Das sich der Feststellung zu entziehen versuchende Tier Michel Houellebecq

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„Sexualität ist eine Sonne.
Sexualität ist ein Abgrund.“

André Comte-Sponville

Michel Houellebecq ist kein Autor, den man flüchtigen Bekannten empfiehlt. Zu kontrovers sind seine Thesen, zu provokant seine Sprache, zu abstossend seine Sicht auf unsere Gesellschaft, zu animalisch sein Verständnis von Sexualität, als dass man unkommentiert mit ihm in Verbindung gebracht werden möchte. Man kennt sich ja noch nicht wirklich…

„Ich habe meine Hand genähert und sie unter das Körbchen geschoben, so dass ich nach und nach ihre Brust ertasten konnte. Sie hat sich nicht gerührt, sondern ist nur ein wenig starr geworden und hat die Augen geschlossen. Ich habe meine Hand weiter vorgeschoben, ihre Brustwarzen waren hart.“ (Elementarteilchen)

Zum ersten DVD-Abend bringt man besser keinen Porno mit. Die Gefahr der Ächtung überwiegt die mögliche Wirkung der Suggestion. Bekanntlich wird die Emma noch gelesen, und seit dem scheusslichen Kollektivgegrabsche in Köln und der im Leerlauf drehenden Lehrveranstaltung zur Sexualkultur im Sinai wärmt auch Alice Schwarzer wieder das Sitzleder Deutscher Talkshows. Lieber Vorsicht walten lassen, ein wenig schüchtern, gar prüde wirken, und möglichst konform gehen. Houellebecq demaskiert – und das tut gut.

Kein anderer ernstzunehmender Autor unserer Zeit hat sich in so kurzer Zeit so viele leidenschaftliche Feinde geschaffen, wie Michel Houellebecq – und gleichzeitig so viele begeisterte Leser gewonnen. Die Feuilletonszene spie Gift und Galle, verlangte mit spitzer Feder des Houellebecqs Kopf. Bis heute sind die Kritiker nicht verstummt. Elitenschweiss belohnt des Pöblers Fleiss.

Aber spätestens seit dem Erscheinen seines Kulturromans Karte und Gebiet, in dem sich die zeitgenössische Kulturindustrie entkleidet spiegelt, prägt eine innige Hassliebe die Beziehung der Kritiker zum Kritisierten. Endlich wird über ihresgleichen geschrieben. Vor lauter Begeisterung leidet die Radish seither an Dauerschluckauf, und im Jahr 2010 wird Houellebecq den Prix Concourt verliehen. Vom diplomierten Bauer zum Literatenkönig.

„Der Boden rings um das Haus war steinig und sehr weiss, von geradezu erbarmungslosem Weiss. Die Katze hat mich mehrmals angesehen, während ich onanierte, aber sie hat die Augen geschlossen, bevor ich ejakulierte. Ich habe mich gebückt, einen grossen Stein aufgehoben und den Schädel der Katze zertrümmert; Gehirnmasse spritzte auf.“ (Elementarteilchen)

Die von Zigarettenrauch und vom Alkohol gegerbte Haut, die schlaksige Gestalt und die übergrosse Stirn, welche die Augen zu verdecken scheint, machen Houellebecq durchaus zu einer Gestalt, von der man erwartet, dass sie den Leser skrupellos in den Abgrund stürzt. Aber wohl kaum, dass man deren sexuellen Fantasien teilt oder zumindest deren Faszination nachvollziehen kann.

Schier unerträglich wird es, wenn man sich beim Lesen Michel Houellebecq in der Rolle des Protagonisten vorstellt. Ihm quasi beim Sex zuschaut. An seiner Lust teilhat. Bedenkt man die vielen autobiographischen Züge in seinen Werken, erscheint diese Befürchtung gar nicht so abwegig.

Wiederum ist Houellebecq der meistgelesene Autor seiner Generation. Seine Werke werden in rund 40 Ländern aufgelegt. Man ist also keineswegs allein im Unbehagen, dem Houellebecq das Sprechen lehrt. In unseren Trieben sind wir gleich – sexualité, égalité.

„Nachdem ich mich eingeschlossen hatte, steckte ich zwei Finger in meinen Rachen, aber es kam nur enttäuschend wenig heraus. Danach masturbierte ich, mit grösserem Erfolg. Anfangs dachte ich natürlich ein wenig an Véronique, aber dann konzentrierte ich mich auf Mösen im Allgemeinen und wurde ruhiger.“ (Ausweitung der Kampfzone)

Nun lässt der Romantiker lauwarmes Wasser in die Badewanne laufen und krallt sich die nächste Packung Aspirin. Denn sobald die Lust der Begierde und diese Begierde wiederum unseren Trieben gleichgesetzt wird, taugt sie nicht mehr zum romantischen Gefühl. Houellebecq ist folglich auch kein Romantiker im klassischen Sinne. Abgesehen vom suchenden Wesen hat er mit ihnen nicht viel gemein. So sieht er sich selbst eher als einen Realisten, der aber auch ganz gut zum Pessimisten taugt.

Und an Kulturpessimismus mangelt es seinen Büchern wahrlich nicht: Houellebecq will beobachtet haben, dass global gesehen die zwischenmenschlichen Beziehungen abnehmen. Wir bekunden unser Bedürfnis nach Liebe und Zweisamkeit auf entsprechenden Onlineportalen, wobei unser Webauftritt den Anschein macht, als hätte ein überbezahlter Produktmanager sie gestaltet. Aber schliesslich suchen wir ja auch nicht irgendein Partner, wir suchen den ElitePartner – immerfort.

Tag für Tag konkurrieren Dating-Apps wie Tinder oder Badoo mit der Fleischtheke im Supermarkt. Man wählt sich das beste Stück, verlässt sich dabei aber einzig auf die trügerische Marinade. Der Ekel richtet sich nicht gegen den Körper als solchen, wie Houellebecq fälschlicherweise annimmt, sondern gegen einen Körper, der dem Optimum nicht entspricht.

„Erst hat sie ihr T-Shirt ausgezogen, dann den BH, dann ihren Rock, wobei sie unglaubliche Grimassen schnitt. Ein paar Sekunden lang drehte sie sich, nur mit dem Höschen bekleidet, im Kreis, und als ihr nichts mehr einfiel, begann sie sich wieder anzuziehen.“ (Ausweitung der Kampfzone)

Die Selbstoptimierung hat längst auch unser Verständnis von Liebe pervertiert. Krankhaft wird versucht, den eigenen sexuellen Wert relativ zu seinen Mitkonkurrenten möglichst hochzuhalten, um sich so eine entsprechende Nachfrage sichern zu können. Bildende Kunst meint heute Gewichte stemmen und Proteinpulver panschen. Im Vergleich hierzu gibt sich thailändischer Sextourismus oder die klassische Prostitution geradezu trivial, archaisch und definitiv authentischer.

„Die nach festen Regeln ablaufenden sadomasochistischen Praktiken können nur kultivierte Verstandesmenschen interessieren, auf die Sex keine Anziehung mehr ausübt. Für die anderen gibt es nur noch eine Lösung: Pornoprodukte und Prostituierte. Und wenn sie richtig Sex haben wollen, die Länder der Dritten Welt.“ (Plattform)

In einem Interview, welches Houellebecq der Zeitschrift L’infini gab, klagte er über eine Gesellschaft, die alles dafür tut, die Begierde zu wecken, ohne die Mittel zu ihrer Befriedigung bereitzustellen. Dem reifen Mann werde gar das Recht, Sex zu haben, abgesprochen.

Für Houellebecq ist das Verkümmern der menschlichen Sexualität also in erster Linie ein soziologisches Phänomen: Die Sexualität ist ein System sozialer Hierarchie. Verstärkt etwa durch die Pornographie, neben der die Realität zu verblassen droht, da die pornographische Darstellung der Sexualität das Reale tötet.

Nicht erst seit der Omnipräsenz des Internets floriert der Pornokonsum. Doch dank der grassierenden MILF-Mania verdient sich Julia Ann trotz fortgeschrittenem Alter goldene Nippel. Nur möchten wir schrecklichen Kinder der Neuzeit nicht von der eigenen Mutter erwischt werden, wenn man zu kopulierenden Müttern onaniert. Die eigene biologische Herkunft soll der sexuellen Zukunft schliesslich nicht genügen. Wieder diktiert die Scham, doch diesmal tötet das Reale die Darstellung.

„Im Augenblick, als mein Vater meine Mutter von hinten nahm, hatte sie die unglückliche Idee, den Arm auszustrecken und seine Hoden zu streicheln, sodass es zur Ejakulation kam. Sie hatte Lust empfunden, aber keinen richtigen Orgasmus. Kurz darauf hatte sie kaltes Huhn gegessen.“ (Ausweitung der Kampfzone)

Eine andere Pornosparte die gemäss dem Economist zum Kassenschlager mutierte, ist paradoxerweise die ganze Teen-Kategorie, wobei einem Mädchen präsentiert werden, die zwar vollmundig beteuern, bereits volljährig zu sein, jedoch bewusst kindlich erscheinen sollen. Die Vollendung findet sich schliesslich in der Synthese der beiden Kategorien, die sich in Bezeichnungen wie „Stepmom bangs Teen“ manifestiert. Les extrêmes se touchent!

Mitverantwortlich für den Niedergang der Sexualität ist für Michel auch der Niedergang der Sentimentalität. Die Welle des Sadomasochismus ist mehr als eine reine Modeerscheinung. Auch wenn dahinter der Wille steht, neue Looks zu verkaufen, entspricht er genau gesehen einer bestimmten Lesart zwischenmenschlicher Beziehungen. SM ist nicht sehr sinnlich. Man benutzt Accessoires und kleidet sich in sterilem Leder. Hautkontakt unterwünscht.

Entsprechend sei der moderne Westen für ein menschenwürdiges Leben ungeeignet, und niemand habe ein Interesse daran, dies zu ändern. Schliesslich wolle der Westen gar nicht leben. Michel hat bis heute nicht verkraftet, dass die Menschheit aus dem Paradies vertrieben wurde. Eine Schuldige ist bei diesem Gleichnis auch nicht weit: Die Religion.

Michel Houellebecq begeht bei seiner pauschalen Religionskritik jedoch einen folgenschweren Kardinalsfehler. Der Religionsphilosoph Eric Vögelin postulierte bereits im Jahr 1938 in seiner Studie über die Politischen Religionen, dass man den Begriff der Religion von den gängigen Lehren religiöser Institutionen trennen muss, um eine differenzierte Betrachtung zu ermöglichen.

Wenn nun Houellebecq kritisiert, dass die Religion die menschliche Sexualität zu unterdrücken versucht, mag das für die katholische Kirche, die jeglichen Geschlechtsverkehr, der nicht der Fortpflanzung dient, als Sünde geisselt, zutreffen. So war selbst ihre heilige Gottesmutter für Sex zu prüde: Oh heilige Jungfrau Maria, die du empfangen hast, ohne zu sündigen, lass mich sündigen, ohne zu empfangen!“ Die heiligen Schriften lassen sich aber auch durchaus anders lesen. Im liberalen Religionsverständnis gibt es kein Monopol auf deren Auslegung. Kein Dogma darf existieren. Alles Ständige und Stehende verdampfe! Freie Fahrt der Hermeneutik!

Der Islam beispielsweise versteht sich als Religion Ismaels, der wiederum der uneheliche Sohn Abrahams ist. Der Islam verdankt seinen Namen also einem Produkt der befriedigten fleischlichen Begierde in Verbindung mit toleriertem Ehebruch und ist somit eine lustvolle Religion a priori.

Erinnern wir uns, dass für Houellebecq die Begierde nur durch Befriedigung Wert erlangt. So handelte Abraham ganz in Houellebecqs Sinne. Alles also gar nicht so dumm, geschweige denn das Dümmste…

Bedenkt man noch, dass bekanntlich Abraham der Stammvater aller drei grossen monotheistischen Religionen ist, kann sein Sexualverhalten auch als Relativierung für die obige Aussage über die Katholiken dienen. Nach alttestamentarischer Auffassung stammen wir alle irgendwie von diesem handelnden Lüstling ab, und dies kann als Aufwertung des Monotheismus verstanden werden.

Man darf auch nicht vergessen, dass Adam und Eva splitternackt und ohne Scham im Garten Edens umherstreiften. Nie wieder wurde die Sexualität als so natürlich wahrgenommen wie im Paradies der Genesis. Die Scham wurde von Gott als Strafe für den Menschen konzipiert: „ … und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren … “ Somit ist es naheliegend, dass Scham auch für Gott etwas Schlechtes ist, das den Menschen peinigen soll.

Erst nach einem gottgefälligen Leben können wir nach gängiger Lehre mit Gottes Erbarmen rechnen und wieder ins Paradies zurückkehren, wo willige Jungfrauen – Inschallah! – uns vom Joch der Kleidung befreien. Splitternackt nehmen uns die geflügelten Engel in Empfang, liebkosen Gottes Werk und endlich geben wir uns der ewigen Lust hin – in Hieronymus Boschs Garten der Lüste.

„Ich presste meine Hände gegen Margaritas Arsch, drang immer tiefer in sie, versuchte nicht mal mehr, mich zurückzuhalten. In dem Augenblick, da Valérie einen Schrei ausstiess, kam auch ich. Ein oder zwei Sekunden lang hatte ich das Gefühl, mich meines Gewichts zu entleeren, in der Luft zu schweben.“ (Plattform)

Doch wieso sollen wir uns durchs Leben quälen? Wieso sollen wir so lange warten, bis wir Lust empfinden dürfen, ohne uns der Sünde schuldig zu machen?

Wäre Houellebecqs Denken nicht so sehr von Schopenhauer, sondern mehr von seinem Zeitgenossen Feuerbach geprägt, hätte er vielleicht sein Schaffen in den Dienst einer neuen sozialen Ordnung gestellt.

Nicht Gott hat den Menschen aus dem Paradies geworfen. Die Menschen haben vielmehr Gott ins Horizontale gezogen. Ihre Vertikalspannung aufs Weltliche bezogen. Homini Homus Deus Est. Der Mensch sei des Menschen Gott. In frei ausgelebter Sexualität der Ewigkeit versichert. Durch die plastische Transzendenz permanenter Ejakulation ins Metaphysische erhoben. Amen.

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