Holzfällen: Ein Mann hat die Wut

„Während alle auf den Schauspieler warteten, der ihnen versprochen hatte, nach der Aufführung der Wildente gegen halbzwölf zu ihrem Abendessen in die Gentzgasse zu kommen, beobachtete ich die Eheleute Auersberger genau von jenem Ohrensessel aus, in welchem ich in den frühen Fünfzigerjahren beinahe täglich gesessen war und dachte, dass es ein gravierender Fehler gewesen ist, die Einladung der Auersberger anzunehmen.“

So beginnt die schönste Schimpftirade (eine Erregung, so der Untertitel) deutscher Sprache, die sich im Folgenden fast zweihundert Seiten lang hinzieht. Der Icherzähler gehörte einst dem künstlerischen Kreis um das Ehepaar Auersberger in Wien an, als er noch ein junger angehender Schriftsteller war. Schliesslich verkrachte er sich jedoch mit der Gesellschaft und entzog sich über zwanzig Jahre jeglichem Kontakt, wanderte zwischendurch nach London aus – bis eine Frau, die Joana, die zum selben Kreis gehört und die der Icherzähler damals gerne mochte, sich zuhause in ihrem Heimatdorf erhängt, und der Icherzähler die Auersberger wiedertrifft, woraufhin ihn Frau Auersberger zu einem künstlerischen Abendessen einlädt, zu dem ein berühmter Schauspieler vom Burgtheater erwartet wird, woraufhin der Icherzähler die Einladung wider besseren Wissens annimmt und auch tatsächlich hingeht. Da sitzt er nun im Ohrensessel, wie einst vor über zwanzig Jahren, und schimpft innerlich vor sich hin, fast schon in der Art eines stream of consciousness (wenn auch nicht ganz so radikal wie bei Joyce), in einem manischen Tonfall, in dem sich dieselben Themen immer wieder wiederholen, was einerseits dem Zwanghaften am Cholerischen entspricht, andererseits einen Rhythmus und eine Musikalität entwickelt, die an Ravels Bolero erinnern, der in der Tirade dann auch tatsächlich eine Rolle spielt. Gegen diesen Stil muss man mit aller Macht ankämpfen, um nicht automatisch in ihn zu verfallen, sobald man über Holzfällen schreibt, derart eingängig ist der Rhythmus und die Musikalität dieses Stils. Eine Chance, an Bernhard heranzureichen, hat man doch eh nicht (man muss sich nur mal anschauen, wie Maxim Biller in seiner Rezension zu Bernhards Meine Preise an dem Versuch scheitert).

Der Icherzähler schimpft über die Auersberger, über alle, die zu diesem künstlerischen Kreis dazugehören, aber auch über sich selbst, weil er zu schwach war, die Einladung zu diesem künstlerischen Abendessen auszuschlagen, oder weil er auf seine Art ebenso verlogen und widerwärtig ist wie sie, weshalb sich seine Wut gerade auch gegen ihn selbst richtet. Der Icherzähler schimpft darüber, dass ihm die Auersberger und ihre Spiessgesellen immer von den hohen Weihen der Kunst erzählt, dann selbst aber doch nur dilettantischen Quatsch geschaffen haben (mehr dazu hier), dass sie einst über den Kunstbetrieb Wiens geschimpft, sich aber längst selbst dem Staat an den Hals geworfen haben und jetzt Staatskunst machen. Der Icherzähler schimpft über junge Leute, über alte Leute und über die Künstlervernichtungsmaschine Wien.

So geht das immer weiter, auch als endlich der Burgschauspieler auftaucht, auf den man stundenlang gewartet hat, und der ebenso abstossend und widerwärtig ist wie die Auersberger Abendgesellschaft. Wenigstens gibts jetzt endlich Fogosch (Zander) zu essen.
Der Wendepunkt in der Schimpftirade kommt schliesslich, als Jeannie Billroth, die sich selbst für die grösste Schriftstellerin, ja Dichterin Österreichs hält, die sich mit Virginia Woolf vergleicht, ja sogar der Meinung ist, sie sei einen Schritt weiter gegangen als die Woolf, als eben diese Jeannie Billroth nicht davon ablassen kann, den Burgschauspieler immer wieder zu provozieren – bis es diesem reicht und er seinerseits eine Schimpftirade vom Stapel lässt, gerichtet gegen die Billroth, die dem Icherzähler vorkommt, als nehme ihm der Burgschauspieler die Worte aus dem Mund. Da erfahren wir dann auch endlich, was es mit dem Holzfällen im Titel auf sich hat (was ich an dieser Stelle jedoch nicht wiedergebe).

Als Holzfällen im Jahre 1983 herauskam, gabs einen kleinen Skandal, denn der Text ist autobiographisch gefärbt, und gewisse Personen aus Bernhards (ehemaligem) Bekanntenkreis erkannten sich darin wieder. Im Holzfällen-Band der Werkausgabe (Hrsg. Martin Huber und Wendelin Schmidt-Dengler) gibts einen Anhang, der unter anderem auch die Geschichte dieses Skandals nachvollzieht, etwas trocken in den Schilderungen, aber sehr ausführlich. Verlegt beim deutschen Suhrkamp-Verlag, wurde damals das Buch in Österreich streckenweise auf gerichtliche Anordnung beschlagnahmt, was wiederum Bernhard derart wütend machte, dass er einmal verfügte, keins seiner Bücher dürfte jemals wieder in Österreich vertrieben werden. Irgendwann wurde der Beschlagnahmebeschluss von der nächsthöheren Instanz widerrufen und schafften es die fraglichen Parteien, zumindest eine Waffenruhe einzugehen.

Einerseits versteht man die Klage ja schon, denn in seinen Schmähreden in Holzfällen kennt Bernahrd kaum eine Zurückhaltung. Sein fiktiver Komponist Auersberg zum Beispiel ist nur eine notdürftige getarnte Verballhornung des realen Komponisten Lampersberg, und den beschreibt Bernhard im Buch mitleidlos als Möchtegernkünstler, der sein Talent und Können vor Jahren schon im Alkohol ertränkt hat, der sich während des künstlerischen Abendessens hemmungslos besäuft, seine Frau schlägt und Unsinn lallt und ansonsten gewohnheitsmässig junge angehende Künstler sexuell ausbeutet. Verständlich, dass sich Lampersberg ein wenig daran gestört hat. (Man kann sich aber schon fragen, ob man heutzutage die Verbindung Lampersberg/Auersberg so ohne weiteres herstellen würde, hätte Lampersberg damals nicht geklagt – Stichwort Streisand-Effekt. Zumindest dürfte die Klage die Kaufzahlen des Buches in die Höhe getrieben haben.)
Andererseits spielt Holzfällen offensichtlich mit dem Fiktiven und dem Realen, spielt mit dem Unvernünftigen des Cholerischen, mit Übertreibung und Überspitzung – und zu guter Letzt, wie erwähnt, geht der Icherzähler mit sich selbst nicht weniger streng um als mit den Leuten, die er hasst, die er aber letztlich irgendwie doch nicht hasst, die auch nicht widerwärtiger oder opportunistischer sind als er selbst. Holzfällen ist mehr ein Rundumschlag gegen das Allgemeinmenschliche als gegen bestimmte Personen.
Zudem haben solche Schimpftiraden gerne den Effekt, auf den, der sie hält, zurückzufallen – und tatsächlich, der Icherzähler von Holzfällen erscheint einem ein Stück weit wie ein cholerischer Spinner, dessen Urteile man nicht allzu ernst nehmen sollte; zumindest müsste man ein ziemlicher Depp sein, um sich diesen Urteilen unreflektiert anzuschliessen. Wer Holzfällen liest und denkt, ja, genau so ist das mit dem Wiener Kunstbetrieb und den Wiener Künstlern, oder der nicht merkt, dass er selbst ebenso gemeint ist wie die widerwärtigen und abstossenden Figuren im Buch, der hat dieses Buch nicht verstanden. (Hierzu siehe auch Reich-Ranicki.)

Wie man sich vorstellen kann, mag ich das Buch auch deshalb, weil ich gerne Schimpftiraden lese, besonders über Kunst, weil ich selber gerne schimpfe, besonders über Kunst. Etwas frustrierend finde ich dann aber, dass der Icherzähler lang und breit über die (Pseudo-)Künstler schimpft, dabei jedoch nie darauf eingeht, was genau an ihrer Kunst er so schlimm findet. Attacken ad hominem anstelle einer sachlichen Auseinandersetzung. Aber das haben Schimpftiraden wohl so an sich.

Holzfällen
Von Thomas Bernhard
Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007 (Thomas Bernhard: Werke, Bd. 7)
Erstveröffentlichung 1983
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