Der Schlitzer von Tunis

challat_de_tunisDie Kamera sitzt mit auf dem Moped, so dass wir die Perspektive eines Mitfahrers (eines Komplizen?) einnehmen. Dazu treibende elektronische Musik von der Tonspur. In einem Heidentempo nähert sich die Maschine von hinten einer jungen Frau; ohne irgendwas zu merken, geht sie die Strasse entlang. Plötzlich zückt der Fahrer ein Messer. Während das Bild zum Titel blendet, hören wir einen Schrei.
Da spielt Le challat de Tunis kurz mit den sensationalistischen Elementen des Horrorgenres. Was folgt, ist dann aber ein subtiler Dokumentarfilm. In diesem untersucht die junge tunesische Regisseurin einem Fall von 2003. Dazumal ging das Gerücht um, ein Mann rase mit einem Moped durch die Hauptstadt Tunis — und schneide Frauen mit einem Messer den Hintern auf. Elf Opfer wurden gemeldet. Zehn Jahre später versucht nun die Regisseurin herauszufinden, was hinter der Geschichte steckt, und vor allem: Wer war der Schlitzer von Tunis?

Die Behörden sind wenig kooperativ. Da geht die Regisseurin mit ihrem Kameramann zu einem Gefängnis und fragt nach dem Schlitzer. Der verantwortliche Wärter verscheucht die beiden, obwohl sie ihm eine schriftliche Erlaubnis unter die Nase halten. Und auch die Suche nach Zeugen gestaltet sich schwierig, denn es gibt derart viele unterschiedliche Geschichten und Gerüchte, dass die Wahrheit kaum noch herauszudestillieren ist. „Wir Tunesier sind die Könige der Gerüchte“, sagt einmal ein alter Mann, der in einem Café sitzt.
Dies ist das eine Thema, das sich durch den Film zieht: Zwischen korrupten Behörden, die wenig von Transparenz halten, und dem Gerede der Bevölkerung wird die Suche nach Tatsachen zur Unmöglichkeit. (Hier denke man sich einen Kommentar zum trendigen Begriff des postfaktischen Zeitalters.) Nach und nach merkt man zudem, dass es auch der Film selbst mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, ja dass Le challat de Tunis kein Dokumentarfilm, sondern eine Mockumentary ist. Was wir hier sehen, ist das wirklich so passiert, oder hat es die Regisseurin inszeniert? Kann man nicht sagen.
Einmal führt die Regisseurin ein Casting durch, um einen Laiendarsteller zu finden, der den Schlitzer spielt. Sie sucht nach einem, der die Rolle glaubwürdig rüberbringt. „Ich möchte einen echten Film“, sagt sie.

Das andere Thema, das Le challat de Tunis verhandelt, ist das des tunesischen Frauenbildes. Als das Filmteam Passanten auf der Strasse zum Fall befragt, geht es nicht lange, bis einer antwortet: „Eine Frau, die sich nicht anständig kleidet, muss geschnitten werden.“ Und der Typ setzt prompt noch einen oben drauf: „Ich bin ein Mann mit meinen Trieben, und wenn ich sie vergewaltige, wird mir niemand böse sein.“ (Wie gesagt: Dass diese Strassenbefragungen authentisch sind, steht nicht ohne weiteres fest.)
Ein andermal beobachtet die Kamera heimlich eine junge Frau in einem engen Kleid, die durchs Viertel geht — soll heissen, die Kamera beobachtet heimlich die Männer, die ihr hinterherstarren oder sie blöd von der Seite anquatschen. Da erscheint der Streich mit dem Messer bloss als Fortsetzung der schneidenden Blicke, das phallische Symbol des Messers als logische Zuspitzung sexueller Machtausübung von Männern gegenüber Frauen. (Das überaus unerfreuliche Phänomen der Säureattacke geht ja in eine ähnliche Richtung.)
Beim Casting meldet sich auch einer, der sich als der wirklich echte Schlitzer ausgibt. „Sie zu verletzen ist wie ein Orgasmus“, sagt er. Wie sich herausstellt, wurde er seinerzeit tatsächlich im Zusammenhang mit dem Fall verhaftet. In seinem Viertel ist er als Schlitzer bekannt, wird dafür fast schon verehrt. Er erzählt von seiner Wut auf die Arroganz schöner Frauen, ist besessen von der Frage nach Jungfräulichkeit, liebt von allen Frauen nur seine Mutter. Ist Jalel — so sein Name — einfach ein Gestörter oder das logische Produkt seiner Gesellschaft?
Ein schönes Bild für die schwärenden Probleme der tunesischen Gesellschaft: Mitten durch Jalels eigentlich ziemlich beschauliches Viertel führt ein Bach, der vollkommen verschmutzt ist. Darin stapelt sich der Müll, schwimmen benutzte Kondome vorbei oder liegt an einer seichten Stelle der verrottende Kadaver eines Hundes.

Nicht nur den gesellschaftlichen, sondern auch den medialen Ursprüngen von Gewalt geht die Regisseurin nach. Wie erwähnt, spielt der Anfang auf den Horrorfilm an, genauer gesagt, auf den Slasher — man denke an Filme wie Halloween (1978) oder Friday the 13th (1980) und ihre vielen, vielen Fortsetzungen und Nachahmer. Wo der Täter auch gern mit dem Messer auf junge Frauen losgeht, während die Kamera die Attacke aus seiner Perspektive zeigt. Über repressive Sexualität, das Messer als Phallus und ähnliche Themen im Slasher ist viel gesagt und geschrieben worden.
Zudem ist es kein Zufall, dass Schlitzer-Kandidat Jalel ein Scarface-T-Shirt trägt. Tony Montana, jener Typ mit grosser Wumme und patriarchalischen Sprüchen („This town like a great big pussy just waiting to get fucked“), ist eine ideale Heldenfigur für einen tunesischen Macho.
(Anmerkung am Rande: Scarface (1983) ist ein fantastischer Film, gell, und seinen Protagonisten als Helden zu verehren, zeugt von Unreflektiertheit — aber zugegeben, das Missverständnis ist schnell passiert.)
Das Filmteam trifft auch einen jungen Mann, der ein Computerspiel programmiert hat: Da ist man als Schlitzer auf dem Moped unterwegs und schneidet leichtbekleidete Frauen in den Hintern. Attackiert man jedoch eine verschleierte Frau, kriegt man Punkteabzug.
Jetzt soll man bloss nicht denken, die Regisseurin würde hier plumpes Medienbashing betreiben — eher geht es darum, dem selbstgefälligen westlichen Publikum zu zeigen, dass man eben nicht alles auf den Islam abwälzen kann, sondern dass westliche Medien und ihre geschlechterpolitisch fragwürdigen Seiten ebenfalls fatale Wirkung haben, zumindest in Tunesien. Wir sehen kein Reich des islamistischen Mittelalters, sondern eine Gesellschaft zwischen traditionellen Werten und Moderne, zwischen islamischen und westlichen Ansichten, die sich zu einem Ganzen formieren, das es Männer ebenso wie Frauen schwer macht, darin zu agieren, ohne zum Opfer dumpfer Geschlechtervorstellungen (oder von diesen zu Tätern gemacht) zu werden.

Ein letztes Beispiel für die Vertracktheit der gesellschaftlichen Umstände, das ich hier schildern möchte, ist der Virginometer. Jalel versucht eine Frau zu finden, auch wenn er als Schlitzer verschrien ist, und findet wider Erwarten eine, die mit ihm ausgeht. Aber wie kann er wissen, ob sie die Wahrheit sagt und tatsächlich noch Jungfrau ist? Er kauft eben den erwähnten Virginometer. Das ist ein Gerät mit einer Sonde, die man in den Urin der fraglichen Frau taucht — und das Gerät bestimmt, ob sie tatsächlich noch nie Sex hatte.
Die Regisseurin treibt die Person auf, die den Virginometer in Tunesien verkauft, und bei dieser handelt es sich überraschenderweise um eine Frau — eine knallharte Geschäftsfrau mit viel Geld, die international Geschäfte abschliesst. „Ich bin nach Japan gegangen und habe mich kundig gemacht“, erzählt sie von der Entwicklung des Virginometers. „Ich habe japanische Wissenschaftler getroffen, Spezialisten auf dem Gebiet.“
Man merkt, der Film hat durchaus seine humoristische Seite. Le challat de Tunis nähert sich seinen ernsten Themen mit den Mitteln der Satire, durchaus subtil, aber immer wieder sehr lustig.
Jalel versucht nun jedenfalls, den Urin seines Dates zu testen. Aber wie die Sache endet, verrate ich hier nicht.

Le challat de Tunis
Tunesien 2014, 90 Min.
Regie & Drehbuch: Kaouther Ben Hania

 
Trailer zum Film.

Bild von trigon-film

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