Gute Menschen, böse Umstände: A Separation

Zurzeit läuft Asghar Farhadis neuer Film The Salesman in den Zürcher Kinos. Grund genug (jedenfalls für mich), auf A Separation zurückzublicken. Jener Film bedeutete für Farhadi den endgültigen Durchbruch, gewann er damit 2012 doch den Oscar für den besten fremdsprachigen Film – das erste Mal für ein Werk aus dem Iran.

Am Anfang von A Separation begegnen wir einem Ehepaar, das vor Gericht sitzt. Simin (Leila Hatami) verlangt die Scheidung von ihrem Mann Nader (Peyman Moadi), weil sich dieser weigert, mit ihr zusammen das Land zu verlassen. Simin sieht für sich und ihre Tochter keine Zukunft im Iran. Nader dagegen hat Skrupel, seinen alzheimerkranken Vater allein zurückzulassen.

Das Gericht lehnt den Antrag der Frau ab. Ausser sich vor Wut, zieht Simin aus der gemeinsamen Wohnung aus und zurück zu ihren Eltern; die Teenagertochter bleibt beim Vater. Das fehlgeschlagene Scheidungsgesuch setzt eine unheilvolle Kette von Ereignissen in Gang, so dass sich Nader auf einmal erneut vor Gericht wiederfindet – denn er wird des Mordes angeklagt.

Farhadis Mixtur aus Scheidungsdrama und Gerichtsthriller bleibt bis zum Ende immens spannend, wenn sich die Details des Falles ganz nach klassischen Mustern allmählich aufdröseln. Dabei verzichtet der Regisseur völlig auf melodramatisches Getue und billige Effekthascherei. Ja, A Separation ist eben deshalb so packend, weil man sich zu keinem Zeitpunkt über Melodramatik oder Effekthascherei aufregen muss.

Darüber hinaus geht einem das Schicksal der Protagonisten nahe, weil sie sich allesamt zwar moralisch fragwürdig verhalten, ihre Motive aber jederzeit nachvollziehbar bleiben. „Er ist ein guter Mann“, sagt Simin dann auch über Nader beim anfänglichen Gerichtstermin. Alle sind sie gute Menschen, die an dieser unglücklichen Geschichte Beteiligten, aber angesichts der äusseren Umstände haben sie keine Chance, angesichts des Rechtsystems im Iran, angesichts von gesellschaftlichen und religiösen Regeln – oder ganz einfach angesichts von unglücklichen Zufällen.

A Separation (Jodaí-e Nadér az Simín/Nader und Simin)
Iran 2011, 123 Min.
Regie & Drehbuch: Asghar Farhadi
Mit Leila Hatami, Peyman Moadi, Sareh Bayat, Shahab Hosseini, Sarina Farhadi et al.

 

Trailer-Link

Attack of the Weekly Links: Exorzist legt Auto aufs Sofa

attack_of_the_weekly_links4

Leder-Helga und Co. | Kollege Saile hat wieder gekritzelt und erzählt von einer Domina als Weltenretterin sowie von der Psychologie des Autos.

Lebensschule | Gekritzelt hat auch Kollege Roebu drüben beim Konverter-Blog.

Pinguinfilm | Apropos Konverter: Unsere Gruppe zeigt mal wieder ihr filmisches Meisterwerk Revolte der Pinguine 2, und zwar an einer Ausstellung in Basel am 5. Feburar.

William Peter Blatty | Der Autor von The Exorcist (1971) ist am 7. Januar verstorben. Vor ein paar Jahren hab ich für Badmovies.de eine ausführliche Kritik zu Buch und Film (1973) geschrieben (so Gott will, geht Badmovies.de demnächst wieder online — Kurzfassung: Der Film gilt zurecht als Meisterwerk des Horrorfilms, die fundamentalistisch-katholische Botschaft von Blatty ist jedoch etwas eklig).
Blatty schrob übrigens auch eine Fortsetzung zu The Exorcist, nämlich Legion (1983), die er selbst unter dem Titel The Exorcist III (1990) auf die Leinwand brachte. (Bei der Verfilmung des ersten Films hatte noch William Friedkin Regie geführt.)

Onkelwahn?! Ja!!!


 

  • Es gibt bei The Simpsons diesen Hans Moleman, ein altes, verschrumpeltes Kerlchen mit dicken Brillengläsern. Homer trifft ihn einmal bei einem Treffen der Anonymen Alkoholiker, wo sich Hans zitternd erhebt und sich vorstellt wie folgt: „My name is Hans. Drinking has ruined my life. I’m 31 years old!“
    Daran musste ich denken, als Siggi Schwientek als Onkel Wanja auf der Bühne steht, die Wodka-Flasche in der Hand, und sagt: „Ich bin jetzt siebenundvierzig Jahre alt.“ (Schwientek ist 64, wirkt sogar noch zehn Jahre älter.)
  • Schönstes Bild: Ilja Iljitsch (Alexander Maria Schmidt) hebt Onkel Wanja hoch. Schwientek ist ja ein altes kleines Männchen, Schmidt hingegen ein fülliger Riese.
  • Diese Inszenierung ist so, als würde man Eis beim Schmelzen zuschauen.
  • Ernsthaft: Herzstück von Stéphane Laimés Bühnenbild ist eine Wand aus Eis (genauer gesagt, da steht ein Gerüst, an das einzelne Eisblöcke montiert sind). Das Auge kann zurückwandern zur Wand aus Eis und den Fortschritt des Schmelzvorgangs prüfen, immer dann, wenn das Stück, das sich davor abspielt, etwas dröge wird, was leider ziemlich oft der Fall ist bei dieser Inszenierung von Karin Henkel. (Ihren Amphitryon und sein Doppelgänger fand ich noch toll.)
  • Da ist zum Beispiel die Musik von Alain Croubalian, der auch persönlich mit E-Gitarre auf der Bühne steht, unter den Schauspielern, und öfters mal stille, atmosphärisch beunruhigende Töne anspielt, die dann den eigentlich komischen Dialogen das Leben aussaugen. Zwar handelt das Stück ja davon, wie die Welt der Protagonisten untergeht, aber wenn man dann die Melancholie anstelle der Komik betont, wirds bald einmal wehleidig. Ein bisschen weniger Jammern, etwas mehr Wahn wäre schön gewesen.
  • Apropos Weltuntergang: Darum das mit dem Eis, weil: Schmelzendes Eis –> Klimawandel. Der Arzt (Markus Scheumann) doziert in seiner Freizeit dann auch vom Waldsterben und der abnehmenden Biodiversität.
  • Lernt man hier was, dann jenes: Die Menschen waren immer schon schlecht und haben immer schon am Weltuntergang gewerkelt. Da kann man sich wirklich nur noch in ein frühes Grab saufen.

Hier gehts zur Webseite vom Schauspielhaus
Diese Kritik findet man auch beim Kritikerclub

Attack of the Weekly Links: The Top of the Tops

attack_of_the_weekly_links4

Ich weiss ja nicht, ob ihrs mitbekommen habt, aber letzte Woche hab ich Listen meiner Lieblingsfilme und Hass-Streifen veröffentlicht. Ich schreibe solche Jahresend-Listen nicht nur gerne, ich gucke sie mir auch gerne an. Darum: Hier ist die Liste meiner liebsten Jahresend-Listen (oder von Jahresrückblicken allgemein):

6. The Worst Films of 2016 | Brad and Dave von Stoned Gremlin (The Cinema Snob) erzählen von den schlechtesten Filmen, die sie gesehen haben. Etwas geschwätzig, die beiden, aber lustig.
Ihre Bestenliste kommt demnächst.

5. Topcomics 2016 | Die Comicgate-Schreiber (das „Innen“ ist hier unnötig) halten Rückschau auf ihre Lieblings-Waschmaschinen, äh, Lieblingscomics des Jahres.

4. Jahresrückblick 2016 | In dieser süssen Grafik schaut Schlogger auf ihr gesamtes Jahr zurück, unter anderem auch über ihre liebsten Filme, Bücher, etc.

3. The Big Fat Quiz of the Year 2016 | Hier sind’s britische Comedians, die aufs Jahr zurückblicken — in Form einer Quiz-Show!

2. The Top Ten Worst Hit Songs of 2016 | Todd in the Shadows über die schlechtesten Popsongs des Jahres. Das zeitgenössische Pop-Geschehen verfolge ich so gut wie gar nicht (ich hör nur Klassik-Radio), aber Todds Videos find ich stets unterhaltsam.
Teil 2 der Liste
Bestenliste folgt noch.

1. Top 5 Games of 2016 | Wer bisher durchs Leben ging, ohne jemals Zero Punctuation gesehen zu haben, sollte das dringedlichst nachholen. Ich habe praktisch null Interesse an Videospielen (ausser Tetris), noch weniger als an Popsongs, aber ich habe jedes einzelne Video von Yahtzee geguckt.
Yahtzees Schlechtestenliste folgt noch.

Kinorückschau 2016: Die Guten ins Töpfchen

kino2016_good

Über die schlechtesten Filme des Jahres haben wir schon gesprochen. Meine Bestenliste ist ein gutes Stück länger geworden als die Schlechtestenliste, und wieso nicht? Über schlechtes Zeug abzuhaten ist ja ganz lustig, aber lieber sprech ich über die Sachen, die ich toll finde — weswegen ich auch gespannt wäre, von euren Lieblingsfilmen des letzten Jahres zu hören.

13. Doctor Strange / Deadpool
Zugegeben, diese beiden Superheldenschinken setze ich nur mit Vorbehalten auf diese Liste: Deadpool ist nicht wirklich die Subversion des Superhelden-Genres, die er zu sein vorgibt („I’m not a damsel in distress“, leck mich doch am Arsch!), und Doctor Strange ist abgesehen von den grandiosen Bildern doch etwas gar formelhaft — aber die zwei Streifen holen so ziemlich das Maximum dessen aus dem Superhelden-Genre heraus, was aus diesem herauszuholen ist, zumindest in diesem Jahr. (Für die echten Meisterwerke des Genres verweise ich an Batman Returns, Birdman — und vor allem The Toxic Avenger, der weitaus beste aller Avengers-Filme.)

12. Jheronimus Bosch — Touched By the Devil
Filme über Kunst gehen mir oft auf die Nerven, weil man darin herzlich wenig über die Kunst erfährt, um die es geht. Für Spielfilme gilt das sowieso — Cézanne et moi war dieses Jahr ein Paradebeispiel dafür. Kein Wort darüber, was Cézannes Bilder so spannend gemacht hat, nein, dafür jede Menge Namedropping. („Oh, là, là, der Typ kannte Monet!“)
Aber auch viele Dokumentarfilme machen sich dessen schuldig, wie das spanische Porträt Hieronymus Bosch – Garden of Dreams. Der Film setzt sich nur am Rande mit Boschs Schaffen auseinander, in erster Linie macht er Werbung für das Museum, das die Doku in Auftrag gegeben hat. (Wieder mit lauter Namedropping: „Uiuiui, Salman Rushdie findet Bosch auch toll!“)
So richtig toll ist dagegen das holländische Gegenstück zu Letztgenanntem, Jheronimus Bosch — Touched By the Devil (bitte nicht verwechseln!). Die Holländer (darum „Jheronimus“ statt „Hieronymus“) werfen nicht nur einen witzigen Blick hinter die Kulissen des modernen Museumsbetriebs, man lernt dabei tatsächlich auch einiges über Bosch und seine Zeit, sowie über die Methoden der modernen Kunstwissenschaft.
(Ein ähnlich guter Dokumentarfilm war übrigens Peter Handke — Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte, der eine gute Balance zwischen Personenkult und Kunstvermittlung hinkriegt.)

11. Ouija: Origin of Evil
Während der erste Teil ein kleines Meisterwerk der unfreiwilligen Komik ist, so ist diese Fortsetzung ein kleines Meisterwerk, einfach weil der Film toll ist. Eine ebenso subtile wie lustige Hommage an die Klassiker des Horrorgenres. Dazu mit der besten Leistung einer Kinderdarstellerin seit langer, langer Zeit: Alexis G. Zall spielt alle ihre Erwachsenen Kollegen an die Wand. (Soviel übrigens dazu, dass man schlechte Kinderdarsteller von Kritik ausnehmen müsse, weil sie halt Kinder seien.)
Ein weiterer toller Horrorfilm voller Anspielungen auf die Geschichte des Genres ist übrigens Michael Krummenachers Sibylle, von dem ich mir bloss etwas mehr Mut zum Trash (oder, spezifischer, zu trashigen Horroreffekten) gewünscht hätte. Aber für den Abschlussfilm eines Basler Regisseurs an einer deutschen Filmschule ist das ziemlich sensationell.

10. Arrival
Selbst wenn ich der einzige Mensch auf der Welt bin, der Denis Villeneuves Prisoners schwach fand — Sicario hat mich begeistert. Und nun auch Arrival, der erste Science-Fiction-Film des kanadischen Regisseurs. Ein perfekter Gegenentwurf zu Christopher Nolans Interstellar: bescheidener in Anspruch und Aufwand, aber weitaus intelligenter und emotional tatsächlich berührend.

9. Hardcore Henry
Schlicht einer der besten und aufregendsten Actionfilme aller Zeiten. Nie zuvor wurde die POV-Perspektive derart spektakulär fürs Kino umgesetzt — wenn im Finale ein Queen-Song ertönt, so hat sich dieser Film das tatsächlich verdient. Und ganz nebenbei beweist Hardcore Henry, dass ein guter Actionfilm noch lange nicht dumm sein muss. Danke dafür.
Allerdings finde ich es nach wie vor absolut unverzeihlich, dass der Schweizer Verleih den Film nur in der Synchronfassung ins Kino brachte.

8. The Lobster / Zoology
Das sind gleich zwei Filme, die gesellschaftliche Umstände mithilfe von Tiersymbolik satirisch aufs Korn nehmen — der eine Film befasst sich mit dem Liebesverständnis im kaptialistischen Westen (The Lobster), der andere mit dem Kampf des Individuums gegen die russische Öffentlichkeit (Zoology). Diese Vorgehensweise erlaubt zum einen überraschende Gedankengänge, zum anderen einen gewissen Unterhaltungswert (ohne, dass dieser auf Kosten beissender Kritik gehen würde).
Gerade im gesellschaftskritischen Arthousefilm herrscht ja sonst ein ermüdend plumper Realismus vor, der von den Filmemachern zudem kaum reflektiert wird. Das Ergebnis davon sind Filme, die sich sehr wichtig nehmen, aber nicht über Klischees hinauskommen und ebenso manipulativ sind wie die durchschnittliche Hollywood-Schnulze, von der sich Independent-RegisseureInnen so gern distanzieren. Leider ist diese Schule des Filemmachens noch lange nicht tot, wie beispielsweise der Zürcher Nachwuchsfilm Peripherie gezeigt hat.
Jedenfalls werde ich im neuen Jahr lieber Ausschau halten nach Filmen wie The Lobster und Zoology.

7. The Hateful Eight
Quentin Tarantino ist nach wie vor der einzige Regisseur mit Breitenwirkung, der machen kann, was er will, und das auch gnadenlos ausnutzt. Ein Western als dreistündiges Dialogdrama? Aber sicher doch! Tarantinos selbstverliebte Art kann einem mitunter auf die Nerven gehen — aber er ist Gold wert in einer Zeit, in der sich das Mainstreamkino nichts traut, während mutige Filme nur eine verschwinden geringe Zielgruppe finden.

6. Homo Sapiens
Simpler gehts kaum: Homo Sapiens zeigt einfach verschiedene leerstehende Gebäude in einer Reihe von unbewegten Einstellungen. Es passiert nichts, und doch ist dieser Dokumentarfilm unfassbar spannend — denn man lässt sich von der Atmosphäre mitreissen und stellt sich im Kopf zwangsläufig die Geschichten vor, die hinter diesen menschenleeren Orten stecken.

5. Por si acaso
Dieser Kurzfilm entstammt einem Workshop des iranischen Regisseurs Abbas Kiarostami (einer der vielen, vielen Künstlern, die dieses Jahr verstorben sind), und er (also der Kurzfilm) hat mich haltlos begeistert, begeistert michh immer noch. Der Brasilianer Pedro Freire hatte nur einfachste Mittel zur Verfügung, setzte diese aber perfekt ein und machte eine clevere kleine (Pseudo-)Doku, die Fiktion mit Wahrheit vermischt und dabei einige völlig unerwartete Wendungen nimmt. Moral der Geschichte: Auch mit kargen Ressourcen kannst du einen tollen Film machen, sofern du eine gute Idee und das nötige Können hast, um sie geschickt umzusetzen. Quasi das genaue Gegenteil zu Transcending — The Beginning of Josephine.
Andere erwähnenswerte Kurzfilme aus 2016:
Au revoir Balthazar
Kaiju Bath

4. Anomalisa
Charlie Kaufmans erster Animationsfilm ist ein Meisterwerk seines Mediums, ein Meilenstein in der Geschichte des Zeichentricks (Ehrensache also, dass er an den Oscars gegen Inside Out verlor, der all seinen Qualitäten zum Trotz halt doch nur wieder der übliche 08/15-Pixar-Quark ist).
Weitere erwähnenswerte Animationsfilme:
La tortue rouge
Ma vie de courgette
Psiconautas

3. Alki Alki / The Holycoaster (S)Hit Circus
Im einen Film geht es um einen Alkoholiker und seinen besten Freund, im anderen um eine Theaterkompanie, die in Israel ein Stück über Nazis machen will: Alki Alki und The Holycoaster (S)Hit Circus sind Komödien aus dem deutschen Sprachraum, die ein kleines Budget, aber umso bessere Ideen haben. (Vergleiche Por si acaso.)
Im Übrigen hätte ich hier stattdessen beinahe Toni Erdmann angeführt, der zwar tatsächlich so genial ist, wie alle sagen, mir persönlich aber doch etwas zu lang geht.

3. Mamiroo (Immortal)
Ein alter Mann will Selbstmord begehen, scheitert aber immer wieder an den Umständen und der Verwandtschaft. Von der Idee her fast schon ein Cartoon, ist Mamiroo ebenso traurig wie witzig und vor allem eines: Bildgewaltig. Eine bitterböse und zugleich berührende Satire auf die iranische Gesellschaft. Und auch hier: Knappe Ressourcen haben den jungen Regisseur Hadi Mohaghegh nicht davon abgehalten, ein Meisterwerk zu schaffen.

2. Neon Demon
Wenn Nicolas Winding Refn einen Film macht, so landet dieser ziemlich sicher auf meiner Bestenliste, und zwar weit oben. So auch Neon Demon, diese bewusst oberflächliche Satire auf die Oberflächlichkeit der Modeszene, irgendwo zwischen Alejandro Jodorowsky, Dario Argento und Joe D’Amato, mit der besten Anspielung auf The Shining aller Zeiten.

1. Swiss Army Man
Anscheinend kriegt man die besten Filme, wenn man einen Haufen Daniels zusammenwirft. Hätte ich nicht gedacht. Ich hätte auch nicht gedacht, dass mich mal ein Film zu Tränen rührt, der sich zu einem guten Teil um Fürze und Erektionen einer Leiche dreht. Swiss Army Man erinnert an das Schaffen von Michel Gondry (The Science of Sleep), wenn der gerade einen sehr guten Tag hat, und setzt die Titelmelodie von Jurassic Park auf eine verblüffend geniale Art und Weise ein — wo sonst hätte man denn jemals diese wahrscheinlich abgenudelste Melodie der Filmgeschichte noch einmal ganz neu erlebt?

 
Hier gehts zur Schlechtesten-Liste

Kinorückschau 2016: Die Schlechten ins Kröpfchen

kino2016_bad

Bevor der Januar schon wieder vorbei ist, will ich doch noch meinen persönlichen Rückblick auf das Kinojahr 2016 halten. Welche Filme hab ich geliebt, welche gehasst? Meine Liste ist konsequent subjektiv und vieles steht nicht darauf, weil ich es schlicht nicht geguckt habe. (Eure Ergänzungen — oder Widerreden — sind herzlich Willkommen.)
Wie dem auch sei, hier sind meine Top Worst of 2016 (und hier wär die Liste mit den Top Best). Wo ich schon mal was über den betreffenden Film geschrieben hab, hab ich verlinkt.

8. Transcending — The Beginning of Josephine
Es gibt immer wieder Leute, die vom Filmemachen träumen und auch tatsächlich die Ressourcen dafür zusammenbekommen, aber keine Ahnung davon haben, was sie da eigentlich machen. Aus dieser Karambolage von Wunsch und Realität resultiert dann Filmschrott wie Transcending — der hier nur deshalb so weit unten auf der Liste steht, weil er immerhin ein paar herrliche Momente unfreiwilliger Komik hat. Ich würde sogar sagen: Wäre der Film insgesamt nicht so zähflüssig inszeniert, hätte er ebenso gut auf meiner Bestenliste landen können.

7. Batman v Superman: Dawn of Justice
Dieser Superheldenfilm findet sich zurzeit auf vielen Schlechtesten-Listen wieder und das zurecht. Aus dieser Grundidee einen derart freudlosen und prätentiösen Quark zu machen, das muss man erst einmal hinkriegen. Jesse Eisenberg wiederum hat als Lex Luthor die mieseste Darstellerleistung abgeliefert — nicht einfach nur von 2016, sondern aller Zeiten (Arnold Schwarzenegger war damals in Hercules wenigstens amüsant).
Übrigens, darum würd ich hier auch niemals Suicide Squad anführen. Nicht, dass der Film besonders gut wäre (Jared Leto ist als Joker fast so schlimm wie Eisenberg) — aber die Selbstmordtruppe erlaubt sich zumindest ein bisschen Humor.

6. 13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi
Michael Bay ist der Donald Trump des Hollywood-Kinos. Der Beweis: Diese Actionkino-Version des Anschlags in Bengasi. (Man erinnere sich: Dort stürmten Islamisten am 11. September 2012 das US-Konsulat in Libyen und töteten einen amerikanischen Botschafter.)
Soll heissen: 13 Hours ist laut und dumm, durchtränkt von Pathos und Patriotismus, steht politisch weit rechts und foutiert sich um alle Fakten.

5. The Jungle Book
Dieses Realfilm-Remake des Zeichentrick-Originals (1967) krankt vor allem daran, dass die Verantwortlichen den Unterschied zwischen Realfilm und Zeichentrick nicht kapiert haben. Slapstickszenen und komische Figuren, die für eine Zeichentrickwelt erdacht wurden, kann man nicht einfach 1:1 in einen realen Dschungel versetzen. (Dem finanziellen Erfolg tat das indes keinen Abbruch, grummel.)

4. Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt
Ein Junge lernt einen Roboter kennen, zusammen bauen sie ein All-Gelände-Fahrzeug und reisen damit über die ganze Welt. Sowas könnte lustig sein — und die Marionetten-Serie aus den Siebzigern ist es auch. Denn ihrer kruden Machart zum Trotz ist diese Serie (ihrerseits die Adaption eines Buches) hundertfach spektuakulärer und fantasievoller als das sinnbefreit modernisierte Realfilm-Remake (da, schon wieder!), das zu 80% in irgendeinem langweiligen Dorf in Norddeutschland spielt — als sie noch Marionetten waren, haben Robbi und Tobbi keine fünf Minuten damit verschwendet, daheim herumzuhängen.
Wo zudem das Original noch anarchischen Witz hatte, strotzt die Neuverfilmung vor Dumpfbackenhumor. Und so leid es mir tut: Ein miserabler Hauptdarsteller ist immer eine Bürde, auch wenn er ein Kinderdarsteller ist und daher nicht viel dafür kann (immerhin war der Junge besser als Eisenberg in Batman v Superman). Jedenfalls: Von vielen, vielen schlechten Kinderfilmen im letzten Jahr war Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt der allerschlechteste.

3. Dirty Grandpa / Ride Along 2
Zwei Komödien, die in ihrem Genre auf ganzer Linie versagen, aber auf den genau entgegengesetzten Enden des Spektrums:
Das Robert-De-Niro-Vehikel Dirty Grandpa versucht derart verkrampft, obszön zu sein, dass es nur noch peinlich und ermüdend ist. De Niro als wilder Opa, der dauernd ficken will, das ist genau so abgenudelt, wie es sich anhört.
Dagegen ist Ride Along 2 derart handzahm, dass der Film sogar die Hip-Hop-Tracks auf seiner Tonspur zensiert. Auf der einen Seite eine kleingewachsene Heulsuse (Kevin Hart), auf der anderen ein knallharter Superbulle (Ice Cube), zusammen müssen sie einen Kriminalfall lösen: Daraus zog schon der erste Teil keinen einzigen originellen Einfall (und gute Gags schon gar nicht).
Wenn man schon dem Irrtum unterliegt, Kevin Hart für einen komischen Schauspieler zu halten, so gucke man an sich bitte Central Intelligence an, eine Komödie mit fast genau derselben Prämisse und ebenso witzlos — aber immerhin hat Dwayne Johnson ein bisschen Charisma, im Gegensatz zu Ice Cube.

2. Alice Behind the Looking Glass
An dieser Stelle kann ich euch nur aufs Wärmste ermpfehlen, die beiden Alice-Romane von Lewis Carroll zu lesen. Das sind wunderbare Nonsensegeschichten, bei denen man nie weiss, wohin die Reise geht, in denen man aber lauter erinnerungswürdiger Figuren begegnet.
Tim Burton hat beide Bücher verfilmt (das erste als Regisseur, dieses zweite immerhin noch als Produzent), und er hat daraus vorhersehbare Fantasy-Stories gemacht, die den Figuren jegliches Leben entziehen. Noch nervtötender als bei Alice in Wonderland war dieses Mal der plumpe feministische Subtext (Drehbuch: Linda Woolverton), der mit der Subtilität eines Panzers über die Zuschauerschaft hinwegrollt — dabei lassen bereits die Bücher eine feministische Lesart zu, halt ohne Zaunpfahl für das verdummte Publikum.
Und ein kleines Detail am Rande gibt es, das ich endlich mal erwähnen will: Im Orginal ist „looking-glass“ äusserst bewusst mit einem Bindestrich geschrieben, denn Carroll war ein hochgradig akribischer Grammatik-Nerd, der jahrzehntelang (!) über jedes einzelne Komma nachgedacht hat. Das einfach so zu übergehen, ist pures Arschlochtum, spricht aber Bände über das Verhältnis der Filmemacher zur Vorlage.

1. Der geilste Tag
Was kriegt man, wenn man Matthias Schweighöfer in ein Krebsdrama steckt und ihn nach Afrika schickt? Den cineastischen Super-GAU.
Der Film handelt von zwei unsympathischen Arschlöchern liebeswürdigen Helden, die sich in einem Krankenhaus treffen. Beide haben sie nicht mehr lang zu leben, also schliessen sie einen Pakt: Sie beschaffen sich durch einen Betrug Geld, um damit noch einmal so richtig auf die Pauke zu hauen. Wenn sie sich dann darauf einigen, den geilsten Tag aller Zeiten erlebt zu haben, wollen sie gemeinsam Selbstmord begehen. Die Suche nach diesem geilsten Tag führt sie schliesslich nach Afrika.
Lahme Witze, aufdringliche Popsongs, Kitsch, Rassismus, Sexismus, Klischees, tiefsinnig gemeinte Kalendersprüche: Der geilste Tag versammelt alles, was die deutsche Komödie nach der Schule Til Schweiger so durch und durch unterträglich macht, und setzt noch das Pathos von Krebsdramen oben drauf. Absolut unentschuldbar.

 
Hier gehts zur Bestenliste

Magnus – Der Mozart des Schachs

Obwohl erst 25 Jahre alt, ist Magnus Carlsen seit vielen Jahren unangefochten der beste Schachspieler der Welt. Der Dokumentarfilm „Magnus“ begleitet das Ausnahmetalent vom Sandkasten bis zum Gewinn der Weltmeisterschaft.

Es ist nicht einfach, einen Film über Schach zu drehen, der ein grösseres Publikum erreichen kann. So enttäuschte erst kürzlich der Spielfilm „Pawn Sacrifice“ mit Tobey Maguire als Weltmeister Bobby Fischer an den Kinokassen, und ausser eingefleischten Schachspielern wird wohl wenigen Kinogängern ein anderer Film, der von Schach handelt, ein Begriff sein. „Magnus“ könnte das ändern. Denn im Film geht es zwar schon um Schach, aber vor allem um den Werdegang eines Wunderkindes, der auch für Nicht-Schachspieler interessant ist.

© Moskus Film / Knut Bjerke
© Moskus Film / Knut Bjerke

Der Film beginnt mit Aufnahmen des sehr jungen Carlsen. Oft in Gedanken, hatte er schon sehr früh Freude daran, selbständig Aufgaben zu lösen. Einen komplizierten Lego-Bausatz baute er in wenigen Stunden zusammen, und er konnte innert Kürze ein Buch über Hauptstädte, Flaggen und Einwohnerzahlen verschiedener Länder auswendig lernen. Der Vater förderte die Begabung, indem er Magnus bereits mit fünf Jahren das Schachspielen beibrachte. Damit begann eine Karriere, die ihresgleichen sucht. Carlsen arbeitete sich kontinuierlich an die Weltspitze vor und wurde im Alter von 22 Jahren Weltmeister.

© Moskus Film / Knut Bjerke
© Moskus Film / Knut Bjerke

Der Film ist sehr nahe an Carlsen dran. Es werden nicht nur sportliche Highlights gezeigt, sondern auch persönliche Momente im Kreise von Carlsens Familie oder ein nachdenklicher und verträumter Junge, dem der Trubel um seine Person oft zu viel zu sein scheint. In Interviews äussern sich auch andere Spitzenspieler über das Phänomen Carlsen, und man erfährt nebenbei, welch unterschiedliche Charaktere sich im Schachzirkus tummeln. „Magnus“ ermöglicht auf unterhaltsame Art Einblick in einen Mikrokosmos, der auch Nicht-Schachspielern herzlich empfohlen sei.

Magnus – Der Mozart des Schachs
Norwegen 2016, 78 Min.
Regie: Benjamin Ree