. Der Comicexperte Scott McCloud hat theoretisiert, dass einfache Figuren besonders zur Identifizierung einladen.

Ja, dass du eine Projektionsfläche aufmachst, wenn du abstraktere Figuren zeigst.

Au revoir Balthazar
CH 2016, 9:30 Min.
Regie & Drehbuch: Rafael Sommerhalder
Au revoir Balthazar läuft am Dienstag, dem 28. März, an der Filmstelle — und zwar als Vorfilm zu The Ice Storm.

Hier gehts zur offiziellen Webseite des Films.

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