Kinorückschau 2016: Die Guten ins Töpfchen

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Über die schlechtesten Filme des Jahres haben wir schon gesprochen. Meine Bestenliste ist ein gutes Stück länger geworden als die Schlechtestenliste, und wieso nicht? Über schlechtes Zeug abzuhaten ist ja ganz lustig, aber lieber sprech ich über die Sachen, die ich toll finde — weswegen ich auch gespannt wäre, von euren Lieblingsfilmen des letzten Jahres zu hören.

13. Doctor Strange / Deadpool
Zugegeben, diese beiden Superheldenschinken setze ich nur mit Vorbehalten auf diese Liste: Deadpool ist nicht wirklich die Subversion des Superhelden-Genres, die er zu sein vorgibt („I’m not a damsel in distress“, leck mich doch am Arsch!), und Doctor Strange ist abgesehen von den grandiosen Bildern doch etwas gar formelhaft — aber die zwei Streifen holen so ziemlich das Maximum dessen aus dem Superhelden-Genre heraus, was aus diesem herauszuholen ist, zumindest in diesem Jahr. (Für die echten Meisterwerke des Genres verweise ich an Batman Returns, Birdman — und vor allem The Toxic Avenger, der weitaus beste aller Avengers-Filme.)

12. Jheronimus Bosch — Touched By the Devil
Filme über Kunst gehen mir oft auf die Nerven, weil man darin herzlich wenig über die Kunst erfährt, um die es geht. Für Spielfilme gilt das sowieso — Cézanne et moi war dieses Jahr ein Paradebeispiel dafür. Kein Wort darüber, was Cézannes Bilder so spannend gemacht hat, nein, dafür jede Menge Namedropping. („Oh, là, là, der Typ kannte Monet!“)
Aber auch viele Dokumentarfilme machen sich dessen schuldig, wie das spanische Porträt Hieronymus Bosch – Garden of Dreams. Der Film setzt sich nur am Rande mit Boschs Schaffen auseinander, in erster Linie macht er Werbung für das Museum, das die Doku in Auftrag gegeben hat. (Wieder mit lauter Namedropping: „Uiuiui, Salman Rushdie findet Bosch auch toll!“)
So richtig toll ist dagegen das holländische Gegenstück zu Letztgenanntem, Jheronimus Bosch — Touched By the Devil (bitte nicht verwechseln!). Die Holländer (darum „Jheronimus“ statt „Hieronymus“) werfen nicht nur einen witzigen Blick hinter die Kulissen des modernen Museumsbetriebs, man lernt dabei tatsächlich auch einiges über Bosch und seine Zeit, sowie über die Methoden der modernen Kunstwissenschaft.
(Ein ähnlich guter Dokumentarfilm war übrigens Peter Handke — Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte, der eine gute Balance zwischen Personenkult und Kunstvermittlung hinkriegt.)

11. Ouija: Origin of Evil
Während der erste Teil ein kleines Meisterwerk der unfreiwilligen Komik ist, so ist diese Fortsetzung ein kleines Meisterwerk, einfach weil der Film toll ist. Eine ebenso subtile wie lustige Hommage an die Klassiker des Horrorgenres. Dazu mit der besten Leistung einer Kinderdarstellerin seit langer, langer Zeit: Alexis G. Zall spielt alle ihre Erwachsenen Kollegen an die Wand. (Soviel übrigens dazu, dass man schlechte Kinderdarsteller von Kritik ausnehmen müsse, weil sie halt Kinder seien.)
Ein weiterer toller Horrorfilm voller Anspielungen auf die Geschichte des Genres ist übrigens Michael Krummenachers Sibylle, von dem ich mir bloss etwas mehr Mut zum Trash (oder, spezifischer, zu trashigen Horroreffekten) gewünscht hätte. Aber für den Abschlussfilm eines Basler Regisseurs an einer deutschen Filmschule ist das ziemlich sensationell.

10. Arrival
Selbst wenn ich der einzige Mensch auf der Welt bin, der Denis Villeneuves Prisoners schwach fand — Sicario hat mich begeistert. Und nun auch Arrival, der erste Science-Fiction-Film des kanadischen Regisseurs. Ein perfekter Gegenentwurf zu Christopher Nolans Interstellar: bescheidener in Anspruch und Aufwand, aber weitaus intelligenter und emotional tatsächlich berührend.

9. Hardcore Henry
Schlicht einer der besten und aufregendsten Actionfilme aller Zeiten. Nie zuvor wurde die POV-Perspektive derart spektakulär fürs Kino umgesetzt — wenn im Finale ein Queen-Song ertönt, so hat sich dieser Film das tatsächlich verdient. Und ganz nebenbei beweist Hardcore Henry, dass ein guter Actionfilm noch lange nicht dumm sein muss. Danke dafür.
Allerdings finde ich es nach wie vor absolut unverzeihlich, dass der Schweizer Verleih den Film nur in der Synchronfassung ins Kino brachte.

8. The Lobster / Zoology
Das sind gleich zwei Filme, die gesellschaftliche Umstände mithilfe von Tiersymbolik satirisch aufs Korn nehmen — der eine Film befasst sich mit dem Liebesverständnis im kaptialistischen Westen (The Lobster), der andere mit dem Kampf des Individuums gegen die russische Öffentlichkeit (Zoology). Diese Vorgehensweise erlaubt zum einen überraschende Gedankengänge, zum anderen einen gewissen Unterhaltungswert (ohne, dass dieser auf Kosten beissender Kritik gehen würde).
Gerade im gesellschaftskritischen Arthousefilm herrscht ja sonst ein ermüdend plumper Realismus vor, der von den Filmemachern zudem kaum reflektiert wird. Das Ergebnis davon sind Filme, die sich sehr wichtig nehmen, aber nicht über Klischees hinauskommen und ebenso manipulativ sind wie die durchschnittliche Hollywood-Schnulze, von der sich Independent-RegisseureInnen so gern distanzieren. Leider ist diese Schule des Filemmachens noch lange nicht tot, wie beispielsweise der Zürcher Nachwuchsfilm Peripherie gezeigt hat.
Jedenfalls werde ich im neuen Jahr lieber Ausschau halten nach Filmen wie The Lobster und Zoology.

7. The Hateful Eight
Quentin Tarantino ist nach wie vor der einzige Regisseur mit Breitenwirkung, der machen kann, was er will, und das auch gnadenlos ausnutzt. Ein Western als dreistündiges Dialogdrama? Aber sicher doch! Tarantinos selbstverliebte Art kann einem mitunter auf die Nerven gehen — aber er ist Gold wert in einer Zeit, in der sich das Mainstreamkino nichts traut, während mutige Filme nur eine verschwinden geringe Zielgruppe finden.

6. Homo Sapiens
Simpler gehts kaum: Homo Sapiens zeigt einfach verschiedene leerstehende Gebäude in einer Reihe von unbewegten Einstellungen. Es passiert nichts, und doch ist dieser Dokumentarfilm unfassbar spannend — denn man lässt sich von der Atmosphäre mitreissen und stellt sich im Kopf zwangsläufig die Geschichten vor, die hinter diesen menschenleeren Orten stecken.

5. Por si acaso
Dieser Kurzfilm entstammt einem Workshop des iranischen Regisseurs Abbas Kiarostami (einer der vielen, vielen Künstlern, die dieses Jahr verstorben sind), und er (also der Kurzfilm) hat mich haltlos begeistert, begeistert michh immer noch. Der Brasilianer Pedro Freire hatte nur einfachste Mittel zur Verfügung, setzte diese aber perfekt ein und machte eine clevere kleine (Pseudo-)Doku, die Fiktion mit Wahrheit vermischt und dabei einige völlig unerwartete Wendungen nimmt. Moral der Geschichte: Auch mit kargen Ressourcen kannst du einen tollen Film machen, sofern du eine gute Idee und das nötige Können hast, um sie geschickt umzusetzen. Quasi das genaue Gegenteil zu Transcending — The Beginning of Josephine.
Andere erwähnenswerte Kurzfilme aus 2016:
Au revoir Balthazar
Kaiju Bath

4. Anomalisa
Charlie Kaufmans erster Animationsfilm ist ein Meisterwerk seines Mediums, ein Meilenstein in der Geschichte des Zeichentricks (Ehrensache also, dass er an den Oscars gegen Inside Out verlor, der all seinen Qualitäten zum Trotz halt doch nur wieder der übliche 08/15-Pixar-Quark ist).
Weitere erwähnenswerte Animationsfilme:
La tortue rouge
Ma vie de courgette
Psiconautas

3. Alki Alki / The Holycoaster (S)Hit Circus
Im einen Film geht es um einen Alkoholiker und seinen besten Freund, im anderen um eine Theaterkompanie, die in Israel ein Stück über Nazis machen will: Alki Alki und The Holycoaster (S)Hit Circus sind Komödien aus dem deutschen Sprachraum, die ein kleines Budget, aber umso bessere Ideen haben. (Vergleiche Por si acaso.)
Im Übrigen hätte ich hier stattdessen beinahe Toni Erdmann angeführt, der zwar tatsächlich so genial ist, wie alle sagen, mir persönlich aber doch etwas zu lang geht.

3. Mamiroo (Immortal)
Ein alter Mann will Selbstmord begehen, scheitert aber immer wieder an den Umständen und der Verwandtschaft. Von der Idee her fast schon ein Cartoon, ist Mamiroo ebenso traurig wie witzig und vor allem eines: Bildgewaltig. Eine bitterböse und zugleich berührende Satire auf die iranische Gesellschaft. Und auch hier: Knappe Ressourcen haben den jungen Regisseur Hadi Mohaghegh nicht davon abgehalten, ein Meisterwerk zu schaffen.

2. Neon Demon
Wenn Nicolas Winding Refn einen Film macht, so landet dieser ziemlich sicher auf meiner Bestenliste, und zwar weit oben. So auch Neon Demon, diese bewusst oberflächliche Satire auf die Oberflächlichkeit der Modeszene, irgendwo zwischen Alejandro Jodorowsky, Dario Argento und Joe D’Amato, mit der besten Anspielung auf The Shining aller Zeiten.

1. Swiss Army Man
Anscheinend kriegt man die besten Filme, wenn man einen Haufen Daniels zusammenwirft. Hätte ich nicht gedacht. Ich hätte auch nicht gedacht, dass mich mal ein Film zu Tränen rührt, der sich zu einem guten Teil um Fürze und Erektionen einer Leiche dreht. Swiss Army Man erinnert an das Schaffen von Michel Gondry (The Science of Sleep), wenn der gerade einen sehr guten Tag hat, und setzt die Titelmelodie von Jurassic Park auf eine verblüffend geniale Art und Weise ein — wo sonst hätte man denn jemals diese wahrscheinlich abgenudelste Melodie der Filmgeschichte noch einmal ganz neu erlebt?

 
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