Das Dschungelbuch

Es ist schön, wenn man Künstler in der näheren Verwandtschaft hat. Denn dadurch kann man deren Arbeit von ziemlich Anfang an und über längere Zeit verfolgen. Angenehm, wenn einem auch gefällt, was besagter Verwandter macht. Es handelt sich in diesem meinem Fall um den Westschweizer Fotografen Yann Gross. Mir gefiel schon seine Arbeit über die verkitschte USA-Begeisterung aus dem Wallis (Horizonville) oder auch jene über Skateboard-Fahren in Uganda (Kitintale). Und deshalb möchte ich hier sein neustes Buch The Jungle Book besprechen.

Natürlich könnte besagter sehr erfolgsverwöhnter Cousin in meinem Fall jetzt denken, was ist das für eine billige Anbiederung, auf einem mehr als zweifelhaften Kulturblog, mit wenig Besuchern und ohne irgendeine Relevanz ausser für eine Gruppe von Dialektiknerds? Und hat damit natürlich Recht. Während diese Besucher wiederum denken könnten, muss der Saile schon wieder mit seiner Verwandtschaft angeben, womit sie wohl aus Erfahrung sprechen und auch Recht haben. (Immerhin ist ein anderer Onkel von mir… ok das lass ich jetzt weg.) Aber ich finde, die Fotos von Yann Gross haben eine solch direkte Poesie, dass sie und ein paar Gedanken zu ihnen ganz gut hierher passen. Trotzdem bin ich ohne Distanz und leider voll des Lobes.

In „The Jungle Book“ werden mittels Fotografie und kurzen Sätzen verschiedene Geschichten aus dem Amazonasgebiet erzählt. Dabei verfällt Gross weder ästhetisch noch inhaltlich in die üblichen Klischees, die man von dieser Gegend kennt. Es gelingt ihm mit seinen nüchternen Fotos einerseits die Exotik dieser Welt für unsere Augen zu betonen, anderseits ihre Ähnlichkeit zu uns zu thematisieren. Sei es über diese jungen Indigenas, welche in einfachsten Verhältnissen in der tiefsten Pampa leben, aber die Frisur des brasilianischen Fussballers Neymar nachahmen, oder wenn er in einfachen Bildern die Folgen der Goldgewinnung für die Natur zeigt. Mir gefällt diese Fähigkeit Nähe und Distanz sowohl inhaltlich wie auch ästhetisch nüchtern zu zeigen, ohne dabei einfache Wertungen zu ermöglichen.

Was ich mag an diesen Bilder, ist die Möglichkeit sie wirklich zu lesen, einer Geschichten in ihnen nachzuspüren, man kann durch sie durch spazieren und muss nicht wie bei einer definierten Geschichte einen Anfang und ein Ende festlegen. Es ist, als würden sie einen äusserlichen Rahmen setzen, in dem man selber denken kann, allerdings ohne sich in Allgemeinem zu verlaufen, eher als Inspiration zu Konkretem. Eine positive Fähigkeit von Bildern, die leider viel zu oft in plakativem Herzeigen ersäuft wird.  Und so funktioniert der ganze Bildband, welchen man immer wieder mal zur Hand nehmen kann, um darin zu stöbern.

Passend dazu gibt es eine grafisch ansprechende Landkarte des Amazonasgebietes, auf der man die verschiedenen Motive geographisch verorten kann. Auch hier wird die Möglichkeit zum Umherwandern suggeriert. Die Landkarte erinnert an Seekarten früherer Zeiten und damit daran, dass es immer noch etwas zu entdecken gibt, wenn denn der Blick nicht von Erwartbarem und Bekanntem, sondern von Offenheit geprägt ist.

Bei vielen anderen auch dokumentarisch-künstlerischen Arbeiten kommt es mir oft vor, dass die gezeigten und in Kunst verwursteten Objekte zwecks Verkauf als Kreativprodukt verarbeitet werden. Selbst wenn sie für sich mal Originale gewesen sein mögen, so werden sie durch ihre Darstellung zu Massenprodukten gestählt. Bei den Motiven von Yann Gross, und seien es selbst nur auf weissem Hintergrund abgebildete Fische, erscheint es mir genau umgekehrt, so dass er diesen wieder einen Wert gibt, ihnen wieder Originalität gibt durch ihre Darstellung und man dahinter eine Gegenstrategie zur alltäglichen Flut von Bildern erkennen mag, auch wenn man nicht durschaut, wie er es genau anstellt. Vielleicht ist es auch gar kein Trick, sondern bloss grosser Respekt vor der Welt, den Menschen und der Natur, welchen er in auf hohem handwerklichem Niveau gestaltete Bilder fasst.

Yann Gross: The Jungle Book
yanngross.com
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